Sonntag, 5. Februar 2017

Wie Fritz Reuter Rügen, Sassnitz & die Stubnitz besuchte

Kein eifriger Schulbesucher, aber mit Begeisterung für Rügen: Fritz Reuter
Sassnitz. (SAS) "Kinder, Kinder!" möchte der eine oder andere vielleicht beim Halbjahreszeugnis an diesem Freitag gesagt haben. Da redet man, wie ein Buch und dann diese Noten! Allerdings sollten wir niemals unsere eigene Schulzeit dabei außer acht lassen. Und waren nicht viele eher nicht so guten Schüler später doch recht erfolgreiche Persönlichkeiten?
 
Stimmt! Einer von ihnen war übrigens Fritz Reuter, der heute als einer der bedeutendsten Dichter und Schriftsteller der "plattdeutschen" Sprache gilt. Ehrlich und unumwunden gibt er in seiner nur wenig bekannten Publikation "Meine Vaterstadt Stavenhagen" zu Protokoll:
 
"Ich gestehe gerne ein, dass ich nie zu den sehr eifrigen Besuchern der Schule gehört habe, und glaube, dass mir dafür als Strafe jenes Unbehagen tief in die Seele geimpft ist, denn wenn ich jetzt in alten Tagen unruhig schlafe und von bösen Träumen gequält bin, so habe ich mich entweder nicht präpariert, oder irgend einer meiner vielen Lehrer hält mir ein schrecklich rot verlustriertes Exercitium* unter die Nase, das er mir dann schließlich um die Ohren schlägt, wonach ich dann stets erwache und Gott danke, dass ich nicht mehr nötig habe in die Schule zu gehen."  *) Hausarbeit
 
Kurz: Ein guter Schüler war Fritz Reuter nie, wie seine Zeugnisse offenbaren - weder in Friedland noch in Parchim. Nur einmal, zu Ostern 1830, soll er seinen Vater mit einer ziemlich guten Zensur vom Gymnasium erfreut haben, so jedenfalls schreibt er es selbst in einem launigen Vortrag, den er 1867 in Eisenach verfasste. Die Anerkennung von Seiten seines Vaters sollte nicht ausbleiben. Er schickte ihm Geld für eine "Reise nach Rügen". Reuter dazu:
 
"Wer da weiß, welche Bedeutung das Wort "Rügen" in der Fantasie einer mecklenburgischen oder pommerschen Gymnasiasten-Seele zu der damaligen Zeit hatte, kann sich leicht denken, wie sehr ich von wahren Freunden beglückwünscht und von unwahren beneidet wurde."
 
So wanderte der Primaner Fritz Reuter durch die unabsehbare Ebene des damaligen Schwedisch-Pommern - zunächst nach Stralsund, dann setzte er auf die andere Seite des Strelasunds über - zur Insel Rügen.
 
"Aber was nun? Ging ich rechts an der Ostküste entlang, dann hatte ich alles Schöne wie auf dem Präsentierteller: Bergen, Putbus, die Granitz, Sassnitz und am Ende die Krone von Rügen die Stubbenkammer; auf der Westseite, links hatte ich verhältnismäßig langweilige Gegenden..."
 
Dennoch entschied sich der junge Reuter zunächst für den Westen Rügens. Doch dieser Teil Muttlands weckte nur wenig Interesse. Doch als er sich schließlich der Ostküste zuwendete fand der "Herthasee" seinen Vorzug noch vor der Stubbenkammer. Mehr noch: Seine innere Spannung entlädt sich mit einem kleinen Vorgeschmack auf die eigene Zukunft. Denn hier, am Herthasee - so ist es überliefert - soll Fritz Reuter sein erstes Gedicht verfasst haben. In achtzeiligen Stanzen besang er dabei den heute etwa 170 Meter langen und 140 Meter breiten See...
 
Wo blieb Reuters erstes Gedicht vom "Herthasee"? 
"Ganz vortrefflich" befanden damals die Freunde Reuters. Er selbst urteilte später jedoch kritisch:
"Es war ein sehr bedeutendes Gedicht; es hätte nur für die Leser einen kleinen Fehler, es litt an Überschwänglichkeiten..."
 
Dennoch suchte man lange erfolglos nach diesem Gedicht. Einige Quellen wussten dabei von der Legende zu berichten, dass das Gedicht vom "Herthasee" Reuters altem Parchimer Schuldirektor, dem alten Zehlicke, zu Weihnachten 1830 in die Julklapp* geworfen worden sei...
*) Weihnachtsbrauch des Schenkens in Schwedisch-Pommern