Donnerstag, 16. Februar 2017

Geopolitisches Gerangel vor Rügen (8): Trump-Effekt bei Nordstream 2?

Am 27.10.2016 trafen die ersten Rohre für Nordtsream2 ein (Foto: Nordstream 2/ Axel Schmidt)
Sassnitz. (SAS) Wird es auch einen Trump-Effekt bei Nordstream 2 geben? Die Frage ist nicht unberechtigt. Aber: Das politische Tauwetter zwischen den Vereinigten Staaten und Russland wird derzeit durch den Rücktritt des amerikanischen Sicherheitsberaters Mike Flynn überschattet. Zudem
haben die Vereinigten Staaten eigene Interessen, was den Absatz von Flüssiggas in den kommenden Jahrzehnten nach Europa betrifft (wir berichteten). Damit würden die Stärkung Polens bei der Ablehnung des Nordstream 2 - Projektes wahrscheinlicher sein. Dieses würde allerdings eine Profilierung Deutschlands in Bezug auf die Trump-Administration befördern ohne die Sanktionen aufzuheben oder den Umfang auf die Pipeline ausdehnen zu müssen. In dieser ungewohnten geopolitischen Situation bewegt sich als Erster Schweden. So könnte die Realisierung von Nordstream 2 ermöglicht und die Probleme des unsicher gewordenen Gastransport durch Osteuropa für die Zukunft doch noch gelöst werden.

In Deutschland sind die Probleme des Transits bekannt
Auf der Insel Rügen ist das Transitproblem sogar wirtschaftlich präsent: Denn auch der Fährhafen Mukran diente einst genau der Umgehung von Schwierigkeiten, die mit einem Transit durch Osteuropa verbunden waren. Damals - als sich die DDR, Polen und die Sowjetunion noch als "Bruderländer" bezeichneten. 1977 - im polnischen Kattowice (Kattowitz) bildeten sich gerade die ersten freien Gewerkschaften - begannen die Planungen für den Bau einer direkten Fährverbindung zwischen der DDR und der UdSSR von Mukran nach Klaipėda (Memel). Die zweite Ölkrise 1979 und die damit einsetzende Instabilität in der damaligen Volksrepublik Polen - begünstigt durch die polnische Gewerkschaft Solidarność, die am 17. September 1980 aus der Streikbewegung unter Lech Wałęsa entstand - dürften die Entscheidungsträger der DDR in ihrer Entscheidung sogar noch bestätigt haben. Und: Schon damals sorgte die Konsequenz, die sich mit Mukran als letztem großen Verkehrsprojekt der DDR ergab, für Verstimmungen dies und jenseits von Oder und Neiße. Das nun erneut Mukran eine wichtige Rolle bei der Realisierung des Projektes Nordstream 2 spielt, mag man vielleicht später einmal als Ironie der Geschichte betrachten.

Polen bleibt unversöhnlich
Das die polnische Wettbewerbsbehörde 2016 die Beteiligung europäischer Firmen - wie Wintershall, OMV, Shell oder anderer potentieller Investoren - an Nordstream 2 unterbunden hatte, wo dies ausgerechnet europäischen Einfluß auf eine rein russische Unternehmung verhinderte, lässt nur den Schluß zu, dass man das Gesamtprojekt - unabhängig von der Möglichkeit einer Beteiligung und Einflußnahme europäischer Firmen - scheitern sehen will. Seinen Teil wird Polen dazu beitragen. Das wurde auch am Dienstag, den 7. Februar 2017, deutlich: Der kurze Besuch von Bundeskanlerin Merkel in Warschau verlief keineswegs so, wie viele es erwartet hatten. Nach dem Treffen sagte die polnische Ministerpräsidentin zur Gaspipeline: "Für Polen ist es nicht akzeptabel, wenn Nord Stream 2 realisiert wird." Doch die Rahmenbedingungen haben sich seit der Wahl des amerikanischen Präsidenten Donald Trump für beide Seiten kompliziert: Deutschland ist auf Distanz zur neuen Administration in Washington, verfolgt aber klare und eigene wirtschaftliche Interessen bei Nordstream 2. Polen sieht sich offensichtlich in der Opferrolle, zwischen den starken Spielern - wirtschaftlich zwischen Deutschland und  Russland sowie politisch zwischen den Vereinigten Staaten und Russland. Dabei kämpft das Land aus eigener Sicht um seine Unabhängigkeit (diesmal bei der Energieversorgung), unabhängig von der damit sich stärker vollziehenden Spaltung Europas. Längst hat man sich mit der "Grupa Wyszehradzka" (Visegrád-Gruppe) eine eigene Auffanglinie gesichert.

Aber: Schweden lenkt ein
Wie am 31. Januar 2017 mitgeteilt wurde, soll es nun doch zu einer Vereinbarung über die Nutzung des Hafens Karlshamn für die Rohrlagerung während der Projektphase kommen. Da die Rohre, die nach Karlshamm verschifft und dort gelagert werden, ausschließlich in Deutschland gefertigt werden, dürften auch die schwedischen Befindlichkeiten damit berücksichtigt werden können, denn Nordstream hat reagiert. Nun wird die Wasco Coatings Germany GmbH ab diesem Herbst den Hafen für Rohrumschlag und Lagerung über einen Zeitraum von zwei Jahren nutzen. Der gesamte Umschlag wird von Wasco ohne Beteiligung von Nordstream 2 erfolgen. Für die Rohrlogistik des Projektes Nord Stream 2 sollen lediglich die Häfen Mukran in Deutschland, Kotka und Hanko in Finnland und Karlshamn in Schweden genutzt werden. Dabei will man - lt. Nordstream 2 - ausdrücklich an die gute Zusammenarbeit von Unternehmen, schwedische Behörden, Gemeinden, Zulieferer und Kommunen anknüpfen, die es bereits beim ersten Pipeline-Bau gab.

Herausforderung und Möglichkeiten bei Gazprom
Für Gazprom geht es bei Nordstream 2 um viel. Bedingt durch die Unterbindung von Beteiligungen europäischer Firmen am Nordstream 2-Projekt durch Polen (siehe oben) ist man gezwungen, die geschätzten Investitionen von 10 Mrd. Euro zunächst selbst aufzubringen. Allerdings rechtfertigt die große Nachfrage in Europa bereits den Einsatz. Derzeit bekannte Quartalsveröffentlichungen gehen - lt. Wallstreet Online - von einem Gewinn von 1,6 Mrd. aus. Das würde bedeuten, dass die Hälfte der Kosten bereits innerhalb eines Jahres abgedeckt werden könnten. In der Folge dürften Gazprom und seine Anleger aber auch zu den Profiteuren des Projekts zählen. Das erklärt auch, dass die europäischen Partner wie Uniper (ehemals Eon), OMV, Shell und Engie oder die BASF-Tochtergesellschaft Wintershall nach einem geeigneten Kooperationsmodell suchen.

Anmerkung
Die Rollen in Europa in Bezug auf Nordstream 2 sind klar verteilt: Polen und die osteuropäischen Staaten lehnen das Gaspipeline-Projekt aus Angst vor russischem Druck ab und dem Verlust von Transitzahlungen. Deutschland schätzt die niedrigen Transportkosten und die hohe Versorgungssicherheit bei sinkender Eigenproduktion in Europa. Experten rechnen im Jahre 2035 sogar mit einer Deckung des europäischen Gasbedarfs zu 70% durch Importe.
Die bisherige Bilanz der Nordstream AG, die bereits eine Röhre zwischen Wyborg und Lubmin erfolgreich betreibt, kann sich sehen lassen: Derzeit ist die Jahreskapazität zu 80% ausgelastet. Allein im letzten Jahr erhöhte sich damit die Beförderung auf 43,8 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Alle Transportnominierungen wurden - lt. einer Pressemitteilung der Nordstream AG im Januar 2017 - zuverlässig und sicher ohne Unterbrechung erfüllt. Genau dies war die Ursache, die die Pläne für Nordstream einst reifen ließen: Die zuverlässige und sichere Versorgung, die über die osteuropäischen Transitländer nicht gewährleistet werden konnten.
Angesichts der geopolitischen Gemengelage vor Rügen und in Europa bräuchte man eigentlich eine einheitliche Strategie für die Energieversorgung. Dabei geht es um Rechtssicherheit und die flexibele Gasversorgung aller europäischen Länder. Nach Währungskrise und Flüchtlingskrise - auf die Europa bisher noch keine tragfähigen Antworten gefunden hat - scheint dies aber eher unwahrscheinlich zu sein.

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