Freitag, 16. November 2012

Ein Museum für Rügen

Abseits  der touristischen Pfade liegt Garz, die älteste Stadt der Insel Rügen. Ein Besuch lohnt, denn am alten Burgwall entstand 1936 auch der erste Museumszweckbau Rügens.

Rügen. (SAS) Die Entstehungsgeschichte des Garzer Museums ist eng mit dem Lehrer und Rügenforscher Ernst Wiedemann (1883-1958) verbunden. Er hatte bereits vor der Idee und Realisierung eines Museums mit einer musealen Sammlung begonnen. Sein erklärtes Ziel war es, erworbenes Wissen unter die Leute zu bringen. Der dafür übliche Weg war die Nutzung vorhandener Räumlichkeiten für dessen Präsentation. War es seit 1929 der ungenutzte Dachboden der Stadtschule, so fasste man schon bald den Plan zur Errichtung eines eigenen Museums. Trotz wirtschaftlich schwieriger Rahmenbedingungen passte das Vorhaben in die Zeit. Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg suchte man nach regionaler Identität und begann sich mit traditionellen Sitten und Bräuchen, sowie mit der lokalen Geschichte auseinander zu setzen. Für Wiedemann war noch ein weiterer glücklicher Umstand vorhanden, kamen seine Mitstreiter – wie Carl Tiedt - doch aus dem seit 1935 bestehenden Garzer Verkehrsverein. Es gab übereinstimmende Bestrebungen ein Museum entstehen zu lassen, „das allen berechtigten Anforderungen entspricht und unserem Ort zur Zierde gereichen als Anziehungspunkt für Fremde wirken wird.“ Es ist nicht schwer vorstellbar, was für eine Wirkung ein Rügen-Museum in der ältesten Stadt der Insel haben sollte. Außerdem ist eine weitere Betrachtung von herausragender Bedeutung: Weil man die Pläne das alte Pfarrwitwenhaus zum Museum umzugestalten verwarf, reifte nun sogar der Plan für den einzigen Museumszweckbau der Insel Rügen. Dieser perspektivische Hintergrund soll Anlass geben, sich dem eigentlichen Bauprojekt stärker zu widmen.
Nachdem die Entwürfe des fürstliche Baumeister Nessler aus Putbus keine Zustimmung fanden, entschied man sich für den Entwurf des Berliner Architekten Erhard Schmidt. Dieser trägt – deutlich sichtbar über der Eingangstür - den Schriftzug „Heimat-Museum“. Er lässt den Schluss zu, das die Orientierung auf den Namenspatron Ernst Moritz Arndt erst während des im Sommer 1936 begonnenen Baus, der durch rügensche Firmen vollzogen wurde, stattfand. Die Initiative dazu soll vom damaligen Landrat Weißenborn ausgegangen sein - mit weitreichenden Folgen für die spätere Ausrichtung und Entwicklung des Museums.
Konzeptionell entstand im Erdgeschoss eine Ausstellungsfläche, während das Dachgeschoss – auf Drängen Wiedemanns – von Anfang an der Garzer Volksbücherei vorbehalten war. Daneben plante man die Sammlung von Rügen-Literatur als Grundlage stetiger Heimatforschung.
Nachdem die Innenarbeiten der zukünftigen Ausstellungsfläche fast abgeschlossen waren, erfolgte auch der Umzug der Ausstellungsstücke aus der alten Schule und die notwendige Neuordnung durch Ernst und Betty Wiedemann. Zur Eröffnung des Museums wurde am Sonntag, den 30. Mai 1937, um 15.00 Uhr geladen. Auch wenn Einweihung, Stadtfest und Festumzüge verschiedene politische Auslegungen zulassen, so muss man letztlich doch allen Verantwortlichen ein taktisch kluges Handeln zugestehen. Von der Idee bis zur Umsetzung war weit mehr als ein guter Wille notwendig, um ein solches - für Rügen bisher nicht wiederholtes - Bauprojekt zu realisieren. Eine Holztafel erinnert dabei noch heute an die großzügigen Spender, die Wiedemann für seine Vorstellungen begeistern konnte: Neben dem bekannten Kaufhaus Zeeck waren es auch die Gebrüder Horst aus Stettin und Malte von Veltheim. Auch die Festlegung aus dem Herbst 1937, in der sich die Stadt Garz und ihre jeweiligen Bürgermeister zum „ungeteilten und ungekürzten“ Erhalt in der Zukunft verpflichteten, war ein taktisch kluger Gedanke - längst hatte man mit dem Neubau auch Begehrlichkeiten in der Kreisstadt Bergen geweckt.
Inhaltlich gliederte sich die Ausstellung entsprechend der Konzeption für ein Rügen-Museum in folgende Abteilungen: Geologie, Vorgeschichte, Charenza-Rugedal-Garz, Schwedenzeit, Arndt, Berühmte Söhne Rügens, Kirchen, Großmutters Zeit, Putbus und Handschriften. Daneben wurden kleine Sonderausstellungen konzipiert.
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es mehrere Schicksalsschläge. Nicht nur die Unterstützer des Museums litten an dessen Folgen, auch die politische Neuordnung blieb nicht spurlos. Nach einer vorübergehenden Entlassung Wiedemanns aus dem Museumsdienst im Rahmen der Entnazifizierung, erfolgte aber seine Wiedereinsetzung zum Leiter. Die Ära der Kontinuität der Sammlungs- und Museumsarbeit endete erst mit Wiedemanns Tod 1958. Anschließend entwickelte sich – befördert durch den 100. Todestag Arndts – das Rügen-Museum zur „Nationalen Arndt-Gedenkstätte“. Erst 1992, nach einem erneuten politisch und  gesellschaftlichen Umbruch 1989, ergaben sich auch wieder breiter – auch auf die Entwicklung der Insel Rügen ausgelegte – Darstellungsmöglichkeiten. Dies wurde u.a. durch die „Garzer Museumsreden“ oder Sonderausstellungen deutlich. Wenn nun heute eine Erweiterung des Museums geplant ist, die auch äußerlich behutsam an das Bestandsgebäude anschließen soll, dann kann man es nur als eine folgerichtige Entwicklung der Neuausrichtung - auch als Literaturmuseum - ansehen.

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