Donnerstag, 4. April 2013

Das Seegefecht vor Jasmund

Der Schiffbaumeister Omar Kirchhoff
Eduard von Jachmann
Das die preußische Flotte pommerschen Ursprungs war, ist heute kaum noch bekannt. Ebenfalls, dass wohlhabende Damen einst den Grundstock zum Bau des ersten preußischen Kriegsschoners „Frauenlob“ (ursprünglich geplant als „Frauengabe“) legten. Gebaut wurde er durch Schiffbaumeister Omar Kirchhoff in Stralsund. Der gebürtige Grimmer bezog das Buchenholz für dieses und weitere Schiffe übrigens aus dem heimatlichen Stadtwald. Das Schicksal meinte es mit dem Schiff allerdings nicht gut, denn am 2. September 1860 ging die „Frauenlob“ auf einer diplomatischen Mission vor der japanischen Küste „mit Mann und Maus“ unter. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt der Grundstein für eine eigene Flotte bereits gelegt.
Wie wichtig der Aufbau einer preußischen Marine war, zeigte sich spätestens ab 1864. Im Deutsch-Dänischen Krieg hatte man es mit einer doppelt und dreifach überlegenen gegnerischen Flotte zu tun. Und obgleich man den Konteradmiral von Dockum, Oberbefehlshaber der dänischen Streitmacht auf der Ostsee, wegen der angekündigten Blockade über „die Bai von Stettin“ – die es weder nautisch noch geografisch gab – kräftig verhöhnte, bereitete die Unterbrechung der Handelswege doch erhebliche Probleme. So wurde u.a. die holländische Kuff „Der sanfte Hinrich“, der Käse geladen hatte, in der Nähe der Greifswalder Oie durch eine dänische Korvette aufgebracht. So gedemütigt, suchte man nach geeigneten Gegenmaßnahmen. Nachdem Kapitän zur See Eduard von Jachmann, der Führer der preußischen Flottille in Swinemünde, den entsprechenden Befehl bekommen hatte, begann er mit den Vorbereitungen. Während die Fregatte „Arkona“ und die Korvette „Nymphe“ am 16. März aus Swinemünde für eine erste Erkundung ausliefen, hielten sich der Aviso „Loreley“ und die beiden Kanonenbootsdivisionen in Stralsund bereit.

Historische Darstellung des Seegefechtes vor Rügen

Schnell war klar, dass vor der Halbinsel Jasmund sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere größere  Kriegsschiffe Dänemarks befanden. Zu ihnen zählten die Fregatten „Själland“ und „Tordenkiold“, das Linienschiff „Skiold“, außerdem zwei Korvetten, ein gepanzerter Schoner und ein Radaviso. Hinter Arkona kreuzte die Fregatte „Iylland“.
Am nächsten Tag hatte sich im Landtief von Thiessow die „Loreley“ - unter Kapitän zur See Kuhn - eingefunden. Im flachen rügenschen Küstenwasser, unterhalb von Thiessow, lagen auch die Kanonenboote aus Stralsund für einen Angriff auf die Blockade bereit. Jachmann, klug genug um sich den Rückzug nach Swinemünde abzusichern, prüfte allerdings zunächst die östlichen Gewässer. Als hier keine feindlichen Kräfte auszumachen waren, nahm auch er den Kurs Richtung Thiessow.
Das Wagnis war erheblich. Nicht nur dass die dänische Flotte der preußischen überlegen war, auch die preußische Mannschaft bestand nur zu ¾ aus Rekruten. Frisch ausgebildet verfügten über keinerlei Erfahrung. Gegen Mittag war die Situation vor Saßnitz immer noch wie am Vortag. Und so entschloss sich Jachmann zum Angriff in offener Ordnung.
Die „Arcona“ auf dem rechten, die „Nymphe“ auf dem linken Flügel, die „Loreley“ im Zentrum der Formation. Die Kanonenboote folgten langsam in der Landabdeckung. Als die Dänen die Preußen ausmachten, formierten sie sich in 2 Kolonnen – eine östliche und eine westliche. Das siebente Schiff, ein Radviso, verließ allerdings die Prorer Wiek in nördliche Richtung. Man konnte davon ausgehen, dass sie  die Fregatte „Iylland“ aus Richtung Arkona heranzuholen gedachte.
Inzwischen war die „Arcona“ bereits auf Schussweite herangekommen. Während die erste Granate noch das Ziel verfehlte, schlug die zweite nach 1.500 Metern im Bug der dänischen „Själland“ ein. Die einsetzende Gegenwehr der Dänen schien allerdings zwecklos, da durch geschicktes Manövrieren die dänischen Salven vorerst ihr Ziel verfehlten. Während die Granaten über die „Arcona“ hinwegflogen, schlugen die Vollkugeln viel zu tief ein. Nur eine der dänischen Granaten landete einen leichten Treffer. Sie zerplatzte über der Kommandobrücke - tötete den Steuermann und den Rudergänger, ihre Splitter schlugen in die Batterie ein und forderten das Leben eines weiteren Seemanns.
Ablenkung und Entlastung schafften nun aber die „Loreley“ und die „Nymphe“. Letztere fuhr allerdings zu kühn auf das feindliche Schiff zu und verlor durch einige Treffer an Schornstein und Dampfrohr erheblich an Fahrt. Bis die Schäden durch umgelegte Kupferplatten ausgebessert werden konnten, kamen sie unter schweres dänisches Feuer. Davon scheinbar unbeeindruckt besserte man schnell die Schäden aus und ermöglichte sich so wieder ausweichendes Manövrieren. Schon bald vergrößerte sich der Abstand zum Gegner auf etwa 1.500 Meter. Dann kam es zu einer plötzlichen - für die Dänen unerwarteten – Kehrtwende. Während die dänische „Själland“ noch abwechselnde Breitseiten auf „Arcona“ und „Loreley“ feuerte, nutzt der Bootsmannmaat Heinrich von der heranjagenden „Nymphe“ nun die Möglichkeit zum Schuss aus einer 15 cm gezogenen Kanone. Das Geschoss durchschlug die „Själland“ der Länge nach und brachte den Kessel zur Explosion. Nach einer kurzen Fahrt war das dänische Schiff bewegungsunfähig und aus dem Gefecht ausgeschieden. Zwar versucht die „Skiold“ die Führung des dänischen Geschwaders zu übernehmen, doch die preußischen Schiffe waren gegenüber den Dänen weitaus schneller und beweglicher. So fuhren sie – mit einem hergestellten Gefechtsabstand von 2.000 Metern – aus der Reichweite der gegnerischen Geschütze während die Dänen für die preußischen Kanonen leichte Ziele abgaben. Stundenlang schallte das Donnern über die Prorer Wiek und nur langsam zog sich das Seegefecht nach Süden – in die Nähe von Thiessow. Begleitet von weiteren Schüssen der Kanonenboote, die in Küstennähe operierten, setzten sich die preußischen Schiffe immer weiter von den gegnerischen Kampfverbänden ab. Gegen 5 Uhr fiel der letzte Schuß von der „Nymphe“ in Richtung der Dänen. Dann schwiegen die Waffen.
Während die „Nymphe“ und die „Arcona“ ihren planmäßigen Rückzug nach Swinemünde antraten, liefen die „Loreley“ und die Kanonenboote in das flache rügensche Gewässer ein, wo die Dänen ihnen nicht folgen konnten.
Seegefecht vor Swinemünde (Usedom)
Es war das erste Seegefecht eines Verbandes der preußischen Marine. Zwar hatte es – erwartungsgemäß – keine durchschlagende Wirkung auf die Blockade der Dänen, aber es zeigte deutlich, dass man nicht bereit war in heimischen Gewässern die Hoheit aufzugeben.