Montag, 8. Mai 2017

1945: Kriegsende in Sassnitz - Endlich Frieden!

Postkarten-Idylle: Doch so war es nicht immer...
Sassnitz. (SAS) 72 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges, das heißt auch 72 Jahre Frieden. Das dies keine Selbstverständlichkeit ist, lässt sich bis heute an Europa demonstrieren: Jugoslawien und die Ukraine stehen exemplarisch dafür, wie brüchig ein Frieden auch auf unserem Kontinent immer
noch sein kann. Der Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien dauerten beispielsweise von 1991 bis 1999 an. Sie gelten als die brutalsten nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und haben - auch durch die 320.000 Flüchtlinge und Vertriebenen aus Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kroatien und Montenegro, die in Deutschland Aufnahme fanden - wieder den Blick auf die eigene Geschichte freigelegt, auch auf Sassnitz...
 
Statistiken machen dabei betroffene Menschen zu Zahlen - Einzelschicksale werden unsichtbar, eben ausgeblendet. Doch wenn man ihnen trauen kann, dann sind alleine zwischen dem 15. Januar und dem 10. Mai 1945 etwa 210.000 Menschen – Flüchtlinge, Verwundete und Soldaten – über den Sassnitzer Hafen angelandet worden. Ab Ende Februar 1945 wurde der kleine Fischerei- und Fährschiffhafen sogar zum "Umschlagplatz" für die Flüchtlinge aus dem Osten – aus Vorpommern, Hinterpommern, Westpreußen und Ostpreußen. Allerdings mussten damals viele der größeren Schiffe, wegen des geringen Tiefgangs unseres Hafens, vor Sassnitz auf Reede liegen. So stellte sich auch die Situation bei einer gezielten Luftaufklärung dar. Am 6. März 1945 folgte dann der schwerste Luftangriff auf die Insel Rügen und den Hafen Sassnitz. Bis heute ist das Ausmaß der Vernichtung nicht vollständig geklärt. Im Ort sprach man von 28 total und 103 leicht zerstörten Häusern. Die Zahl der getöteten Menschen wird bei den Sassnitzer Einwohnern mit 103 beziffert, die der Flüchtlinge mit 700 und die der Soldaten mit 500 geschätzt. Sicher verhinderten die Flugabwehrstellungen, der bis zu seinem Untergang feuernde Zerstörer 28 (Z28) und die aufgestiegenen Messerschmidt-Flugzeuge dabei Schlimmeres, doch Krieg und Gewalt hatten damit auch die Insel in ihrem vollen Ausmaß erreicht.

Der Krieg selbst endete damals in Pommern und auf Rügen jedoch erst Anfang Mai 1945. Vorausgegangen waren Verhandlungen zur Kapitulation und Übergabe der Insel an den sowjetischen Generalmajor Ljastschenko. Die deutsche Seite gab dabei kurzzeitig Anlass für einige Verwirrung: Zwar war die Kapitulation bereits am 3. Mai vom Generalmajor Hauschulz unterzeichnet worden, doch dessen Adjudant, Oberleutnant Hans-Jürgen Meyer, hatte keinen Befehl zur Übergabe erhalten. - So beschreiben er und Oberst Zyganow später übereinstimmend die Situation in dem Buch „Blinkzeichen am Rügendamm“. Dönitz soll zwischenzeitlich den Befehl gegeben haben die Insel nicht zu verteidigen. Die dadurch gewonnene Zeit wird zum Abtransport militärischer Einheiten genutzt. Am 5. Mai 1945 verließen die „Wiking“, ein Fischereischutzboot mit dem Hafenkommandanten Streitfeld und ein Schlepper als letzte Schiffe einen pommerschen Hafen in Richtung Kopenhagen. Parallel dazu erfolgte bereits die Besetzung der Insel durch die Rote Armee. 
 
Es folgten die nicht einfachen Nachkriegsjahre, die auch von Willkür, Entwurzelung und vielen Brüchen gekennzeichnet waren - in den Eigentumsverhältnissen, Biografien und Strukturen. Sie wirken bis heute nach. Deswegen gibt es mehr als einen guten Grund, sich dem Wert eines Friedens auch nach 72 Jahren immer wieder bewusst zu machen.