Samstag, 13. Januar 2018

Zwischen Sund und Kap Arkona (10)

Blick auf den Garzer Burgwall mit dem Kriegerdenkmal
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Bei unseren bisherigen Streifzügen bewegten wir uns auf sicherm Boden. Wir besuchten Orte, deren Lage klar war. Heute bewegt uns jedoch die Frage: "Wo liegt Karentia?" Er ist einer jener Flecken auf der Insel, zu denen es viele Fragen aber wenige Antworten gibt.



Zu den wichtigsten Ereignisse der Geschichte der Insel Rügen zählte die Eroberung und Christanisierung der Insel Rügen im Jahre 1168 durch die Dänen. Der Fall der alten, berühmten Tempelburg des Götzen Swantewit auf Arkona wurde oft und umfassend dokumentiert. Mit der „Historica Danica“ von Saxo Grammaticus, dem Geheimschreiber des Bischofs von Roeskilde, liegt sogar ein Augenzeugenbericht zu den Vorgängen auf Rügen (14. Buch) vor. Doch bereits mit der Kapitulation der Burg „Karentia“, die mit der vertraglichen Aufgabe der Stammesfreiheit der Rügianer verbunden wird, mehren sich auch Stimmen, die eine bisherigen Verortung in Frage stellen. Wir folgen dennoch dem allgemein Bekannten und besuchen Garz.
Vom Burgwall aus lässt sich auf Rügens älteste Stadt und den Garzer See schauen
Hier befindet sich der Garzer Burgwall. Um ihn ranken sich jedoch nicht nur Sagen und Geschichten, sondern er wird eben auch mit Karentia in verbindung gebracht. Prof. Dr. A. Haas beschreibt die Örtlichkeit in seiner lange Zeit populären Schrift „Arkona im Jahre 1168“ so:  

„Diese Ortschaft ist ausgezeichnet durch die Gebäude dreier übermächtiger Heiligtümer, die durch den Glanz einheimischer Kunst sehenswert sind. Obgleich es nur örtlich verehrte Götzen waren, so hatte auch ihre Würde doch beinahe ebensoviel Anbetung verschafft, wie die bei allen Slawen wohlangesehene Gottheit zu Arkona besaß. Auch dieser Ort war zu Friedenszeiten unbewohnt, jetzt aber mit zahlreichen Wohnhütten dicht angefüllt...“ 

Gemälde von der Christianisierung Rügens
Er stütze sich bei seiner Schilderung auf die Angaben von Saxo, der von „Karentia“ spricht und auch eine landschaftliche Einordnung vornimmt: 

„Diese Stätte ist von allen Seiten von Niederungen umgeben und hat nur einen Zugang, der über eine Furt und einen Weg zum Burgtor führt.“

Die in „Karentia“ vorgefundenen Götzen, werden als Abbilder der Gottheiten Rugiewit, Porewit und Porenut beschrieben. Nachdem sie niedergestreckt und schließlich verbrannt wurden, weihte Absalon im „argo Karentino“ - im Umland - drei Friedhöfe.

Eine archäologische Verortung von „Karentia“ erfolgte eine sehr lange Zeit mit Garz. Ursächlich war nicht nur die Knytlinga-Saga (Kap. 121), die 1165 Kämpfe am See von „Gardz“ erwähnt, sondern auch die Ähnlichkeit der Namen „Karentia“ und „Charenza“, einer in Urkunden oft erwähnten Burgkapelle („capelle nostre in Charenz“) mit örtlichem Bezug. Aus dieser Annahme heraus, führte 1868 – 700 Jahre nach den Ereignissen – eine dänisch-deutsche Komission erstmals Untersuchungen am Garzer Burgwall durch. Gefunden wurden bei Grabungen allerdings nur slawische Keramikscherben und Knochen. Sie konnten erst später - 1956 - durch Ewald Schuldt klassifiziert werden.
Zum Burgwall gibt es im Süden eine direkte Zuwegung
1928 – 760 Jahre später – untersuchten auch die Archäologen Carl Schuchard, Wilhelm Petzsch und Otto Stiehl die Burg. Aus besagter Zeit ließen sich aber nur kugelförmige Gewichte bergen. Diese lassen jedoch lediglich Rückschlüsse darauf zu, dass am Fundort Handel oder die Bemessung von Abgaben vorgenommen wurde.   
     
Ein Eintrag von 1314 im Pommersche Urkundenbuch ließ zudem auch eine Verortung für eine untergegangene Siedlung – „Charense“ - im Kirchspiel Gingst zu. Die Theorie stützt sich dabei u.a. auf das zeitlich begrenzte Fenster eines Tages, für den ein Hin- und Rückweg von Arkona nach „Karentia“, Kapitulation und Zerstörung der Heiligtümer, sowie die Weihen beschrieben werden. Damit rückt für diese Annahme der Burgwall bei Venz in den Mittelpunkt der örtlichen Betrachtung. Auch diese Anlage wurde bereits 1868 vermessen und dokumentiert. Befürworter dieser Verortung sehen sich auch durch die bereits damals festgestellte Größe der Anlage, die landschaftliche Einbettung und den Fund slawischer Keramikscherben bestätigt. Doch auch hier scheint die Gefahr der Hineininterpretation des von Saxo Grammaticus geschilderten Bildes in die Ergebnisse der Untersuchungen gegeben.
Blick vom Rundweg umd den Burgwall, der direkt am Schützenhaus angelegt ist
Beide Burgwälle sind - unabhängig von ihrer Zuordnung zu „Karentia“ – sagenumwoben. So schrieb Ernst Moritz Arndt nieder, was der Volksmund von einer wunderschönen Prinzessin Svanvithe im Garzer Burgwall zu erzählen wusste. Danach wartet sie bis heute in jeder Johannisnacht auf ihren Erlöser. Und im Venzer Burgwall wollen noch Schätze geborgen werden... 

Touristisch - so viel wird auch beim Besuch des Garzer Burgwalls klar - hätte dieser Ort (auch als Gegenstück zu Arkona) sicher noch ein erheblich höheres Entwicklungspotential. Das ursprünglich als Rügen-Museum errichtete Ernst-Moritz-Arndt-Museum, welches sich direkt am Burgwall befindet, würde dafür zusätzlich sprechen. Zudem ließe sich eine mögliche Verbindung zu "Karetia" positiv nutzen. Die Tatsache, dass Garz die älteste Stadt der Insel ist ebenso. Doch die Frage ("Wo liegt Karentia?") wird wohl dennoch die Rüganer und die Historiker bewegen...

---

Weitere Beiträge aus der Reihe "Zwischen Sund und Kap Arkona" mit den Orten von A-Z:

Altenkirchen (32) /Kap Arkona (4) / Baaber Heide (12)Bergen (9) / Boldevitz (2)  / Dumgenevitz (18)  / Garz (10) / Groß Stresow (15)  / Groß Schoritz (14) / Lancken-Granitz (22) /  Lauterbach (13) / Middelhagen (24) / Nadelitz (29) / Neukamp (21)Neu Mukran (8)Pansevitz (17) / Posewald (16) Ralow (3) / Rugard (7) / Ruschvitz (31) / Semper (5) / Silvitz (27) / Spycker (11) / Streu (20)Swantow (1) / Thiessow (25) / Üselitz (19) / Venz (6) / Vilmnitz (28) / Waase (30) / Zirkow (26)

Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach

Lageplan des Burgwalls von 1869