Sonntag, 15. Oktober 2017

Mythos Störtebeker (2): Der Hintergrund

Flugblatt von 1701: Die hingerichtete See-Räuber Störtebek und Gödeke Micheel, zum 300. Jahrestag der Hinrichtung (Quelle: Hamburger Staatsarchiv)
Bereits im ersten Teil beschäftigte sich Prof. Dr. Alfred Haas mit den Überlieferungen, die zur Legende von Störtebeker auf der Insel Rügen beitrugen. Am Montag, den 3. Mai 1937 veröffentlichte der "Stettiner General-Anzeiger" eine Betrachtung von Dr. Heinrich Riedel unter dem Titel "Klaus Störtebeker". Sie versuchte dabei eine Einordnug der historischen Begebenheiten und dem was sich daraus entwickelte, vorzunehmen:

Eine der denkwürdigsten Persönlichkeiten in jenem bezaubernden Zwielicht, in dem sich deutsche Geschichte und Sage mischen, ist Klaus Störtebeker, den man gemeinhin einen Seeräuber nennt, der aber außerdem noch etwas anderes war und vor allen Dingen in der Sage wurde: ein heldenhafter, von unbändigem Drang nach der Weite und Tiefe des Lebens besessener Mensch, eine lebendige Achse, um die sich die Sehnsüchte des Volkes nach wilder, großer Persönlichkeit, nach der rätselhaften unbekannten Ferne der Welt und nach einer Besserung des Daseins verdichteten.
Man tut gut, sich an solche Gestalten, auch wenn kein besonderer Jahrungsanlaß  vorliegt, zuweilen zu erinnern. Oft genug hat sich die neuere Dichtung dieses Stoffes bemächtigt. Wie alles gewesen ist, und was die Sage daraus machte, das wollen wir hier "in bunten Bildern schildern".

Wie ein wundervolles altes Märchen klingt die Geschichte von Störtebeker und Gödeke Michel, den großen Seeräubern um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert. Und noch in unseren Tagen erzählt man sich im Volk von ihnen.

Störtebeker und Gödeke waren zwei berühmte Anführer der sogenannten Vitalienbrüder, die zwei ganze Menschenalter hindurch die Ost- und die Nordsee zum Schauplatz ihrer im größten Maßstab betriebenen Räubereien machten und "dem Copmanne groten Schaden deden". Sie führten ihren Namen daher, daß sie einst die Festung Stockholm bei einer Belagerung mit Lebensmitteln (Vitalien) versorgt hatten.

Als ihre Kaperfahrten schließlich den gesamten Handel lahmzulegen drohten, raffte sich die Hansa zu festem Vorgehen gegen sie auf. Es begann ein Ausrottungskampf gegen sie und die man fing, richtete man ohne Umstände hin.

Am 5. Mai 1400 besiegten Hamburger und Lübecker Schiffe auf der Osterems drei Seeräuberschiffe, warfen achtzig Räuber ins Wasser und nahmen sechsunddreißig gefangen, die bald darauf enthauptet wurden.

Danach verzogen sich die übrigen, darunter Störtebeker und Gödeke, zunächst nach Norwegen (ein kleinerer Teil wandte sich nach den spanischen Küsten).

1401 trafen zwei Hamburger Englandfahrer bei Helgoland an der Düne auf Störtebeker, überwanden ihn nach hartem Kampf, töteten vierzig und nahmen siebzig Seeräuber gefangen. Diese führten sie mit nach Hamburg, wo sie kurz nach dem 20. Oktober auf dem Grasbrok vor der Stadt hingerichtet wurden. Ihre Köpfe wurden längs der Elbe zum abschreckenden Beispiel auf Pfähle gesteckt. Die Lübecker Rufus-Chronik berichtet darüber:


Der Henkersknecht Knoker bekam ausweislich der alten Hamburger Ratsrechnungen drei Pfund Pfennige für das Einscharren von dreiundsiebzig Vitalienbrüdern.

Im nächsten Jahr wurde ein gleicher Sieg gegen Gödeke Michel auf der Weser erfochten. Achtzig Gefangene, darunter der alle überragende Gödeke und Wigbold, wurden nach Hamburg geführt und dort ebenfalls auf dem Grasbrok enthauptet. Ihre Köpfe wurden neben die ihrer Genossen am Elbstrand auf Pfähle gesteckt. Wigbold, Magister der Weltweisheit, der zu Rostock den Doktorhut erworben hatte, kam als letzter dran.

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Die Sage hat sich gar bald dieser geschichtlich nur dürftig überlieferten Vorgänge bemächtigt und manscherlei Zutaten und Umformungen geschaffen. Jahrhundertelang wurde in den deutschsprechenden Ländern das Störtebker-Lied gesungen, das auf einem Flugblatt von 1566 in hochdeutscher Sprache erhalten ist, während die ursprünglich niederdeutsche Fassung zum größten Teil verloren ging.

Die Sage hat zunächst die beiden Kämpfe zusammengeworfen und an Stelle Gödekes, der zweifellos der bedeutendere der beiden war, den Störtebeker zum eigentlichen Helden gestempelt. Seine ungeheure Kraft (er soll so stark gewesen sein, daß er Ketten zerbrechen konnte) und seine Trinkfreudigkeit (er pflegte einen riesigen Becher in einem Zug auszutrinken, was ihm nur noch ein Edelmann aus Groningen nachmachen konnte) möge dazu Veranlassung gegeben haben.

Nach dem Lied feiern Störtebeker und Gödeke ein Gelage bei einem Sultan. Um Ersatz für das vertrunkene Bier zu schaffen, segeln sie in die Nordsee, den Hamburgern aufzulauern. Die Hamburger, denen dies berichtet wird, fahren mit drei Schiffen aus. Sie finden die Seeräuber, die bereits ein Schiff mit Wein erbeutet haben und damit nach Flandern fahren wollen, in der Weser.

Drei Tage und drei Nächte dauert der Kampf, bis das gute Schiff "Bunte Kuh", das dem Seeräuberschiff das Vorderteil einrennt, zugunsten der Hamburger entscheidet. Übrigens soll in der Nacht ein Steuermann von der "Bunten Kuh" geschmolzenes Blei in die Angeln von Störtebekers Steuer gegossen haben, so daß das Schiff nicht mehr gewendet werden konnte. Störtebeker bietet den Hamburgern eine goldene Kette - so groß, daß man damit den Hamburger Dom umspannen könne - als Lösegeld für sein Leben an, aber ohne Erfolg.

Die Seeräuber werden nach Hamburg geführt und bleiben dort nur eine Nacht im Gefängnis. Am nächsten Morgen werden sie alle zusammen enthauptet. Ihre letzte Bitte ist, in ihren besten Gewändern zum Richtplatz gehen zu dürfen. Der Rat gewährt dies und tut noch ein übriges: er lässt Tromler und Pfeifer ihrem Todeszug vorangehen.

Auch während der Hinrichtung ließen sie ihre Weisen erschallen. Ein einziger Scharfrichter brachte sie alle zu Tode.

Das Schwert, mit dem Störtebeker und die Seinen hingerichtet wurden, befindet sich jetzt noch im Besitz der Sammlung hamburgischer Altertümer.

Die Einbringung des Seeräubers Klaus Störtebeker in Hamburg (1401), nach einen Holzstich von Karl Gehrts, 1877, (Quelle: Hamburger Staatsarchiv)
Die Sage berichtet weiter den rührend-grausigen Zug, Störtebeker habe sich vor seiner Hinrichtung ausbedungen, daß alle seine Gesellen, an denen er nach seiner Enthauptung vorbeiliefe, begnadigt werden sollten. Er sei dann, ohne Haupt, bis zum fünften gegangen. Da aber habe ihm der Henker einen Klotz vor die Füße geworfen, so daß er hinfiel und nicht wieder aufstehen konnte.

"Ihr Tod ward also sehr beklagt,
von Weibern und Jungfrauen."


(Zur Quelle: Das Störtebeker-Lied - ein Volkslied)

Als tollen Abschluß weiß die Überlieferung weiter zu melden, daß der Schrafrichter bei seiner Arbeit von einem Ratsherrn gefragt wurde, ob er denn nicht müde sei.

"Müde? Oh nein!" antwortete der Henker. "Ich könnte wohl noch an dem ganzen Rat mein Amt verrichten."

Ob dieser ungebührlichen und mutwilligen Antwort ergrimmten die Hamburger so, daß der Henker sofort nach Beendigung seiner Arbeit von dem jüngsten Ratsherrn enthauptet wurde.



(Wir haben den originalen Text aus der Fraktur-Schrift übertragen)

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