Montag, 15. Januar 2018

Wer den Bock zum Gärtner macht...

Liebe Rüganer,
in Sassnitz gibt es einen neuen Volkssport: Das Unterschriftensammeln. Auslöser für die Mobilisierung zivilen Ungehorsams sind städtische Entscheidungen, die immer wieder die Bürgerinteressen berühren. Dabei ging es oftmals um den Erhalt städtischer Einrichtungen, wie den Heimattiergarten, den Abstieg vom Königstuhl oder liebevoll gepflegte Gärten. Das nun selbst richterliche Anordnungen von Unterschriftensammlungen begleitet werden, ist allerdings neu und wirft bei vielen Beobachtern die Frage auf, ob die Stadt von allen guten Geistern verlassen ist.

Dabei verdient das Anliegen einiger Kleingärtner zum Erhalt ihrer liebvoll gepflegten Anlagen durchaus besondere Wertschätzung. Ist doch der Wedding zu jenem "Gallischen Dorf" geworden, welches schon früh in seiner Auseinandersetzung mit dem "Imperium" zur Hochform auflief. Als Bürgermeister Frank Kracht seine Eröffnungsrede für die Hafentage 2017 hielt, protestierten die Gärtner mit Plakaten und zeigten schon mal ihrem Stadtoberhaupt, "was eine Harke ist."
Mal was Neues: Gärtner demonstrieren für den Erhalt ihrerGärten auf den Hafentagen
Doch der Reihe nach: Die Stadt Sassnitz und die städtische Wohnungsgesellschaft WoGeSa planen im Wedding die Rückzugsorte und selbst geschaffenen Oasen der dort wohnenden Gärtner zu schleifen. Die Idee: Nachdem die Bäume gefällt und die Flächen platt gemacht sind, bietet sich ausreichend Platz um die "Blütenträume" eines Planers mit der Absegung der Stadt - bezahlt mit unseren Steuergeldern! - umzusetzen. Einbezogen hat man die Betroffenen dabei nicht. Stattdessen wurden sie, nachdem sie ihren Unmut äußerten, an den Pranger gestellt. Der Anwurf gegen die Kleingärtner - der über die Mieterzeitschrift der WoGeSa verbreitet wurde - war, dass sie "die Vorbringung falscher Vorwürfe unter Darstellung völlig falscher Sachverhalte.." dazu nutzen würden, um andere Bürgerinnen und Bürger zu Protest-Resolutionen zu bewegen und diese mit einzubeziehen. Es wäre nicht mal verwunderlich, wenn man die Kleingärtner für verrückt erklärt, nur weil sie sich für ihre Interessen einsetzen.
Die Gärtner haben sich eine eigene Oase geschaffen. Dafür kämpfen sie.
Immerhin brachten sie weit über 1.000 Unterschriften zusammen, um ihrem Protest nicht nur auf den Hafentagen, sondern auch im Anschluss Ausdruck zu verleihen. Denn eines war ihnen klar: Die Kündigung der Gärten durch die Stadt geschah ohne Angabe von Gründen. Der Besichtigungstermin vom 19. Juli 2017, in welchem angeblich ähnlich einer Einwohnerversammlung informiert wurde, kam erst auf massive öffentliche Proteste und mehrfachen Drängen der Bürger zustande. Auch kann man wohl kaum von einer Informationsveranstaltung sprechen, da sie alle Anwohner beträfe. Denn: Zugelassen waren von vorn herein nur die Kleingärtner; alle anderen Betroffenen blieben außen vor. Für Irritation sorgte dabei die Stadt selbst, denn eine Planung konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal vorgelegen. 

Gerne wirft man den Kleingärtnern vor uneinsichtig zu sein und sich gegen Veränderungen stemmen zu wollen, doch das Gegenteil ist der Fall, denn: Die Kleingärtner suchten das Gespräch. Sie wollten Antworten auf das "Wie, Was und Warum" etwas geplant wäre. Sie sträuben sich auch nicht gegen die Aufwertung ihres Wohngebietes. Mieter gaben dazu die Garagen ab und brachten sogar eigene Vorstellungen zu Papier. Was sie nicht verstehen: Es ist kein Geld für Instandsetzug und Erhalt von Gehwegen, Straßen oder Sportstätten da, aber nun sollen - nach neuesten Vorstellungen - fast hundert Jahre alte Kleingärten einem mit unserem Steuergeld fianzierten Bürgerpark weichen, für dessen stetige Erhaltung dann Umlagen gezahlt werden müssen. Schön wäre es natürlich wenn wenigstens das Wahlversprechen der Stadtteilgespräche eingelöst worden wäre, dann hätte man solche Auseinandersetzungen schon im Vorfeld vermeiden können...
Der Stuhltanz um die Kleingärten ist eröffnet: Wer verliert seinen Sitzplatz?
Kürzlich bemerkte einer der Anwohner süffisant nur: "Wer den Bock zum Gärtner macht..." Dann winkt er andeutend und meinte, wer über 1.000 Unterschriften sammeln kann, bekommt auch ausreichend Unterschriften für einen Bürgerbegehren zum Bürgerentscheid zusammen. Wenn dann direkt gewählte Vertreter der Bürger zur Disposition stehen, könnte es für das "Imperium" schnell schief gehen. Asterix und die Gallier lassen grüßen!

Hans Hegel

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