Freitag, 15. Dezember 2017

Zwischen Sund und Kap Arkona (6)


Ein Beitrag von Torsten Seegert

Tief im Westen wird die Landschaft Westrügens - auf der Suche nach Ursprünglichkeit - zum Ziel von vielen Urlaubern. Warum wir uns in diesem Streifzug über die Insel ausgerechnet im Dezember wieder Muttland zuwenden? Nun, am 16. Dezember 2017 jährt sich der Geburtstag von Gebhard Leberecht von Blücher zum 275. Mal. Was den "Marschall Vorwärts" (diesen Spitznamen sollen ihm die Russen in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gegeben haben) mit Rügen verbindet? Venz.  

Wer sich - wie wir - auch für die Baugeschichte interessiert, muss anerkennen, dass das gewachsene Interesse an Westrügen einhergeht mit dem zunehmenden Verlust von Originalität. Denn dieser noch vorhandene Reichtum wurde und wird zunehmend als Belastung empfunden. Vor 1989 vernachlässigt, wurde er nach 1989 vielfach ein Opfer von Spekulation. Traumhafte Lagen waren einigen Neueigentümern oft eine Sanierung nicht wert. Dem Abriss oder dem Feuerteufel folgten neue schlichte Träume aus Beton und Stein. Denkmalschutz hin oder her! Deshalb möchte man am Liebsten gar nicht für Muttland werben, denn auch uns liegt natürlich am Erhalt von Gewachsenem.
Blick auf die baugeschichtliche Entwicklung
Venz erscheint dem Besucher, der es zumeist unerwartet entdeckt, wie aus einer anderen Zeit. Erstmals als „Ventze“ 1486 erwähnt, wird der Rittersitz der Familie Raleke zugeordnet. Dann wechselt der Besitz 1563 durch Tausch zur Familie von Platen. Ende des 16. Jahrhunderts wird hier im Auftrag Georg von Platens ein Herrenhaus errichtet. Es präsentiert sich heute, wie vor 300 Jahren: Als geräumiges Traufenhaus mit eingesprengten Feldsteinen im massiven Backsteinmauerwerk – nachträglich verputzt. Die Betonung der Gebäudekanten erfolgt wieder durch eine leichte Eckquaderung und auch das Gesimsband – welches zwischenzeitlich abgeschlagen war und einem Glattputz weichen musste – gibt den Geschossen des Gebäudes wieder eine ordnende Betonung. Das es in der Vorderfront einem Fenster im flachen Bogen ausweicht, hat eine baugeschichtliche Ursache. Hier – in der südwestlichen Gebäudeecke - befinden sich noch die Reste eines mittelalterlichen Wohnturmes. Eigentlich wurde das Herrenhaus nur unter Einbeziehung des Turms angebaut. Deutlich wird dies allerdings nur noch im Grundriss, wo die Mauern deutlich stärker sind, als im restlichen Bau. Das Fenster des Wohnturms war also bereits vor dem restlichen Herrenhaus mit seinem verzierenden Gesimsband da.
Gebhard Leberecht von Blücher (1742-1819) - genannt "Marschall Vorwärts"

Äußerlich ist dies ansonsten kaum erkennbar. Die Ansicht wird stattdessen vor allem durch eine Freitreppe zum Eingang geprägt, von wo sich das Gebäude und der ehemalige Wohnturm erschließen. Wie oft Gebhard Lebrecht von Blücher hier hinaufgestürmt ist oder ob er vielleicht durch die Fenster der Haupt- oder Nebengiebel manches Ziel seiner Abenteuer auf Westrügen erspähte, ist leider nicht überliefert. Bekannt ist nur, dass er – der spätere Held von Waterloo und legendäre „Marschall Vorwärts“ – in diesem Idyll seiner Schwester, Magaretha Dorothea, aufwuchs. Vielleicht ist der Begriff „aufwuchs“ – den man auch mit einer besseren Erziehung in Verbindung setzen könnte - nicht glücklich gewählt, denn schließlich zerstören die Episoden seiner Jugend jedes gefällige Bild. Ungestüm und für jede waghalsige Unternehmung offen, war er eigentlich schon damals. Ihm war kein Baum zu hoch und kein Kreidehang zu steil. Und gemeinsam mit den Söhnen der Familie von Bohlen, einem Sohn des Pächters Diek auf Gagern und – zeitweise – auch seinem Bruder Siegfried, war Venz zum Ausgangspunkt vieler seiner Abenteuer mit  Jugendstreichen geworden. Erst nach seinem „Gastspiel“ sollte es wieder etwas ruhiger werden...

1924 erwarb Eduard Berger das Gut von der Familie von Platen und bewirtschaftete es bis zu seiner Enteignung 1945. Wie auch bei anderen Guts- und Herrenhäuser auf Westrügen, folgte nun die anfängliche Nutzung als Obdach vieler wohnungssuchender Familien. Danach war das Herrenhaus Venz Sitz der Gemeinde bis seine Nutzung schließlich in den 70er Jahren aufgegeben wurde. Fortan sollten Zerstörung und Verfall vom Umgang mit der Geschichte zeugen. Glücklicherweise nahm das Schicksaal dieses historischen Gebäudes noch einmal eine Wende, denn nach 1996 wurde dem Haus wieder Stück für Stück neues Leben eingehaucht. Darauf könnte man – bei aller Bescheidenheit – stolz sein. Venz, eines der ältesten Herrenhäuser auf Rügen – ist ein gutes Beispiel für den Erhalt von historischen Bauten!

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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach