Donnerstag, 12. Januar 2017

Rügen als Brückenkopf nach Schweden


Die Fähre der Stena Line auf dem Weg nach Schweden
Sie ist mit 60 Seemeilen die kürzeste Seeverbindung zwischen Schweden und Deutschland: Die "Königslinie" zwischen Sassnitz und Trelleborg.

Sassnitz (SAS). Traditionell wird dabei gerne auf den am 1. Mai 1897 eröffneten Vorläufer – die Postdampferverkehr – verwiesen. Diese hatte schnell an Bedeutung gewonnen, auch durch die spätere Schnellzugverbindung zwischen Berlin und Stockholm.  Doch reichen die eigentlichen Wurzeln der Verbindung zwischen Rügen und Schweden bis in den Sommer 1683 zurück. Damals war der Wittower Posthafen stetiger Anlaufpunkt für einen regelmäßigen Weg über die Ostsee.
 
Allerdings müsste man auch diese Geschichtszahl korrigieren. Denn schließlich nahm die schwedische Staatspost bereits seit den letzten Jahren des 30jährigen Krieges – als der Weg über Dänemark nach Deutschland gesperrt war – die direkte Verbindung nach Rügen auf. All dies geschieht zunächst aber noch im Schutze der Nacht, um nicht von dänischen Kaperschiffen aufgebracht zu werden. Die Reisedauer betrug damals schon mal zwei Tage. Aber als der Frieden dann 1679 geschlossen wurde, sucht man gezielt nach einem Hafen an der pommerschen Küste, um den Postverkehr zu gewährleisten.
 
Neben Barhöft, Hiddensee, Mönchgut und Usedom erscheint auch Jasmund plausibel. Schließlich wird die Reede von Sassnitz bereits in alten holländischen Segelanweisungen als Ankerplatz empfohlen. Doch zunächst entscheidet man sich lieber für die Spitze vom Bug – also die Halbinsel Wittow.

1684 ist dazu auch eine Anlegebrücke errichtet worden. Übrigens gehörte der dort wohnende Postillion kirchlich keineswegs zu Wittow, sondern – weil er nur ein Boot hielt – zu Kloster auf Hiddensee. Wenn eine Postjacht erwartet wurde, setzte der Postillion am Signalmast eine Laterne, damit die Schiffe das Ziel fanden. Da der Verkehr stetig wuchs, entschloss man sich schon bald zu einer Erweiterung des Posthauses. Problematisch waren allerdings die Sturmfluten, die den Postillion schon mal zwei Tage auf dem Hausboden sitzen lassen, bis die Flut wieder abgelaufen ist. Auch Unglücke bleiben nicht aus. So kentert eine Postjacht bei Schaprode und lässt die Frau des Postillions ertrinken. Daneben wurde am 14. Juni 1792 der Tod eines Inspektors vermeldet, der mit seinem Schiff bei Neuendorf unterging.
 
Überhaupt: Die Sicherheit und Regelmäßigkeit der Verbindungen nach Schweden – wie wir sie aus  unseren Tagen kennen - ist damals noch längst nicht erreicht. Unterbrechungen sind auch während des 30jährigen Krieges normal. Zuweilen wird die Linie sogar in Richtung Darss aufgenommen. Deshalb  wundert es nicht, dass Barhöft wieder als Posthafen ins Gespräch kam. Auch weil das Fahrwasser vom Bug nach Stralsund regelmäßig versandet und die Reise mit dem Wagen über die Insel ebenfalls zu umständlich ist. Gegen Barhöft spricht allerdings die Investition in eine große Brücke. Und so baggert man lieber wieder das Fahrwasser aus. Obgleich die Postjacht zu dieser Zeit oft gleich direkt nach Stralsund weitersegelt.
 
Bedingt durch die napoleonischen Kriege entscheiden sich die Schweden schon bald zum Ausbau einer neue Linie, die dem Truppentransport dient. Dazu werden große Landungsbrücken bei Göhren und Groß Zicker gebaut. Der Plan zum Bau einer Hafenstadt „Gustavia“ zwischen dem Thiessower und dem Zickerschen Höft blieb allerdings in den ersten Anfängen stecken. Die Wettbewerbsfähigkeit des alten Posthafens ist also da noch nicht gefährdet gewesen.

Originale Werbung für die Fährverbindung Sassnitz-Trelleborg aus dem Jahre 1984
Wenn nun in diesem Jahr die auch als "Königslinie" (in Bezug auf Kaiser Wilhelm II, der auch König von Preußen war, und den Schweden-König Gustav V.) bezeichnete Fährverbindung - mit einer Fahrtzeit von etwas über vier Stunden - auf eine 120 Jahre währende Tradition zurückblicken kann, dann verbindet sich damit auch viel Geschichte. Beispielhaft sei nur an die Zeit des 2. Weltkriegs, die Wiederaufnahme des internationalen Fährverkehrs 1948 oder die Idee zum Projekt "Mövenort" zur Zeit der DDR erinnert. Das letztgenannte Thema verdeutlicht aber auch, dass immer wieder nach Alternativen zur bestehenden Verbindung Ausschau gehalten wurde. Dies kann man auch auf skandinavischer Seite feststellen: So ist in den vergangenen Jahren sogar ein Tunnel bis nach Stralsund ins Gespräch gekommen. Was am Ende realisierbar ist, bleibt jedoch abzuwarten. Ebenso, wenn die Fährlinie in ihrem Betrieb zeitweise - wie in diesem Jahr (vom 23. Januar bis zum 6. Februar 2017) ausgesetzt wird. Zwischen 1945 und 1948 gab es ebenfalls keine Fährverbindung, aber: Als Brückenkopf nach Schweden hat Rügen dennoch wieder Bedeutung erlangt.