Freitag, 21. Dezember 2012

Hans Delbrück (1848-1929)

Der Ingenieur der Weltgeschichte
Vielleicht haben sie sich auch schon einmal die Frage gestellt, ob Geschichte so oder vielleicht ganz anders abgelaufen sein könnte. Die Frage ist schon deshalb nicht unberechtigt, da die Sieger, in der Regel nicht nur die Geschichte der Besiegten weiter schrieben, sondern auch sich selbst gerne nachträglich mit etwas mehr Glanz auszustatten gedachten. Dabei ging es früher beispielsweise um die Höhe der eigenen Heeresstärke oder aber um die Anzahl der besiegten und getöteten Feinde. Das Verdienst des Rüganers Hans Delbrück ist es zweifelsohne, dass die Hinterfragung in den Mittelpunkt der Geschichtsforschung gestellt wurde.  Anhand von praktischen Vergleichen und Gegenbeispielen begann er fundiert und sachbezogen das vorhandene Geschichtsbild Stück für Stück zu erschüttern. Sich dadurch ergebene neue Fragen machten deutlich, dass man sich als Historiker nicht mehr damit begnügen konnte, stetig Wiederholtes als unantastbar zu betrachten.    
Das der kritische Geist Hans Delbrücks, der am 11. November 1848 als Sohn eines Kreisrichters in Bergen geboren wurde, später zu einer solchen Wirkung im Stande wäre, war in jungen Jahren wohl kaum vorhersehbar. Seinen eher durchschnittlichen Leistungen im Abitur am Greifswalder Gymnasium folgte ab 1868 ein Studium der Geschichte in Greifswald, Heidelberg und Bonn. Man darf davon ausgehen, dass auch seine Meldung als Freiwilliger im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 noch keinem Lebensplan folgte. Doch spätestens sein Lazarettaufenthalt in Wittenberg sollte sein Leben tiefgreifend verändern. Hier fand der an Typhus schwer erkrankte junge Leutnant die notwendige Zeit, um sich nicht nur mit einem Buch über die „Geschichte der Infanterie“, sondern auch mit der Geschichte der Kriegskunst tiefer auseinander zu setzen.
Nach seiner Promotion nutzte er - neben seiner Erziehertätigkeit - sich bietende Gelegenheiten, um weitere Informationen und Hintergründe zu sammeln und eigene Rückschlüsse zu ziehen. Eines der Ergebnisse seiner Studien über die Befreiungskriege und verschiednen strategischen Grundanschauungen war die Fertigstellung einer in Fachkreisen viel beachteten zweibändigen Gneisenau-Biographie. Es folgte sein vierbändiges Hauptwerk zur „Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte“, welches u.a. ins russische und englische übersetzt wurde.
Daneben wurde er auch politisch aktiv. Als Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, vertrat er als Abgeordneter die Hansestadt Greifswald und begründete die „Politische Wochenschrift“. Zu den beliebten Anekdoten zählt die, über die „Preußischen Jahrbücher“. Ab 1883 war Delbrück gemeinsam mit Heinrich von Treischke ihr Herausgeber. Als die Meinungsverschiedenheiten mit von Treischke immer größer wurden, bat er angeblich 1889 um die eigene Entlassung bei seinem Verleger. Dieser entließ aber statt Delbrück den Mitherausgeber von Treischke, so dass Delbrück die Herausgabe der Jahrbücher bis 1919 fortsetzte.
Der mit Lina Thiersch, der Enkelin des Chemikers Justus von Liebig, verheiratete Delbrück verstarb am 14. Juli 1929 in Berlin. Zu den hier notwendigen Anmerkungen gehört, dass der Ehe sieben Kinder entstammten. Eines von ihnen war Max Delbrück, der als Biophysiker und Biologe den Nobelpreis erhielt. Auch soll nicht unerwähnt bleiben, dass der erste Bundespräsident Theodor Heuß den Rüganer Hans Delbrück anlässlich seines 100. Geburtstages als den „letzten Klassiker der Geschichtsschreibung“ bezeichnete. Schön wäre es, wenn diesem „Ingenieur der Weltgeschichte“, der keine kritische Auseinandersetzung mit vorgefertigten Geschichtsbildern scheute, wieder mehr Beachtung zu Teil werden würde.