Samstag, 30. Mai 2015

„Vertrieben ins Paradies“

Iris Bleeck verbindet viel mit der Insel Rügen...

Sassnitz. (SAS) Die Autorin Iris Bleeck wurde 1944 im Sudetenland geboren. Nach der Vertreibung wuchs sie auf der Insel Rügen auf und ging in Binz zur Schule. 1977 heiratete sie einen westdeutschen Mann und kam ins Rheinland. Hier war sie u.a. als freie Journalistin für den Deutschlandfunk und über 30 Jahre als Heilpraktikerin tätig. Wir sprachen mit Ihr.     
Was verbindet Dich mit Rügen? Welche ersten Erinnerungen hast Du an die Insel?
Iris Bleeck: Mit der Insel verbinde ich meine Kindheit, das Überleben und Heilwerden, sowie das entwickeln von emotionaler Intelligenz. Meine erste Erinnerung? 1947 kamen wir auf einem Leiterwagen in Sissow an. Meine Eltern hatten dort eine 8 ha große Neubauernsiedlung zugewiesen bekommen. Nach Jahren des Herumirrens, sollten wir endlich wieder ein Dach über dem Kopf haben – eine schilfbedeckte Kate, die unser Zuhause werden sollte. Am Herd stand ein einheimischer alter Mann und ich dachte, es sei Gott, der uns diese wundersame Hütte geschenkt hat.
In Deinem Buch "Vertrieben ins Paradies - Als Flüchtlingskind auf Rügen" schreibst Du, dass die Insel sich in Deiner Seele ausgebreitet hat. Wie meinst Du das?
Ich war ein traumatisiertes Kind... Bombenangriffe, Zuflucht in Luftschutzkellern, die Ängste der Mutter, Lageraufenthalt vor unserer Vertreibung, Enteignung unseres Hauses, das Ankommen im zerbombten Stralsund, die gesprengte Ziegelgrabenbrücke,  Lager in Lauterbach, Notunterkunft in Sellin, Hunger. Ich habe das alles ohne seelische Verwundung überstanden, weil wir alle gleich arm waren. Und uns Kindern ein endloses, landschaftlich spannendes Refugium zur Verfügung stand. Abenteuer Natur, kostenlos entdecken und daran heil werden. Mit zum Überleben beitragen, Ähren lesen, Rüben hacken, Kartoffeln sammeln, Pflichten übernehmen.
Du hast auch ein Kinderbuch und in diesem Jahr einen Rügen Krimi veröffentlicht, warst als Journalistin und als Heilpraktikerin tätig, bist nach Süd- und Nordamerika gereist, um unter Naturvölkern zu leben. Was treibt Dich an? Ist es eine Suche?
Treiben ist das falsche Wort, das klingt so gehetzt. Und Suche kann auch schon mal zur Sucht werden. Deshalb möchte ich diese beiden Worte nicht für mich verwenden. Wenn man aber seine Kraft, Mut und Überzeugung auf eine Sache fokussiert, dann hat man die Chance, das es gelingt. Wenn nicht, ist es den Versuch wert gewesen. Wenn man sich nicht traut, dann kann man auch nicht reifen. Ich fürchte mich nicht vor sogenannten Niederlagen, weil ich das nicht in einen Kontext zu persönlichem Versagen stelle. Alles hat im Leben seine Zeit. Geduld ist fast ein Fremdwort geworden. In der Eile verlieren wir unsere natürliche Kreativität.  
Was  sind deine Ziele, was planst du dieses Jahr?
Ich muss nicht mehr planen, seit ich die Praxis aufgegeben habe. Das ist die späte Freiheit, die mich an meine Kindheit auf der Insel erinnert. Da hatte ich auch endlosen Raum zur Verfügung. So schließt sich der Kreis, ich höre wieder auf meine inneren Bedürfnisse. Kann auf den Wellenschlag des Meeres schauen, bis meine Zellen deren Rhythmus verinnerlicht haben. Das ist ein Moment des Glückes, das fühlt sich heilsam an.

Anmerkung: Die Kindheitserinnerungen von Iris Bleeck „Warum Rügen?“ und ein Beitrag zu „Vertrieben ins Paradies“ von Holger Vonberg wurden auf der Seite www.wirsindinsel.de veröffentlicht.  

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