Sonntag, 23. Oktober 2016

Geopolitisches Gerangel vor Rügen (2): Polens Antwort

Geplanter Verlauf und Anschluß der Gas-Pipeline "Northern Gate"
Geopolitisches Gerangel vor Rügen
Sassnitz. (SAS) Direkt vor der Insel Rügen entwickelt sich ein geopolitisches Gerangel. Dabei kämpfen Washington und Moskau um ihren Einfluss auf Europa. Es geht um Gas. (Wir berichteten vor kurzem)

Während Berlin und Moskau auf eine zweite Trasse - Nordstream 2 - von Wyborg nach Lubmin setzen - sie würde Deutschland zur Drehscheibe für den Gashandel in Europa machen - formieren sich auch die Gegner des Vorhabens. Bereits im März diesen Jahres wandten sich so u.a. laut der Nachrichtenagentur Reuters die Regierungschefs der Visegrád-Gruppe - also Polen, Tschechei, Slowakei und Ungarn - gemeinsam mit denen Estland, Lettlands, Rumäniens an EU-Kommissionschef Juncker.
 
Dieser Konflikt - der neben der Flüchtlingsfrage - Europa spaltet, lastet schwer auf der Europäischen Union, die zudem noch mit den unabsehbaren Folgen und der Positionierung beim Brexit kämpft. Nachdem nun auch das Freihandelsabkommen CETA - mit Kanada - zu scheitern droht(e), wollte man bei dem EU-Gipfel dieser Woche zunächst auch bei dem dafür und dagegen in der Sache von "Nordstream 2" hochkochen lassen und bemühte sich um Geschlossenheit. Doch der Riß in Europa geht längst in eine neue Runde...
 
Polens Antwort auf "Nordstream2" heißt "Northern-Gate"
Gerade erst am Dienstag, den 18. Oktober 2016, plädierte Polen für das Gasleitungsprojekt "Northern Gate", welches Gas aus Norwegen - über Dänemark - an Rügen vorbei und durch die Pommersche Bucht nach Swinemünde (Świnoujście) bringen soll. Bis 2022 will Polen so 10 Mrd. m3 nach Swinemünde transportieren und von dort aus auch die Visegrad-Staaten Tschechei und Slowakei sowie die Ukraine und Litauen versorgen. Bis Ende 2016 soll eine entsprechende Durchfürbarkeitsstudie abgeschlossen werden. Norwegen ist derzeit mit 114 Mrd. m3 zweitgrößter Gas-Versorger der EU hinter Rußland.
 
Swinemündes Bedeutung für Polen wächst weiter
Erst im letzten Jahr ist in Swinemünde (Świnoujście) ein Terminal für Flüssiggas (LNG) entstanden. Die Anlage, die zunächst über ein Aufnahmevolumen von 5 Mrd. m3 verfügt, soll noch auf 7,5 Mrd. aufgestockt werden. Für Polens Ministerpräsidentin Kopasz ein historischer Moment, da ihr Land die Unabhängigkeit von russischem Erdgas verfolgt. Zunächst kommt das Flüssiggas aus Katar. Wann das Flüssiggas aus den Vereinigten Staaten kommt ist noch offen.
 Damit wächst die Bedeutung Swinemündes (Świnoujście) weiter. Bereits heute zählt die Stadt mit der längsten Außenmole Europas (mit ebenfalls einer Fährverbindung nach Trelleborg) zu den wichtigsten Umschlaghäfen Polens, vor allem als Vorhafen von Stettin. Das vorpommersche Swinemünde (Świnoujście) - auf Usedom - und das vorpommersche Stettin (Szczecin) gingen 1945 an Polen.

Weiterführende Links zu "Geopolitisches Gerangel vor Rügen":
1) Nordstream 2 / 2) Polens Antwort / 3) 90.000 Rohre / 4) Alternative gesucht 5) Liebesgrüße aus Moskau 6) Krieg oder Frieden 7) Gorbi und die Hoffnung auf Peacemaker 8) Trump-Effekt bei Nordstream 2?