Donnerstag, 23. August 2012

Ulrich Müther (1934-2007)

"Der Landbaumeister von Rügen"
Wer über ihn schreibt, hat es nicht leicht, denn es gibt die Ehrfurcht vor seinem Lebenswerk, das Klischee und die Person Müther – rundherum reihen sich Geschichten, Episoden und Anekdoten. Manche sind persönlich verklärt, andere von trockenem Humor. Wir wollen heute an  ihn erinnern, denn vor 5 Jahren – am 21. August 2007 - hieß es Abschied nehmen vom „Landbaumeister von Rügen“.
Was blieb? Die bestechende Eleganz seiner Bauten und die Faszination, wie der am 21. Juli 1934 geborene Binzer mit seinen „pommerschen Bauernsöhnen“ und „russischem Kanickeldraht“ über Jahrzehnte Ost und West verzauberte.
Entstanden sind dabei über 50 Hyparschalen. Noch heute überspannen sie Großgaststätten, Schimmbäder, Planetarien, Kirchen und Moscheen. Müther wurde durch sie zur Legende und zur Devisenquelle der DDR. Dem „parteilosen“ Aushängeschild für die Nachkriegs-Moderne machte es der Sozialismus nicht gerade leicht.
Nachdem Ulrich Müther das direkte Studium versagt wurde, erlernte er den Beruf des Zimmermanns. Dann ging Ulrich Müther an die Ingenieurschule für Bauwesen in Altr-Strelitz. Hier begann er sein Studium zum Bauingenieur. Vier Jahre Praxis folgten im Kraftwerksbau in Berlin. Sein Fernstudium an der TU Dresden krönte Ulrich Müther 1963 mit einer Diplomarbeit, die gleichzeitig Meilensteine setzte: Müthers erste Hyparschale, die einen Mehrzweckssaal in Binz überspannte, war zugleich die erste, die in der DDR gebaut wurde. Zu diesem Zeitpunkt war der begnadete Konstrukteur 29 Jahre alt und führte bereits seinen eigenen Betrieb. Die Baufirma, die 1922 durch den Vater Willy Müther gegründet wurde, steuerte Ulrich Müther dabei geschickt durch den Sozialismus: 1953 bei der „Aktion Rose“ enteignet, wird sie nach dem 17. Juni wieder zurückgegeben und firmiert 1960 zur PGH, dann 1972 zwangsweise zum VEB. 1990 entsteht aus ihr die Müther GmbH Spezialbetonbau. Bis 1999 sind in ihr über 100 Mitarbeiter in Lohn und Brot.
Doch zurück zum Ingenieur Ulrich Müther. Fachlich steht der Schalenbauer in der Tradition von Franz Dirschinger. Zu seinen ersten großen Bauten zählen der „Teepott“ in Warnemünde, das „Cosmos“ in Rostock und die „Ostseeperle“ in Glowe auf Rügen. Es folgt eine Berufung in den Arbeitsausschuss Schalentragwerke der Kammer der Technik der DDR und die nun mögliche Mitarbeit in der IASS (International Association for Shell and Spatial Structures). Damit verbunden sind erste Veröffentlichungen im IASS-Bullentin Madrid und die Teilnahme an Vorträgen und Ausstellungen im In- und Ausland.
Die internationale Zusammenarbeit und die gesammelten Erfahrungen führen zur Weiterentwicklung des Betonspritzverfahrens: 1972 wird in Oberhof der erste Bau einer künstlich gekühlten Rennschlitten- und Bobbahn möglich. Der Beton wird dabei direkt auf eine feinmaschige Drahtgewebebewehrung aufgespritzt. Vorteil: Geometrisch schwierige Membranschalen können schalungslos hergestellt werden. Nach parallelen Bauvorhaben, wie dem „Ahornblatt“ in Berlin oder dem Ruderzentrum in Dresden, kam es nun auch zur Zusammenarbeit mit Jenoptik. So entstanden beispielsweise Planetarien in Tripolis, Wolfsburg und Helsinki.
Nachdem sein einziger Sohn Christian, der als Arzt an der Universität Greifswald tätig war, kurz nach dem Mauerfall verstarb, begann Ulrich Müther, sich verstärkt sozial zu engagieren. So organisierte er seit 1990 die „Christian Müther-Gedächtnisfahrt“ mit bis zu 20 Traditionsseglern. Auf ihnen verlebten jährlich 200  Kinder erlebnisreiche Tage auf See. Daneben gründete er 1995 die Christian Müther Stiftung „Segeln mit asthmakranken Kindern“.
1997 stellte Ulrich Müther seine Bauwerke im Rahmen der Ausstellung über Ingenieurkunst des 20. Jahrhunderts im Pariser Centre Pompidou aus. Das britische Design-Magazin Wallpaper kürte ihn zur „Persönlichkeit ´99“. Mit Ulrich Müther war 2007 einer der letzten großen Rüganer aus dieser Welt getreten. Sein persönliches Motto: „Pommersche Bauernsöhne arbeiten – und reden nicht viel“ und die durch Fleiß und Kreativität erzielte Leistung haben Maßstäbe gesetzt.