Freitag, 12. Januar 2018

Vermisst! - Wo ist mein Kind?




Liebe Rüganer,
ein Beitrag, der am letzten Samstagabend über viele TV-Bildschirme auf der Insel lief, sorgte anschließend auch für viel Wirbel in den sozialen Medien. Im Mittelpunkt steht dabei Juliane Kube, die am 13. Dezember 1977 gestorben sein soll. Nun werden Zweifel gegen diese offiziellen Angaben laut. Genährt werden sie nicht nur durch einen anonymen Anruf bei der heute 66-jährigen Mutter des Kindes, sondern auch durch eine Georadar-Prüfung, die keine Spuren einer verstorbenen Person geliefert haben. Wenn zudem noch auf amtlichen Urkunden weder das Datum der Geburt noch der Ort korrekt vermerkt sind - dann wirft dies natürlich weitere Fragen auf, deren Klärung - im ersten Ansatz durch eine Exumierung - nun jedoch von Seiten der Stadt Sassnitz behindert wird. Welchen Interessen diese folgt, ist dabei für viele noch nicht nachvollziehbar, zumal eine Exumierung immer im Interesse der toten Person stattfindet, die über ihren Tod hinaus auch das Recht auf Würde im Umgang mit ihr nicht einbüßt.

Beitrag in der Lokalausgabe der Ostsee-Zeitung vom 10. Januar 2018
Das man - wenn man einen nahen Verwandten verloren hat - Gewissheit haben möchte, um mit der Trauerarbeit beginnen zu können, ist selbstverständlich. Viele Menschen haben dabei - nach Kriegen oder Naturkatastrophen - das Problem, dass eben hier auch etwas, was uns Zurückgebliebenen bleibt und sich mit einem Ort verbindet, oft nicht gegeben ist. Dies erschwert zweifellos auch die Verarbeitung des Verlustes. Deswegen ist auch der zweite Fall, der in dem am Samstag ausgestrahlten Magazin-Beitrag Erwähnung findet, so schlimm. Denn wenn nach einer Exumierung die Gewissheit durch das Fehlen von Spuren des geliebten Menschen verloren gegeangen ist, steht natürlich die Frage: Wo ist mein Kind?

Das führt zu einem Kapitel unserer jüngsten Geschichte, über das bis heute ein großes Schweigen liegt: Zwangsadoptionen. Das Thema hat einen starken Bezug zum Gesellschaftsbild in der DDR, denn der Familie wurde in der öffentlichen Darstellung ein hohes Gewicht gegeben. Kinderlosigkeit galt im Gegenzug als Makel. Das erklärt auch, warum auf einen Säugling etwa 10 Bewerber für eine Adoption kamen. Heute geht man von etwa 72.000 anonymen Adoptionen aus; ca. 10.000 davon sollen Zwangsadoptionen gewesen sein. Sie standen z.T. auch in Bezug zu Kindesentzug. Welche Bezüge es zu den beiden in dem TV-Beitrag genannten Fälle Nico Braun und Juliane Kube gibt? Derzeit können wir es noch nicht sicher beurteilen.
Wo ist Nico? (Foto: Screenshot vom Beitrag des NDR)
Übrigens, auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es viele ungeklärte Kinderschicksale. Derzeit sind über 100 bekannt, wie viele es wirklich sind, lässt sich jedoch nicht mit Gewissheit sagen. Gleiches gilt für unsere Insel. Da gibt es beispielsweise einen Jungen aus Bergen, der als eineiiger Zwilling 1966 geboren wurde. Sein Bruder wurde bereits während der Geburt von ihm getrennt. Irritiert war er, weil er immer wieder bei seinen Reisen durch das Land verwechselt wurde. Oder der Fall einer Schwester, die ihren ebenfalls in Bergen - im Jahre 1968 - geborenen Bruder sucht. Einen Hinweis darauf fand sie in einem amtlichen Dokument. Gleiches gilt für eine Rüganerin, deren Bruder 1969 in Saßnitz geboren wurde...

Warum dieses Thema ausgerechnet in den sozialen Medien diskutiert wird, ergibt sich schon aus den Geburtsjahrgängen. Sie liegen Ende der 60er bzw. in den 70er Jahren. Viele der Rüganer, die heute darüber diskutieren, könnten mit ihnen den Buddelkasten geteilt haben. Vielleicht sind sie ihnen sogar begegnet, haben einen Stück ihres Weges geteilt und sind deswegen auch Direktangesprochene. Heute haben sie selbst Kinder; ihr Verlust ist ebensowenig vorstellbar. Grund genug sich auch in diesen Fällen für Aufklärung einzusetzen.

Der Verein "Gestohlene Kinder der DDR n.e.V." ist einer der Initiativen, die sich um eine Klärung bemühen. Das es bei der Interessensgemeinschaft zwischen 5 und 10 Neuanmeldungen täglich gibt, spricht sicher für sich, zeigt aber vor allem auch das wachsende Ineresse daran, Gewissheit zu haben, wer man ist und woher man kommt oder was aus dem Bruder oder der Schwester geworden ist, deren Existenz oft erst spät bekannt wurde.

Hans Hegel

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