Dienstag, 21. März 2017

Die Jäger des verborgenen Schatzes (1)

Historische Darstellung eines Schatzgräber durch Rembrandt van Ryn im 17. Jh.
Sassnitz. (SAS) Das Vergraben von Geld und Wertgegenständen ist im Falle von Landungen feindlicher Schiffe oder dem wiederholtem Einmarsch feindlicher Heere ein durchaus üblicher Brauch. Auf Rügen gab es dazu vielfach Anlass in den letzten Jahrhunderten - letztmalig sicher 1945. Das erklärt auch die Vielzahl an Sagen, die von vergrabenen Schätzen und Kostbarem berichten. Prof. Dr. Alfred Haas, der sich eingängig mit der Geschichte der Insel befasste, verwies in diesem Zusammenhang auch auf das "Rügensche Landrecht", welches darauf direkt Bezug nimmt.
 
Haas zitiert dazu: "Finde einer Gold, Geld edder ander Metalle, up wemes Gude it is gefunden, deme höret it, dem Finder ein billig Drinkgeld." - "Gröwe einer one Vorlöf (Erlaubnis) up eines andern Grund und Boden, he löset den Hals (d. j. zahlt die höchste zulässige Geldstrafe von 60 Mark) mit allen, de he bi sik hett; schütt (geschieht) it mit des Grundheren Vorlöf, he winnt (gewinnt) doch nicht mer als den drudden Pfennig."
 
Das könnte erklären, warum das Suchen von Schätzen durchaus als einträglich angesehen wurde und sich einige Leute darauf legten, durch die Lande zu ziehen, um Schätze zu suchen und dies sogar als Dienstleistung anzubieten. Die Rüganer glaubten dabei ganz sicher, dass es sich bei den Schatzsuchern um Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten handelte, denen es möglich wäre ruhende Schätze an die Oberfläche zu befördern. Ob es sich dabei vielleicht auch um Rutengänger handelte, blieb jedoch bisher unklar.
 
Dabei gab es durchaus auch die Auffassung, dass verborgene Schätze "blühen". Der Rügener Heimatforscher Haas berichtet so beispielsweise von dem Auflodern bläulicher Flammen. Und der Volksmund überlieferte dazu sogar Verhaltensregeln, wie man sich bei dem Entdecken solcher "Schatzflammen" zu verhalten hätte, um den unterirdischen Schatz an ´s Tageslicht befördern zu können.
 
Überliefert ist dazu eine Begebenheit von den Pfingsttagen des Jahres 1738 als das westliche Muttland in helle Aufregung versetzt wurde. Anlass gab der Fund eines Schatzes in Unrow durch zwei Schweinehirten. Dies rief schließlich auch den Besitzer, Major Detloff von Segebade, auf den Plan. Obgleich er nichts Auffälliges feststellen konnte, sah er sich doch im Herbst des gleichen Jahres dazu genötigt, die Sache noch einmal genauer zu untersuchen.
 
So wurden denn durch einen Notar vom 17. Oktober bis 3. November 1738 zehn Personen vernommen, um festzustellen, wer das Gefäß mit dem Schatz gehoben hätte und wo der Fund abgeblieben sei. Alles jedoch ohne Ergebnis! Festgestellt wurde dagegen, der Besitzer des für die Grabung benutzten Spatens, die Teilnehmer der Grabung und ihre Heimkehr. Vermerkt wurde der gesamte Vorgang auf einem 50-seitigen Aktenstück, welches im ehemaligen Ritterschaftlichen Archiv mit der Nr. 995 - wegen des heimlichen Grabens nach Geld - geführt wurde.
 
Wenn man den Ergebnissen der Untersuchung glauben schenken darf, war der Ablauf der Geschehnisse - wie folgt: Am 25. Mai 1738 hüteten die beiden 12-jährigen Schweinejungen Johann Berends und Jürgen Prüssing die Schweine auf einer Weide. Diese war durch einen Graben getrennt von einer Holländerkoppel. Als nun einige Schweine in diese Koppel liefen, eilten die beiden Jungen hinterher. Dabei sahen sie plötzlich ein bläulich scheinendes Feuer aufflammen und sich niederschlagen. Der Schreck saß bei den beiden Jungen tief, aber nachdem sie sich wieder gesammelt hatten, bestand Einigkeit darüber, dass hier ein Schatz in der Erde liegen müsse. Zwar beschlossen sie zunächst Stillschweigen zu bewahren, doch setzte Johann Berends doch seinen Oheim (Onkel) darüber in Kenntnis.
So gingen sie nun am zweiten Pfingsttage mit zwei Spaten zu dritt zur besagten Stelle. Gegen Mittag begannen sie mit der Grabung und stießen dabei auf einen "Tubben" - ein hölzernes Gefäß, "das mit zwei Bändern gefaßt" und einem eisernen Deckel verschlossen war. Allerdings füllte sich die Grube zusehends mit Wasser, so dass sie die Hebung des "Tubbens" schließlich aufgeben mussten. So warfen sie das Loch zunächst zu, um zunächst unverrichtet heimzukehren. Allerdings bemerkten sie, dass sie durch den Schmied Grünwald sowie seine Frau und durch den Knecht Jürgen Ludewig beobachtet wurden.
Als sie nun am dritten Pfingsttage wieder einen Bergungsversuch machen wollten, fanden sie zu ihrem Erstaunen ein offenes und weitaus größeres Loch, welches voll Wasser gelaufen war. Offensichtlich waren andere Jäger des Schatzes fündig geworden.
Erst am vierten Pfingstage kam es dann zur Besichtigung der Fundstelle durch den Major von Segebade im Beisein der beiden Schweinejungen. Feststellen ließen sich nur noch die Fußspuren von zwei Personen.
 
Bedingt durch die umlaufenden Gerüchte hieß es zunächst, dass Hans Berend, den Vater des einen Schweinejungen, und dessen Bruder, der Zimmermann Klas Berend, die Finder gewesen seien. Später sprach man jedoch davon, dass der Weber Joachim Hase den Schatz gefunden habe und ihn dem Major ausgehändigt hätte. So waren dem Gerede keine Grenzen gesetzt und jeder wusste etwas zu berichten, aber alles beruhte lediglich auf Hörensagen.
Mit der Untersuchung kam aber auch zur Sprache, dass der Vater und der Onkel von Johann Berend wirklich am späten zweiten Pfingsttag an der Grube waren. Jedoch war diese zu diesem Zeitpunkt bereits geöffnet. Da sie einen Mann von kleiner Statur sahen, der sich gerade entfernt hatte, gingen sie davon aus, dass es sich dabei um den Weber Joachim Hase gehandelt hätte. Dieser bestätigte auch an der Grube gewesen zu sein, aber: Dort hätte er nichts weiter vorfinden können. 
Da der Major zunächst den Vater von Johann Berend festgesetzt hatte, ließ er ihn nach dem Geständnis des Webers Joachim Hase wieder auf freien Fuß setzen. Der dann festgesetzte Weber wird wohl ebenfalls nach einiger Zeit aus der Haft entlassen worden sein. Jedenfalls gab es in diesem Falle keinen Hinweis, wer von den Jägern des verborgenen Schatzes zum Erfolg gekommen ist...