Montag, 18. Dezember 2017

Der Zauber von Schnee


Ein Beitrag von Hans Hegel

Erst kam ein kalter Luftzug, dann tanzten die ersten Flocken zum Boden. Ob sie liegen bleiben würden? Wer weiß das schon genau. Und weiße Weihnachten? Naja, jedenfalls scheint es nicht völlig ausgeschlossen zu sein. Als ich am Sonntagmorgen in Binz aus dem Fenster zur Ostsee schaute, waren die Dünen jedenfalls weiß bedeckt. Der Himmel wurde durchbrochen von einem unglaublichen Licht und es lag ein "Zauber von Schnee" über der Insel. Nur war für den Moment noch nicht klar, ob er wieder mit den ersten Sonnenstrahlen zerstört würde - wie am letzten Wochenende.

Blick zur Binzer Seebrücke - im Hintergrund Sassnitz
Doch an diesem Sonntag kam der Schnee, um zu bleiben. Ein Ausflug nach Prora? Warum nicht. Auch hier waren die mittlerweile weiß herausgeputzten Blöcke in einen weißen Teppich eingebettet worden. Nur der Weg zum Strand gestaltete sich - vor lauter Bauzäunen - als schwierig. Belohnt wurde das Unterfangen dennoch. Die dabei erlebte Stimmung der Natur lässt sich nur schwer beschreiben, denn der Himmel war dunkel und wurde ab und zu wieder von Sonnenstrahlen durchbrochen, die sich auf dem Wasser der Ostsee reflektierten. Überhaupt dieses Licht. Und dazu ein schneeweißer Strand, der auch die letzten Spuren des Sommers überdeckte und ein ganz neuen Eindruck hinterließ.
Blick vom Strand an der Prorer Wiek nach Binz
Es gibt sicher viele Gründe nach Rügen zu fahren. Wer einmal die Hünengräber im Winter gesehen hat, der wird viel mehr von der Insel verstehen, als mancher Urlauber, der sich einfach nur an der Prorer Wiek in die Sonne legt. Andererseits kann man auch froh darüber sein, denn so hat auch die Insel eine wohlverdiente Atempause. Ablesen lässt sie sich auch an den herausgeputzten Häusern. Wo Sonderabschreibungen und Geldanlagen Glücksritter anzogen, brennt erst mal kein Licht - es ist eben die schattige Seite der Insel, die auch von der Gier getrieben ist.
Auch diese Natur soll verschwinden, vielleicht für einen Seglerhafen?
Sie ist natürlich auch in Sassnitz zu finden. Dennoch hat sich diese Stadt doch noch etwas bewahrt: Die Altstadt, jenen Ursprung wo einst der Steinbach offen zur Ostsee floss. Heute lässt sich - für Urlauber unbemerkt - über ihm zur Promenade wandeln. Der Blick nach links und rechts offenbart jedenfalls, dass noch nicht alles kaputtsaniert ist. Die Bausünden hat man sich für den Gast als Finale aufgehoben. In einem Bauwerk, welches so gar nichts mit dem Umfeld zu tun hat, kann man wenigstens einen freien Blick auf die Ostsee werfen und bekommt dazu noch Kaffee und Kuchen gereicht. Man sitzt in der ersten Reihe - aber zu welchem Preis für die Identität.

Blick über den Sassnitzer Hafen nach Binz
Vorbei an Mole, Hafenbecken und Arkaden - in Sassnitz hat dieses Wort ein ganz eigenes Bild erzeugt - führt der Weg über eine Fußgängerbrücke wieder zurück in die Stadt. Hier kann man mit dem Fahrstuhl zum Café in der 9. Etage fahren und einen schönen Ausblick genießen. Es ist zweifellos eine der schönsten Sonntage der vergangenen Wochen auf Rügen. Spötteln die Sassnitzer auch, dass das Schönste an Binz der Blick auf ihre Heimatstadt wäre, so ließe sich das Kompliment an dieser Stelle an Binz zurückgeben. Der "Zauber von Schnee" hat sich übrigens gehalten. Ich liebe Schnee, auch wenn er bisweilen auf der Insel eine ganz eigene Erinnerung hinterlässt, wie die an den Winter von 1978/79 als Rügen im Schnee versank. Für uns Kinder war es wohl der schönste Gedanke an Schnee, aber damals als ganze Dörfer von der Versorgung abgeschnitten waren, sich Schneefräsen durch ein meterhohes weißes Wellenband kämpfen mussten... Wer würde uns wohl heute noch retten können? In sofern belasse ich es gern bei der Erinnerung daran. Auch daran, dass ich eine Frau auf einem zugefrorenen See liebte, denn das ist eine andere Geschichte.

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