Mittwoch, 19. Oktober 2016

Geopolitisches Gerangel vor Rügen (1): "Nordstream 2"

Verlauf der Gas-Pipeline "Nordstream 2"
Warum der aufmerksame Blick nach Berlin heute lohnt?
Sassnitz. (SAS) Es geht in den Gesprächen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Rußlands Präsident Wladimir Putin nicht nur um die Ukraine und Syrien, sondern auch um das Gaspipeline-Projekt "Nordstream 2" vor der Insel Rügen.
Das Projekt:
 Von der Region St. Petersburg soll „Nord Stream 2“ als etwa 1.200 km lange Pipeline parallel zur bestehenden "Nord Stream"-Trasse durch die Ostsee bis Lubmin bei Greifswald führen. Mit den beiden Leitungen könnten dann jeweils 27 Mrd. m3 jährlich - in Summe also rund 55 Mrd. m3 Gas nach Deutschland transportiert werden.

Die Koalition der Gegner von "Nordstream 2":
 Innerhalb der CDU forderte erst kürzlich Norbert Röttgen, der von Bundeskanzlerin Angela Merkel entlassene Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, den Stopp von Nordstream 2. Zuvor hatte sich auch der Grüne Robert Habeck, der Energiewendeminister in Scheswig-Holstein, wie die gesamte Bundestagsfraktion der Grünen gegen das Projekt ausgesprochen.

Innerhalb der EU wird das Projekt von Polen und der Ukraine abgelehnt. Kritisiert wird es auch vom polnische EU-Ratspräsident, Donald Tusk. Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi sprach sich ebenfalls gegen das Projekt aus. Letzterer wandte sich allerdings dagegen, weil die Pipeline South Stream 2014 am Widerstand der Europäischen Kommission gescheitert war. Damals waren vom Aus für das Projekt auch Ungarn und Bulgarien betroffen.

Übrigens: US-Vizepräsident Joe Biden räumte - laut "Handelsblatt"- jüngst ein, dass die Stimmung in Europa gegen Sanktionen in Bezug auf Rußland zu kippen droht. Er sorgte sich demnach darüber, dass die Europäer sogar aus den Sanktionen gegen Rußland aussteigen könnten. Für die Vereinigten Staaten könnte der eigene Absatz von Flüssiggas Motivation genug sein, dass man sich mit den Gegnern von "Nordstream 2" arrangiert.

Jüngst schlug auch der Brexit-Befürworter und neue Außenminister Großbritanniens, Boris Johnson, vor, Nord-Stream-2 als Druckinstrument gegen Moskau zu nutzen.

(Die Verknüfung mit dem Syrien-Konflikt:
 Längst fordern verschiedenste Politiker "Nordstream 2" auf Eis zu legen, um Druck auf Rußland auszuüben. So war diese Forderung kürzlich u.a. auch von der grünen Außenpolitikerin Rebecca Harms zu vernehmen. Warum? Während syrische Regierungstruppen und die russische Luftwaffe ihre Angriffe auf die ehemalige Wirtschaftsmetropole Aleppo verstärken, droht mit dem Sieg über die Opposition auch der Versuch einer prowestliche Gegenbewegung zu Assad zu scheitern.)

Die Befürchtung der Gegner:
 Nachdem "Nordstream 2" fertiggestellt wurde, könnte die Pipeline die durch die Ukraine und Polen führt, stillgelegt werden. Einbußen drohen so bei den Transitgebühren für die Durchleitung - immerhin geht man allein bei der Ukraine und der Slowakei von mehreren hundert Millionen Euro aus. Der Sonderbeauftragte des US-Außenministeriums für Energiewirtschaft, Amos Hochstein, sprach - lt. "Berliner Morgenpost" - bezogen auf die Einnahmeverluste der Ukraine sogar von zwei Mrd. Dollar Verlusten.

Auch die energiepolitische Landkarte Europas würde durch das Projekt verändert werden. Die beiden Nordstream-Pipelines würden 40% des Gas-Bedarfs der EU decken und: Deutschland könnte zu der Drehscheibe für den europäischen Gashandel werden. Schon jetzt befinden sich in Deutschland die größten Gasspeicher. Mit der innerdeutschen Pipeline "Eugal" könnte ab 2019 auch die Verteilung nach Süd- und Osteuropa erfolgen.

Die Investoren:
 Da das Gasprom-Projekt sich nach Ansicht der österreichischen Zeitung "Kurier" schwer über westliche Banken finanzieren lässt, könnte nun eine Wandelanleihe (welche später in Aktien gewandelt wird) für das notwendige Kreditvolumen sorgen. Unterstützung wäre dann möglich durch das österreichische Öl- und Gasunternehmen OMV in Höhe von 1 Mrd. Dollar möglich - von insgesamt auf 8 Mrd. Dollar geschätzte Gesamtinvestition.

 Das usprüngliche Ziel einer Gesellschaft von Gasprom, die französische ENGIE (früher GDF Suez), OMV, Shell, Uniper und Wintershall wurde fallen gelassen. Derzeit soll Gasprom 100%iger Eigentümer der Nordstream 2 AG blieben.

Das Ziel der Investoren:
 Bis 2019 soll die zweite Pipeline in Betrieb gehen. Nachdem im September die ersten Rohre zur Betonummantelung nach Finnland liefern lassen. Ende Oktober kommen die ersten Roher auch in Mukran an. Mitte September wurden die Anträge zum Bau der Pipeline in Schweden gestellt, die restlichen Anträge sollen Anfang 2017 in Deutschland, Dänemark und Finnland erfolgen.
Was würde das für Sassnitz bedeuten?
 In Mukran würden zwischenzeitlich 150 Arbeitsplätze entstehen, um rund 90.000 Stahlrohre mit Beton zu ummanteln und zu lagern. Deren Fertigung erfolgt derzeit in Mühlheim an der Ruhr.

Weiterführende Links zu "Geopolitisches Gerangel vor Rügen":
1) Nordstream 2 / 2) Polens Antwort / 3) 90.000 Rohre / 4) Alternative gesucht 5) Liebesgrüße aus Moskau 6) Krieg oder Frieden 7) Gorbi und die Hoffnung auf Peacemaker 8) Trump-Effekt bei Nordstream 2?