Donnerstag, 2. Juni 2016

Ein Hochhaus für Rügen

Grundsteinlegung für das Rügen-Hotel am 23.04.1968
Sassnitz. (SAS) Wir schreiben den 23. April 1968. Es ist ein Dienstag Nachmittag. Auf dem Grundstück des Saßnitzer Hauses Gloris haben sich zahlreiche Menschen eingefunden. Der Grund? Die Stadt soll ein Hochhaus-Hotel bekommen und endlich soll Grundsteinlegung für den Neubau sein. Mit bunter Umrahmung und zur Musik des Schülerblasorchesters der Ostseestadt hat sich auch reichlich Prominenz angekündigt. Neben Bernhard Köpping, dem Sekretär der SED-Kreisleitung Rügen und Alfred Krüger, dem Generaldirektor der Mitropa als Bauherrn, Vertreter der Reichsbahndirektion Greifswald und des Rates der Stadt Saßnitz. Das dies kein gewöhnlicher Festakt ist, wird schnell klar. Denn hier sollen die Pläne des Architekten Herbert Sander durch die schwedische Firma SIAB umgesetzt werden. So sind neben dem Meister Erich Bütow vom VEB (K) Bau Rügen – der in traditioneller Meisteruniform erschienen ist – also auch schwedische Baufachleute – unter ihnen der Bauleiter Nordgreen - vor Ort.

Blick auf die Baustelle des Rügen-Hotels
Und die Bauplanung ist ehrgeizig. Immerhin soll bereits am 1. Juni 1969 das Hotel mit 240 Betten fertiggestellt sein. Arbeitsteilung ist dabei angesagt: Die Deutschen erledigen die Arbeiten bis zum Erdgeschoss, die Schweden werden die komplette Montage und den Innenausbau durchführen. Nicht ohne Grund, denn dieses erstklassige Hotel soll einmal vornehmlich Gästen vorbehalten sein, die aus Skandinavien ein- oder im Transitverkehr durch die DDR reisen. Doch auch DDR-Bürger soll eine Übernachtung und ein Besuch möglich gemacht werden. 

Bild vom Hafen zum Rügen-Hotel
Später wird man vor allem die Projektierung des Hochhauses durch SIAB in den Vordergrund stellen, um auch um schwedische Gäste gezielt zu werben. Und in der Tat: Als das Hotel 1996 eröffnet wird, kann sich das Ergebnis sehen lassen. Modern, zweckmäßig und komfortabel ist das Haus nur wenige Minuten vom Fährhafen entfernt. Mit 7 Appartments, 24 Doppel- und 16 Einzelzimmern mit Bad sowie 8 Doppel- und 64 Einzelzimmer mit Dusche kann man sogar 277 Betten zur Verfügung stellen.

Ankunft in Saßnitz
Zu den beliebtesten Einrichtungen, die noch heute einige Saßnitzer ins Schwärmen bringt, zählt dabei sicher das im 9. Stock gelegene Tanzcafé mit Nachtbar. Aber auch sonst war an alles gedacht: So beispielsweise eine Autopflege in einer moderne Tiefgarage. Und während hier Papa einparken konnte, bot sich dem Junior sogar ein Auto-Scooter für Kinder. Derweil wäre der Mama sogar ein Swimmingpool mit dem Blick auf die Ostsee möglich gewesen. 
Ein Haus des Gastes...
Wer davon einen Eindruck erhalten will, dem bietet der Film „Ein Jahr voller Musik“ mit Rolf Herricht (Beschreibung in dieser Ausgabe) einen exakten Rückblick in das Jahr 1970. Die Möwen sollen aber schon bald dem Treiben am Swimmingpool ein Ende bereitet haben. Denn 1977 erhielt dann der Rügener Landbaumeister Ulrich Müther den Auftrag zur Überdachung für eine beheizte Schwimmhalle. Der Planung folgte 1978 die Realisierung einer im Spritzbetonverfahren hergestellten Buckelschale mit vorgespannten Randbalken. Das Dach wurde später bepflanzt. Durch die erfolgte Begrünung konnten Gäste nun also störungsfrei zur Ostsee schauen. Diese originelle Idee hatte sogar bis in das Jahr 1996 Bestand.

...mit Auto-Scouter für Kinder
Übrigens bietet dieses – auch für DDR-Zeiten ungewöhnliche – Bauprojekt bis heute die Gelegenheit eines eigenen Besuchs. Wer im 9. Stock einen Blick über die Dächer von Sassnitz wirft, kann dazu Kaffee und selbstgebackene Kuchen oder Torten probieren. Aus dem einstigen Tanzcafé mit Nachbar ist nun also ein „Panorama-Café“ geworden. Die Zeiten haben sich verändert. Dennoch ist auch bei diesem Hochhaus für Rügen ein Blick in die Geschichte interessant.

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