Samstag, 15. April 2017

Schon gelesen? (13): "Lenins Zug"

Seit 23. März auf dem deutschen Buchmarkt: "Lenins Zug"

Sassnitz. (SAS) Um es vorweg zu nehmen. Wenn Catherine Merridale gleich zu Beginn ihres Buches "Lenins Zug" von den 3 Stätten spricht, die man als Weltreisender - lt. James Cook - gesehen haben muss, dann kann allen Rüganern vorab Entwarnung gegeben werden...

Sassnitz auf Rügen gehört nach der Meinung des englischen Seefahrers nicht dazu. Ab erwas heißt das schon? Für Lenin jedenfalls war Sassnitz der letzte deutsche Hafen den er auf seinem Weg mit dem Zug von Zürich nach Petrograd (heute: St. Petersburg) passieren musste.

Catherine Merridale hat darüber ein Buch geschrieben und vielleicht wäre es eines von vielen geworden, wenn es nicht etwas Besonderes an sich hätte: Die Geschichte so lebendig zu erzählen, als würde der Leser Lenin auf Schritt und Tritt begleiten. Möglich wurde ihr dies dadurch, weil sie selbst - wie Lenin - den gleichen Weg auf sich nahm. So weiß sie auch recht gut zu beschreiben, was Lenin gesehen haben muss. Dennoch ist die Erzählung kein leichtes Unterfangen. Denn: Hintergründe müssen zum besseren Verständnis erklärt werden. Und auch an handelnden Personen - Agenten, Politikern und Militärs - mangelt es nicht.
Für gelernte DDR-Bürger beginnt die eigentliche Geschichte um "Lenins Zug" vielleicht ab Seite 158. Diese zwei Sätze lassen aufhorchen...

"Es ist einfach Scheiße!", prustete Lenin, nachdem er einen Bericht über die neueren Reden im Sowjet gelesen hatte. "Ich wiederhole: Scheiße!"

Nie war einem Lenin menschlicher erschienen. Mit diesen zwei Sätzen von Catherine Merridale ist er für gelernte DDR-Bürger vom Halbgott (zu DDR-Zeiten) zu einem Geschöpf aus Fleisch und Blut geworden. Endlich hat er das Mausoleum verlassen, dass man auf einer Klassenfahrt besuchen durfte. Einzige Frage: Warum durfte Lenin in der DDR nie so "schön" fluchen?

Zu diesem Zeitpunkt beschreibt Catherine Merridale das Frühjahr 1917. Noch sitzt Lenin in seinem Schweizer Exil fest. In seiner russischen Heimat ist die Februarrevolution ausgebrochen und ihn beschäftigt nur eine Frage: Wie komme ich heim? Die Suche nach einer Lösung lässt in ihm verwegene Pläne reifen - einer davon: Als taubstummer Schwede zu reisen. Catherine Merridale:

"Die Idee brach in sich zusammen, als seine Frau ihn erinnerte, dass er seine Tarnung in einem überfüllten Zug preisgeben werde, da er im Schlaf laute Reden führe."

 
Diese skurrilen Einwürfe, die bis ins Detail Dinge beleuchten, lassen den Leser schmunzeln und zeigen, dass Geschichte keineswegs trocken erzählt werden muss.

Doch nach der ablehnende Haltung der Verbündeten Russlands (Lenin: "England lässt uns nicht reisen.") wurde schließlich mit den Deutschen eine Übereinkunft ausgehandelt. "Lenins Zug" sollte zu Ostern 1917 also die Schweiz in Richtung Russland verlassen.

Vielleicht irritierend, dass Lenin sich nun ausgerechnet noch den Segen der Alliierten holen will. Kaum zu glauben - aber wahr: Am Ostersonntag ruft er in der Schweizer US-Botschaft (!) an. Am anderen Ende der Leitung sitzt Allen Dules, der später einer der einflussreichsten CIA-Chefs wurde. Obgleich er Lenin erkannte - Dules war gerade im Begriff zu einem Tennismatch aufzubrechen - riet er ihm: "Versuchen Sie es noch einmal am Montag."

Beide Beispiele verdeutlichen nicht nur den Umfang des Hintergrundwissen, sondern zeigen auch, wie Catherine Merridale - ergänzt durch genaue Beschreibungen und die ihr eigene Erzählweise - den Text - gleich einer Reportage - dem Leser anbietet. So ermöglicht sie direkt an den Ereignissen teilzuhaben.

Die Abreise am Ostermontag, das Mittagessen, die Ankündigung der Weltrevolution und ein Statement (auf französisch und deutsch!)... Es ist als hätte Catherine Merridale eine Videokamera auf der Schulter Lenins installiert. Alles wird genau geschildert. Nicht nur Lenins Zugfahrt, auch was sich im Vorfeld oder parallel dazu ereignete. Um bei dem Beispiel des Films zu bleiben: Man würde von Parallelmontage sprechen, denn die Autorin springt geschickt zwischen zwei Handlungssträngen hin und her: Auf der einen Seite Lenin im Zug unterwegs durch Europa, auf der anderen Seite die Ereignisse in Russland..

Die Deutsche Unterstützung wird allerdings schon bald nach seiner Ankunft zum Problem. Auch die finanziellen Mittel, die danach zum Einsatz kamen. Dennoch - so räumt auch Catherine Merridale ein - ist selbst nach der Öffnung der Archive vieles eine vage Spekulation. Auch, weil man schlau genug war, Spuren zu verwischen oder eine Vielzahl von Mittelsmännern zu nutzen.
Die Autorin:

"Ihre Agenten (der Deutschen) hatten keine Skrupel gezeigt, alle möglichen Kandidaten - von finnischen und estnischen Separatisten bis hin zu turkmenischen Dschihad-Predigern - zu finanzieren."


Lenin galt in diesem eigenen Krieg - der in dieser Form auch durch die anderen Mächte so geführt wurde - also nur als eine Investition von vielen. Ihr Fazit aber ist eindeutig:

"Da Lenins deutsche Förderer lediglich wollten, dass Russland neutralisiert wurde, brauchten sie nicht über seine Zukunft, geschweige denn über die Lebensfähigkeit seines Regimes nachzugdenken."


Und so dürfte es bis heute sein, wenn Staaten einen "Regimechange" (Machtwechsel) betreiben. Allerdings lässt sich an "Lenins Zug" studieren, was uns an Hintergründen heute oftmals verborgen bleibt. Und noch eines muss festgehalten werden: Mit dem Umsturz in Russland und den gesellschaftlichen Umwälzungen wurde Weltgeschichte geschrieben, weil Lenin seine eigenen Ziele nicht aus den Augen verlor.

Dennoch: Wer die Vorstellung nicht akzeptieren mag, dass "der größte Sozialist der Erde" in Bezug auf das deutsche Geld gelogen hatte, wird sich mit einer Alternative abfinden müssen. Die würde darin bestehen, dass man an der These festhält Lenin hätte seine Arbeit aus den Kriegsgewinnen des Schwarzmarkthandels mit Bleistiften und Kondomen gezogen.

Die englische Ausgabe von Catherine Merridales Buch "Lenins Zug" wurde von der "Financial Times" und vom "Economist" zum Buch des Jahres 2016 gewählt. Zu Recht! - wie auch wir feststellen möchten.

Bekannte Ansichten: u.a. rechts unten, der Sassnitzer Lenin-Waggon

Unsere Empfehlung zum Kauf: Lenins Zug: Die Reise in die Revolution

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