Donnerstag, 2. August 2012

Das Geisterschloß von Juliusruh

Schon Carl Lappe, ein Freund Ernst Moritz Arndts, machte sich Gedanken zu Juliusruh: „Eine Ruhe hier? Hier an der tobenden See, die sich nur um wenige Fuß erheben dürfte, um sie zu überfluten? Neben beweglichen Dünenhügeln, deren Sand bei jedem Winde umherwirbelt?“
Nüchtern stellte er fest: „Das muss eine unruhige Seele gewesen sein, die die hübsche Ahnenburg verschmähen und gerade hier die Ruhe suchen und zu finden meinen konnte!“  Nun - wir wollen einen Blick zurückwerfen, um zu erfahren, wie und warum Juliusruh mit seinem herrlichen Park und Schloss wirklich entstand. Dazu begeben wir uns in den Inselnorden auf die Halbinsel Wittow.
Hier – auf dem Gut Presenske – wurde am 19. März 1767 Julius von der Lancken geboren. Der im Wesen stille und sinnige Schöngeist erfuhr eine frühe Förderung seiner Begabungen. Nach dem Tode seines Vaters nahm er im Frühjahr 1793 seinen Abschied aus dem Militärdienst und zog zunächst in das gemütliche Herrenhaus von Lanckensburg. Da er jedoch der Landwirtschaft wenig abgewinnen konnte, wandte sich sein Blick schon bald anderen Herausforderungen zu.
Im  Süden seines vom Bruder Ehrenfried gekauften Gutes Presenske plante er, sich einen Landsitz zu errichten. Da das Vorhaben angesichts der Rahmenbedingungen – eine mit Gras bewachsene Dünenlandschaft ohne Baum und Strauch, unwegsamer und sumpfiger Heide, den orkanartigen Stürmen der Ostsee preisgegeben  – für sein Umfeld utopisch erscheinen musste, galt Julius frühzeitig als Phantast.
Davon unbeirrt machte er sich dennoch mit viel Geduld an die Umsetzung seiner Vorstellungen. Die Gutsverwalter aus Lanckensburg und Presenske hatten dazu in den ersten Jahren unzählige Fuhren Dung auf das Unland zu fahren. Dann nachdem fruchtbarer Boden geschaffen war, begann Julius von der Lancken ab 1795 mit der Anlegung großer Gartenanlagen und hübscher Bauten. Dabei scheute er weder Mühe noch finanzielle Mittel. So mussten noch Jahre nach der erfolgten Bepflanzung in jedem Frühjahr über 300 Vierspännerfuhren mit durch Sturm eingetragener Dünensand aus dem Park gefahren werden...
Eine Beschreibung von 1803 gibt uns umfassend Auskunft über Juliusruh:
„Alle Anlagen im Garten sind beendigt und so, wie der Gartenplan es anzeigt, ausgeführt... ...Für Obstbäume aller Art, Spalierbäume, Spargeln... ...und Blumen ist gesorgt.“ Wer der Lindenallee in seiner Sichtachse folgte, erblickte ein kleines Gutshaus. „Das mit einem flachen Dach, mit einer Galerie und Vasenaufsatz verzierte Wohnhaus hat ein liebliches äußeres Ansehen...“ Räumlich gliederte es sich in zwei Säle und acht Zimmer. Ausgestattet sind sie mit „Spiegeln und Spiegeltischen nebst deren Aufsätzen, Sofas Stühlen, Uhren, darunter eine besonders schöne und kostbare Spieluhr, einer Bibliothek von eintausend Bänden, Schränken, Mahagoni- und anderen Tischen... ...englische und französische Kupferstiche in goldenen Rahmen, einigen optischen und mathematischen Instrumenten und anderes mehr...“
Das ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt eine so genaue Darstellung stattfindet, die sich auch in einer Beurteilung der finanzielle Werte ergänzt, lässt allerdings den Schluss zu, dass hier bereits ein Zusammenhang zu den finanziellen Schwierigkeiten des Gründers von Juliusruh gegeben war. Heute ist in diesem Bezug fraglich, ob die Anlage auch vollständig in seiner Bebauung erfolgte – Planunterlagen von 1835, 1880 und 1935 weisen im Umfeld des Gutshauses nur die westlichen Nebengebäude aus.
In jedem Falle sah sich Julius von der Lancken bereits 1803 zur Veräußerung seines gesamten Besitzes gezwungen. Der Verkauf von Juliusruh gestaltete sich aber schwierig: Da kein angemessener Preis zu erzielen war und die Ausspielung in einer Lotterie scheiterte, blieb letztlich nur der Verkauf an seinen Lehnsvetter Philipp, Karl-Rickmann von der Lancken, der auch die anderen Güter erwarb.
Da Juliusruh als Landsitz künstlich errichtet wurde und nach dem Verkauf an Bedeutung und Funktion verlor, versank die Anlage schon bald. Der Park verwilderte, das Gutshaus war 1807– nach kurzzeitiger Verpachtung an Adolf Friedrich von Platen - nicht mehr bewohnbar und wurde um 1820 abgetragen. Julius von der Lancken starb am 8. Juni 1831 in Berlin.
Diejenigen aber, die alle Herrlichkeit des Landsitzes und den Niedergang erlebt hatten, erzählten sich schon bald Geschichten von und über Juliusruh. Und wie immer waren auch diese mit einem Fünkchen Wahrheit ausgestattet. So ging es beispielsweise um einen Schiffbruch einer Flensburger Jacht und die Rettung der Besatzung im Jahre 1802, ferner auch um den Besuch des französischen Marschalls Brune im Jahre 1807. Angesichts des zu diesem Zeitpunkt bereits beschriebenen desolaten Bauszustandes vom Gutshaus sind an der letztgenannten Geschichte allerdings erhebliche Zweifel angebracht. Wie dem auch sei: Juliusruh mit seinen Parkanlagen und dem verschwundenen Schloß bewegt noch immer die Gemüter der Menschen. Literarisch in „Der Herr vom Park in Juliusruh“ von Ute Knauth oder als „Geisterschloss“ bei Oscar Ulrich, in Stein gehauen durch einen Gedenkstein, der im Park an Julius von der Lancken erinnert.       
Gustav Freiherr von der Lancken-Wakenitz fand in seiner Schrift „Die Gründung von Julisruh 1795“ die richtigen Worte für die Zukunft: „Möge der einst so prächtige, ehemalige Landsitz Juliusruh durch diese Zeilen für viele im Geiste wieder erstehen, indem sie an der Hand des abgebildeten alten Planes aus dem Jahre 1795 sich dadurch angenehme Stunden bereiten, dass sie in dem auch jetzt märchenhaften Parke Juliusruh alten geheimnisvollen Zeiten nachgehen, imstande noch immer die Spuren zu finden, die jene hinterlassen haben.“