Freitag, 29. Dezember 2017

Zwischen Sund und Kap Arkona (8)


Ein Beitrag von Torsten Seegert

Auf unseren Streifzügen über die Insel wenden wir uns heute der Schmalen Heide zu: Eingebettet in einen über hundert Jahre alten Kiefernwald befindet sich ein „steinernes Meer“ aus Millionen weißleuchtenden Feuersteinen. Es ist bis zu 200 Meter breit und – wenn man den Unterlagen glauben darf – etwa 2.000 Meter lang. Da man sich am Besten aus dem Norden – von den Truper Tannen – über einen Wanderweg nähert, ist der Eindruck der aufeinander folgenden Wellen endlos. Und auch das Geräusch der Reibung, wenn man sich anfängt auf ihnen zu bewegen, vergisst man nie mehr. 


Der Berliner Johann Zöllner bemerkte 1797 in seinen Reisebeschreibungen: „Das Ufer des Binnenwassers ist mit so vielen Feuersteinen bedeckt, dass man ihre fortlaufenden weißen Lagen in der Ferne für übergetretenes Wasser hält. Sie bilden lange Strecken dort, eine Art von Chaussee, und rauschen unter den Rädern des Wagens und den Huftritten der Pferde in Harmonie mit den Wellen.“ Er nahm an, dass in dieser Gegend einst ein großes Kreidegebirge zerstört wurde und die Gewalt der Fluten dabei die Feuersteine gelöst hätte, die durch das ewige Reiben abgeschliffen wurden.   


Spätere Untersuchungen gingen davon aus, dass hier Strandwälle vorliegen, die einst vom Meer aufgeworfen wurden. Hatte man ihre Höhe anfangs auf den Untergrund zurückgeführt, so vertrat man danach die Ansicht, dass die Steinwälle durch Sturmfluten entstanden seien. Der Greifswalder Geograph Schütze war der Auffassung, dass durch die Wellen erst Sande und Mergel zwischen den Truper Tannen und der Halbinsel Thießow (Achtung! Bitte nicht verwechseln mit Thiessow auf Mönchgut) abgelagert wurden und dann die Feuersteine, die sich aus der Steilküste lösten, aufgeworfen werden konnten. Erst die Analysen von zwei – ebenfalls aus Greifswald kommenden – Geographen, Prof. Dr. Kliewe und Dr. Schmidt, beendeten die Spekulationen. Sie ermittelten, dass eine 6 Millionen Kubikmeter umfassende Kreidescholle, die sich nur wenige hundert Meter östlich von Neu-Mukran befand, die Geröllmassen für die Steinfelder lieferte. Während der sogenannten Litorina Überflutung – der Meeresspiegel lag damals etwa 1,5 Meter über dem heutigen Maß – wurden die Feuersteine aus der Scholle gelöst. 

Dieses Geröll setzt sich heute zu etwa 90% aus Feuersteinen zusammen. Sie dominieren in ihren bläulich-weißen Verwitterungen das geologische Gesamtbild des Steinfeldes. Kaum vorstellbar ist dagegen, dass sich die Geröllschicht bis zu 2 Meter stark sein soll. 

Heute sind die Feuersteinfelder nicht nur für Geologen, sondern auch für Botaniker von Interesse. Denn Borstengräser, Moose, Heidekraut und Krähenbeere versuchen in der Steinwüste Fuß zu fassen. Eingetragene und eingewehte Humusschichten sorgen für den notwendigen Halt. Wer hätte gedacht, dass sich hier Wacholder, Windrosen, Schlehdorn und sogar der Streifenfarn entdecken lässt? Und so erobern sich mühsam inmitten des Steinmeeres Vegetationsinseln ihren Raum. Am Rand des Steinmeeres sucht auch der um 1840 künstlich angelegte Kiefernwald sich auszubreiten. Zwei Versuche dieses durch Beweidung mittels eines Wildgatter und ab Mitte der 70er Jahre durch den Besatz mit Mufflons einzudämmen, sind gescheitert. 


Nachdem die erste Schutzvorschrift der damalige Grundeigentümer, Fürst zu Putbus, erließ, wurde die 35 ha große Fläche bereits 1935 zum Naturschutzgebiet erklärt. 1961 wurde der Schutzstatus um den Kranichbruch, das Heidemoor und den Dünenkiefernwald auf 185 ha erweitert. Das schützte die Steine zwischenzeitlich aber nicht vor einer industriellen Verwertung. Nachdem bereits 1882/84 etwa 53.400 Zentner der Feuersteine abgesammelt wurden, erinnert man sich Anfang der 50er Jahre der Nutzung und reduzierte das Steinfeld um weitere 2 ha. Die abtransportierten Feuersteine wurden in den Kugelmühlen der Glas- und Porzellanindustrie zermahlen...

Wie man zu den Feuersteinfeldern gelangt? Nun, die Rüganer werden es wissen: Zunächst fährt man einfach die Straße von Prora nach Mukran entlang. Auf der linken Seite befindet sich dann der geschotterte Parkplatz „Feuersteinfelder“. Südlich führt nun ein Wanderweg zur Bahnstrecke, die Binz mit Lietzow verbindet. An ihr sind wir entlang gegangen und hielten uns dabei in Richtung Lietzow, bis wir zu einer Eisenbahnbrücke kamen. Diese überquerten wir anschließend und begaben uns wieder entlang der Bahnstrecke – diesmal allerdings in Richtung Binz. Auf einem südlichen Wanderweg kamen wir nun direkt zu den Feuersteinfeldern. Vom Parkplatz aus muss man mindestens 20 Minuten für den Weg einplanen. 


Das Erlebnis selbst entschädigt jedoch für den Weg (siehe auch Karte). Die Bewerbung dieser einmaligen naturkundliche Attraktion, die einst in Inselführern neben dem Königstuhl (!) erwähnt wurde, ließ in touristischen Abhandlungen oftmals zu wünschen übrig. Natürlich: Geld ist damit nicht zu verdienen. Andererseits: So bleiben diesem schönen Fleckchen vielleicht auch jene erspart, denen oftmals die Achtung vor der Natur unserer Insel fehlt.