Freitag, 8. Dezember 2017

Zwischen Sund und Kap Arkona (5)

Das Gutshaus von Semper (Foto: Harro Schack)
Ein Beitrag von Torsten Seegert
Es ist einer dieser herbstlichen Tage zum Jahresausklang. Die Sonne scheint durch die bunt gefärbten Laubblätter der Bäume des Waldparks Semper. Mit dem Rüganer Harro Schack haben wir diesmal nicht nur einen ortskundigen Begleiter, sondern auch einen leidenschaftlichen Fotografen an unserer Seite.  

Am Anfang stand die Betrachtung einer postkartengroße Aufnahme vom Schloss Semper und ein kleines Porträtfoto des Bauherrn, Dr. Walter von Brüning. Entgegen vielen Publikationen mussten wir jedoch schnell feststellen, dass viel Widersprüchliches über ihn bereits gedruckt worden war. Der Sohn des Chemikers und Industriellen, Adolf von Brüning, wurde am 13. August 1869 geboren und trat im September 1891 als Gerichtsreferendar in den Staatsdienst ein. Von 1899 bis 1903 kümmerte er sich dann um die Verwaltung des zwischenzeitlich beträchtlichen Familienvermögens, zu dem Anteile am später weltgrößten Chemieunternehmen (Hoechst AG) und weitere Unternehmensbeteiligungen gehörten. Die Rückkehr in den Staatsdienst erfolgte über die Regierung ins Wiesbaden. 1907 wurde Dr. Walter von Brüning dann in Hinterpommern auf Wunsch des Kreistages von Stolp zum Landrat ernannt und übte dieses Amt auch bis 1918 aus. Während dieser Zeit wurde er auf den Waldpark Semper aufmerksam, der ursprünglich Bestandteil des Gutes Borchtitz war...
Der Forellenteich (Foto: Harro Schack)
Von der Orangerie an der Bundesstraße 96 laufen wir die sehenswerte befestigte Rhododendron-Allee zum Schloss Semper hinauf. Doch bevor wir das Schloss erreichen, schlagen wir erst einmal einen kleinen Weg nach links ein. Unter dem Knacken toter Äste und dem Rascheln des Laubes erreichen wir die Kaskadenteiche. Die Sonne scheint durch die Bäume und deren Stämme spiegeln sich im Wasser. Wenn nur nicht der Nebel wäre, murmeln wir leise. Sicher könnte man bis auf das Wasser des Großen Jasmunder Boddens sehen. Ein kleiner Steg führt zu einer kleinen Insel mit einer Bank. Allerdings hätten Verliebte auch hier wenig Ruhe. Auf der einen Seite ein junges Mädchen mit einem Fotoapparat, auf der anderen Seite eine ältere Dame mit ihrem Hund. Schnell kommen wir ins Gespräch. Sie kommt gerne von Sassnitz herüber, auch wegen der Erinnerung. Als junges Mädchen war sie 1946 noch im Schloss mit anderen Flüchtlingen einquartiert worden... Schon wieder knackt es hinter uns. Erstaunlich denken wir, aber es ist ein ganz normaler Sonntag im gerne besuchten Waldpark Semper. Harro Schack macht noch ein paar Aufnahmen vom Tennisplatz, dann pirscht er sich durch das Unterholz. Nun heißt es den Anschluss halten. Vor uns breitet sich eine große Lichtung aus. Hier wurde zu DDR-Zeiten der Sozialismus verteidigt - natürlich war alles nur eine Übung! Heute gibt sie uns den Blick frei auf das Schloss mit dem Pavillon. Doch wie im gleichnamigen Roman von Franz Kafka scheinen wir es nicht erreichen zu können. Stolz  erhebt es sich vor uns:
"Das Betreten ist verboten, doch das Betrachten ist erlaubt!"
DerTennisplatz (Foto: Harro Schack)
Der neobarocke Bau soll nach den Plänen des Berliner Architekten Georg Steinmetz im ersten Weltkrieg begonnen worden sein. Ein erster prüfender Blick verrät: Der frühere Wintergarten auf der Seeseite wurde für die Wiederherstellung der ursprünglichen Fassade wieder zurückgebaut. Prägend ist das Mansardendach mit den schlichten – aber praktischen (!) - Segmentbogen-Gauben. Außerdem geben die geputzten Eckquader und die zierenden aber einfachen Putzspiegel dem Gebäude Unverkennbarkeit. Die gestalterische Nähe zur Gärtnerei (sie soll ursprünglich Pferdestall und Wagenremise gewesen sein), sowie dem Verwalter- und Forsthaus an der Bundesstraße 96 wird im Ursprung offensichtlich. Doch die Idee im Ganzen erscheint zerrissen.

Nach „kultureller Aufklärung“, übte man hier bis zur Wende die Zivilverteidigung. Dann ließen die 21 Zimmer mit Betten, ein großer Speisesaal und Nebenräumlichkeiten die Begehrlichkeiten wachsen. Wenn es nach Angela Merkel gegangen wäre, hätte sie der Jugend dieses Schloss „geschenkt“. Und auch Graf Mortimer von Eulenburg, Enkel Walter von Brünings, zeigte Interesse am ehemaligen Familienbesitz. Doch aus beiden Ansinnen wurde nichts. Stattdessen zog ab 1994 das Erholungs- und Förderungswerk der Polizei ein. Keine 10 Jahre später kam der Bau dann doch „unter den Hammer“. Für 460.000 Euro wechselte das Schloss Semper 2003 den Besitzer. Seither ist es etwas ruhiger im Waldpark geworden.
Der Wasserturm (Foto: Harro Schack)
Endlich erreichen wir wieder einen mit Bauzäunen flankierten Hauptweg. Ein Abweichen zum Schloss ist hier unmöglich. So gelangen wir geradewegs zum Wasserturm. Das romantische Kleinod, welches früher über einen direkten Aufstieg vom Schloss erreichbar war, erinnert ein wenig an eine Burgruine. Auch wenn der Aufstieg heute nicht anzuraten ist – das Betreten birgt die Gefahr des Absturzes (!) - so lässt sich denken, dass der Blick bei seiner Errichtung einen eigenen Reiz hatte. Vielleicht sogar zum „Hexenwald“. Der liegt nur einen Steinwurf entfernt. Er besteht aus Süntelbuchen und wurde wahrscheinlich zur Zeit des Schlossbaues angelegt. Im Winter, wenn die ersten Schneeflocken gefallen sind, ist der „Hexenwald“ ein beliebtes Fotomotiv – weiß unser Fotograf zu berichten. Und dann gerät Harro Schack doch noch ins schwärmen von einem weißen Dach welches sich auf die bizarren Buchen legt und die Fantasie des Betrachters anregt. Wir begegnen noch einem Ehepaar aus Stralsund. Auch sie wollen ein wenig im Waldpark spazieren. Das Schloss Semper? Nein, das kennen sie noch nicht. Also begeben sie sich noch auf unsere „Spur der Steine“. Ein Ausflug in einen sehr schönen Teil Rügens und in ein Stückchen Heimat- und Baugeschichte.
Der Hexenwald (Foto: Harro Schack)
Persönlich tragisch soll übrigens das Ende Dr. Walter von Brünings gewesen sein. In einem Artikel wurde vor Jahren beschrieben, dass er nach der Enteignung beim Versuch die Insel zu verlassen, von russischen Soldaten aufgegriffen wurde. Kurze Zeit später sei der Zuckerkranke im Diabetikerheim Garz gestorben und auf dem Sagarder Friedhof beerdigt worden.
Wir danken Harro Schack für die Fotos und die Begleitung auf unserem Spaziergang!

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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach