Samstag, 19. Mai 2012

Zum Stettiner Fischmarkt...

Am Binzer Fischerstrand saß ein Großvater mit seinem Enkel auf einer Bank. Beide ließen sich ein Fischbrötchen schmecken und blickten auf das glitzernde Wasser. Aus der Ferne tönte ein Schiffshorn. „Ein Schiff! Da sieh nur...“ sagte der Junge ganz aufgeregt und wies in Richtung Horizont. Die Beine, die nicht mal den Boden berührten, taumelten dazu hin und her. „Ich weiß“, sagte der Großvater beruhigend. „Im Sommer schippern die Urlauber damit von Seebad zu Seebad.“ „So? Können wir da nicht auch mal mitfahren?“ fragte der Enkel verunsichert. „Aber natürlich. Was denkst Du, was das für ein Erlebnis ist? Als ich ein kleiner Junge war, sind Tante Käthe und ich mit einem Dampfer nach Stettin gefahren. Naja, erst ´mal an Bord ist alles richtig aufregend gewesen...“ „Hatte das Schiff auch einen Namen?“ „Na klar, alle Schiffe tragen Namen. Und unser Schiff hatte den Namen >Rugard<. Es fuhr drei mal in der Woche nach Stettin... „Wie lange fährt man denn nach Stettin?“ „Oh, ich denke, damals waren es 7 Stunden...“ „Das dauert ja ewig. Da wird einem bestimmt langweilig unterwegs... ...oder hattest Du einen >Gameboy< dabei?“ „Nein“, sagte der Großvater leicht irritiert, „So etwas gab es damals noch nicht. Na und umherlaufen auf dem Schiff – das ging natürlich auch nicht. Tante Käthe schaute damals mitleidig zu mir und sah wie ich vor Verlegenheit auf meinem Platz umherrutschte und an meinen Strümpfen zupfte. Kurzerhand durchbrach sie die Stille und fragte, wie ich heißen würde. Ich dachte natürlich, dass die Sonne in Binz doch etwas Wirkung gezeigt hätte und blickte mich fragend zu den anderen Passagieren um. Eine ältere Dame von gegenüber lächelte nur freundlich und meinte, ich würde das wohl nicht kennen. Es wäre so etwas wie ein Spiel. Ich zuckte nur mit den Schultern und wartete ab. Daraufhin sagte meine Tante Käthe, ich solle einfach nur zuhören, es wäre ganz einfach. Sie wandte sich der älteren Dame von gegenüber zu, die freundlich gelächelt hatte...“ „Und sie kannte das Spiel?“ fragte der Enkel aufgeregt. „Ja, aber pass gut auf, ich erzähle Dir, wie es damals auf dem Dampfer gespielt wurde...“

„Wie heißt Du?“ fragte Tante Käthe. „Minka.“ antwortete die ältere Dame. – „Ick ok.“ (Ich auch) stellte Tante Käthe genüsslich fest. Und dann sprachen beide zusammen: „Alle bede (beide) Minka.“
„Was hast Du an?“ fragte Tante Käthe. „Ein schitscheringrünes Kleid.“ antwortete die ältere Dame. – „Ick ok.“ triumphierte Tante Käthe und warf mir einen verschmitzten Blick hinüber. Und dann sprachen wieder beide im Chor: „Alle bede Minka. Alle bede schitscheringrünes Kleid an.“
„Wo willst Du hin?“  fragte Tante Käthe. „Zum Stettiner Fischmarkt.“ Antwortete die ältere Dame. – „Ick ok.“ lachte Tante Käthe. Und wieder wiederholten sie alles bisher Erfragte: „Alle bede Minka. Alle bede schitscheringrünes Kleid an. Alle bede zum Stettiner Fischmarkt.“
„Was hast Du im Korb?“ fragte Tante Käthe neugierig. „Hering.“ witzelte die ältere Dame. – „Ick ok.“ entgegenete Tante Käthe langgezogen. Und dann sprachen beide – fast schon singend: „Alle bede Minka. Alle bede schitscheringrünes Kleid an. Alle bede zum Stettiner Fischmarkt. Alle bede Hering im Korb.“
„Was hast Du denn noch im Korb?“ fragte Tante Käthe. „Dorsch“ platzte ich dazwischen. Alle Passagiere lachten. Die ältere Dame zwinkerte zu mir herüber und sagte bestimmend „Dorsch!“. – „Ick ok!“ sagte prustend Tante Kähe. Und nun wurde der Chor schon verstärkt von den anwesenden Fahrgästen: „Alle bede Minka. Alle bede schitscheringrünes Kleid an. Alle bede zum Stettiner Fischmarkt. Alle bede Hering und Dorsch im Korb.“
„Was soll der Fisch denn kosten?“ fragte Tante Käthe und lugte schon mal vorsichtig zu mir herüber. Völlig vereinnahmt von dem Spiel, antwortete ich lautstark: „Drei Hosenknöpfe!“ Lautstark brauste eine Welle des Gelächters heran und die ältere Dame musste sich zusammennehmen, noch deutlich zu antworten. „Drei Hosenknöpfe!“ – „Ick ok!“ sagte Tante Käthe, die schon vor Lachen rot angelaufen war. Und aus vielen Kehlen schallte es plötzlich: „Alle bede Minka. Alle bede schitscheringrünes Kleid an. Alle bede zum Stettiner Fischmarkt. Alle bede Hering und Dorsch für drei Hosenknöpfe im Korb...“

„Die Schiffsfahrt verging, wie im Fluge. Ein lautes Horn riss uns aus unserem Spiel. Um uns herum hatte sich eine Traube an Menschen gebildet. Stettin! rief jemand aus der Ferne und löste damit Bewegung, Betriebsamkeit, Schieben und Drängeln bei den Passagieren des Dampfers „Rugard“ aus. Schon wurde die Hakenterasse, das Bollwerk und die Fahrkartenausgabe sichtbar. Als ich mit Tante Käthe über die Brücke von Bord ging, grüßte der Kapitän – die Hand an der Mütze - und ich winkte zurück...“
„Na Vadding, erzählst Du schon wieder die alten Geschichten?“ fragte plötzlich barsch eine junge Frau, die seine Tochter und die Mutter des Jungen zu sein schien. Der Großvater gestikulierte abwehrend mit den Händen „Nee, wir haben nur ein wenig über die Dampfer palawert. Naja, Du weißt ja...“ Und – als ob ihr so einwenig die Kontrolle über die Absatzbewegung des Jungen entgangen wäre, fragte Sie ihre letzte Chance ergreifend: „He Paul, und wo willst Du hin?“ – „Zum Stettiner Fischmarkt...“ krakehlte der Junge völlig aufgedreht. Der Opa aber grinste und bemerkte halblaut: „Ick ok!“