Sonntag, 30. Oktober 2016

Geopolitisches Gerangel vor Rügen (3): 90.000 Rohre

Seit Donnerstag rollen die Züge mit Rohren (Foto: Nordstream 2)
Täglich 148 Rohre für Nordstream 2
Sassnitz. (SAS) Die ersten bei der Salzgitter-Tochter Europipe in Mühlheim an der Ruhr gefertigten 148 Rohre von Wasco Coatings Germany GmbH sind am 27. Oktober 2016 in Mukran per Bahn eingetroffen. Jedes der Rohre ist 12 Meter lang und wiegt etwa 12 Tonnen. Zum Transport der 148
Rohre werden derzeit 37 Waggons benötigt. Tag für Tag! Denn seit Donnerstag letzter Woche wird täglich ein Zug in Mukran erwartet. Am Ende sollen es in Mukran 90.000 Rohre werden. Ihre Betonummantelung soll hier ab Frühjahr 2017 beginnen.
 
Kritik an politischer Argumentation
Jens D. Müller von Nordstream 2 kritisierte kürzlich in diesem Zusammenhang, dass unterschiedliche legitime Wirtschaftssziele derzeit hinter politischen Argumenten versteckt würden. Dabei ginge es neben den Transitgebühren für die Ukraine oder die Slowakei auch um die Exportambitionen für LNG (Flüssiggas) aus den USA oder die polnischen Pläne, dass Swinemünde ein nordosteuropäischer Infrastrukturpunkt für Gaslieferungen (wir berichteten) wird. Die EU hatte nach Aussagen Müllers sogar Flüssiggas-Terminal von Swinemünde mit 134 Mio. Euro bei einer Gesamtinvestition von 750 Millionen Euro unterstützt. Allerdings liegt dessen Auslastung derzeit noch bei weit unter 25% der so geschaffenen Kapazitäten.
 
Gegner von Nordstream2 erhalten Unterstützung durch EU-Parlament
Erst Ende Oktober hat auch das EU-Parlament eine Resolution verabschiedet, die sich gegen den Bau der deutsch-russischen Pipeline Nord Stream 2 richtet. Stattdessen wird ein Ausbau der Flüssiggas-Terminals favorisiert. Politisch sieht man in dieser Haltung eine wirksamere Sanktionierung des Verhaltens Rußlands. Dies findet auch der amerikanische Sonderbeauftragte des US-Außenministeriums, Amos Hochstein, der in gleichem Atemzug für amerikanisches Flüßiggas als Alternative für Europa wirbt.
 
Umweltverbände kritisieren ebenfalls Nordstream 2
Auch Umweltverbände, wie der Nabu und der BUND wenden sich gegen das Vorantreiben des Projektes. Wie Kim Detloff, Meeresexperte des Nabu Deutschland sagte, ist das Projekt "umwelt-, energie- und geopolitisch der falsche Weg". Corinna Cwielag, die Vorsitzende des BUND-Landesverbandes, hält das Projekt sogar für "hochkritisch". Begründet wird dies von Seiten der Umweltverbände u.a. mit der Freisetzung von Phosphaten und Nitraten durch den Bau der Pipeline.
Allerdings ist auch hier Skepsis angebracht, denn die Kritik bezieht sich nur auf Nordstream 2, nicht aber auf die Pipeline-Pläne Polens, von denen Rügen ebenso betroffen ist.
 
BUND und Nabu müssen sich erklären
Mit dem "Nein" an Nordstream 2 verbindet sich ein "Ja" zu amerikanischen Fracking, denn: Europa soll sich alternativ mit Flüssiggas (LNG) - u.a. aus den Vereinigten Staaten - versorgen. Am 27. September 2016 - so die "The Washington Times" am 19. Oktober 2016 - wurde übrigens bereits das erste amerikanische Flüssiggas (LNG) - abgeleitete Fracking-Gas (!) - nach Schottland geliefert. Dieses wird für den Transport auf –162 °C hinuntergekühlt und in flüssiger Form und geschrumpft auf ein Sechshundertstel des Volumens im Gaszustand über den Ozean in LNG-Tankern transportiert, wo es wieder rückverwandelt wird. Hier ergibt sich also auch für deutsche Umweltschützer Erklärungsbedarf in Bezug auf ihre Positionierung.

Weiterführende Links zu "Geopolitisches Gerangel vor Rügen":
1) Nordstream 2 / 2) Polens Antwort / 3) 90.000 Rohre / 4) Alternative gesucht 5) Liebesgrüße aus Moskau 6) Krieg oder Frieden 7) Gorbi und die Hoffnung auf Peacemaker 8) Trump-Effekt bei Nordstream 2?