Samstag, 24. Februar 2018

Von Chaos, Clowns und Helden...


Liebe Rüganer,
das Buch "Die Technik des Dramas" des  Schlesiers Gustav Freytag hat es 1863 vermocht, die Dramentheorie des geschlossenen Dramas nach Aristoteles und vor allem nach Friedrich Schiller zu einem sogenannten pyramidalen Aufbau des klassichen Dramas zu entwickeln. Dennoch hätte auch er sich nicht träumen lassen, dass dieses sogar im öffentlichen Raum als "unsichtbares Theater" auf der Insel Rügen zu einer neuen Blüte geführt wird; so jedenfalls sieht es einer meiner Freunde nach dem Besuch der Sassnitzer Stadtvertretersitzung am letzten Dienstag.

Er berichtete mir voller Begeisterung, dass die auch als "verstecktes Theater" bekannte Form, die in kommunistischen Theatergruppen entwickelt wurde, in Sassnitz, nach seiner Meinung, wieder Urstände feierte. Natürlich müsse man diese Meinung nicht teilen.  Warum auch? Schließlich sei das "versteckte Theater" ja gerade eine künstlerische Aktionsform, bei der es darum geht, Theaterstücke nicht auf einer Bühne aufzuführen, sondern (ohne Wissen der Zuschauer und Gäste) an öffentlichen Orten. Und wer weiß schon etwas davon, außer den Akteuren...

Frauen-Protest mit Brigitte Riebe, Christa Steenvoorden und der Landtagsabgeordneten Ann Christin von Allvörden
Mein Freund war jedenfalls von Anbeginn dieses Abends vom Ablauf der Ereignisse gefesselt. Dabei deutete sich der Konflikt der Aktionskunst bereits am Dienstagabend auf der Rathaustreppe von Sassnitz an: Hier waren überwiegend Frauen im Vorfeld der Sitzung  in stillem Protest mit Lichtern und Schildern vor dem Haus spontan zusammengetreten; unter ihnen auch zwei Mütter von Kindern, die gestorben sein sollen und heute Gewissheit zu deren Schicksaal einfordern, sowie eine Landtagsabgeordnete! Der Grund soll in der Tagesordnung abzulesen gewesen sein, denn: Eine Fraktion hatte wohl beantragt, dass sich der Bürgermeister in der Streitsache mit einer der beiden Mütter (es ging um die Exhumierung des Grabes ihrer Tochter auf dem städtischen Friedhof) zu seinem Handeln und den damit verbundenen Kosten für die Bürger der Stadt Sassnitz äußern solle.

Und so berichtete er mir, dass zusätzliche Spannung und eine hohe Erwartungshaltung durch die Anwesenheit von Presse und Fernsehen erzeugt worden wäre. Und auch die Stadtvertreter hätten sich nicht lumpen lassen! Um ihren Beitrag zur Spannnungssteigerung zu leisten, liessen sie den gerade erst mit Bürgern gefüllten Sitzungssaal räumen. Ziel sei es gewesen, so mein Freund, nun in geheimer Abstimmung zu beschließen, dass weder Bild- noch Filmaufnahmen zulässig wären. Ein Hoch auf die Pressefreiheit! Denn die Einschränkung dieser traf ausgerechnet ein Team des NDR-Fernsehens. Das entbehrte nicht einer gewissen Komik; gaben doch die gleichen Stadtvertreter in der nun folgenden Sizung bekannt, zukünftig bei  verschiedenen Veranstaltungen mit dem Sender kooperieren zu wollen. 
Willkommen in Sassnitz! - Hier wurde zum wiederholten Male die Berichterstattung eingeschränkt.
Da auch die Bürgerfragestunde sich im Wesentlichen um die Exhumierung zu drehen begann, wurden bereits geschickt weitere Handlungsebenen des Dramas verknüpft und die Entwicklung des Geschehens in eine Richtung gelenkt. Zu einem kleinen Kunstgriff liess sich dabei wohl auch der Sassnitzer Bürgermeister hinreissen. Wie mir berichtet wurde, erwähnte er die Streitsache in seinem Bericht zu den Themen der letzten Wochen und Monate mit keinem Wort; dafür jedoch, dass er den Stadtschlüssel von den Sassnitzer Jäcken zurück erhalten hätte. Während der Bürgermeister sich dabei den Stadtvertretern zugewandt haben soll, hätte er die beiden Mütter mit ihren Schildern und die anwesenden Bürger kaum eines Blickes gewürdigt. 

Da jedoch die Sitzung sich begann, wie ein Kaugummi zu ziehen, bedurfte es weiterer Anstrengungen des Regisseurs, in diesem Falle wahrscheinlich des Stadtpräsidenten, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. So entschied man sich u.a. gegen die Vorziehung des SPD-Antrages auf der Tagesordnung und startete stattdessen einen Abstimmungsmarathon, um sich mit stetig steigernder Geschwindigkeit auf den bereits erwähnten Antrag der SPD zuzubewegen. Auf dem Höhepunkt des Dramas kam es dann zum Vortrag des Antrags durch ein Fraktionsmitglied der Partei. Die sich nun anschliessende Debatte drehte sich allerdings vom Vorschlag einer  nichtöffentlichen schriftlichen Stellungnahme bis hin zu dem Vorschlag den Antrag doch einfach wieder durch die SPD zurück ziehen zu lassen. Nach dem dies jedoch nicht erfolgte, sondern auf eine öffentliche Stellungnahme bestanden wurde, kam es zum Finale: Die SPD stimmte mit ihrer Fraktion für den Antrag. Ihr schloß sich die FDP-Fraktion und eine CDU-Abgeordnete an. Während sich zwei weitere Abgeordnete der CDU enthalten hatten, stimmten die restlichen 13 Stadtvertreter, die sich aus den Reihen der Linken gemeinsam mit dem Stadtpräsidenten, der AFW und "Fraktionslosen" speisten, gegen den Antrag. 

Dies war verwunderlich, da die Sassnitzer Stadtvertreter einerseits, wie im Vorfeld bekannt wurde, selbst keine Kenntnis zum Handeln des Bürgermeisters und zu den damit verbundenen Kosten hatten, andererseits aber in ihrer Funktion der Dienstvorgesetzte des Bürgermeisters sind und als gewählte Bürgervertreter die Aufgabe haben, die Arbeit der Verwaltung zu kontrollieren und ggf. auch das Heft des Handelns an sich zu ziehen. 

Die Empörung des Publikums über diese Art und Weise ihrer Interessenvertretung liess nicht lange auf sich warten und entlud sich u.a. in "Pfui!"-Rufen und Rücktrittsaufforderungen, die sich sowohl gegen den Bürgermeister als auch gegen den Stadtpräsidenten richteten. 

Die eigentliche Debatte fand zum wiederholten Male vor den Türen des Rathauses von Sassnitz statt.
Um der dadurch entstanden Missachtung der Bürgerinteressen Ausdruck zu verleihen, verliessen diese unter lautstarkem Protest den Saal und erklärten dabei u.a., dass dies "kein Haus der Demokratie sei", während die Mutter, welche eine Exhumierung von der Stadt wünschte, eine Petition mit 991 Unterschriften von Bürgern übergab, die ihr Ansinnen Gewissheit zu erlangen, unterstützten. Dabei krachte, so die Aussagen verschiedener Anwesender, ein Schild auf den Platz des Stadtpräsidenten, der sogar einen Satz nach hinten gemacht haben soll. Es war wohl der stärkste Ausdruck des Unmuts an diesem Tage gewesen und damit der Höhepunkt der Tumulte im Sassnitzer Rathaus. Der "Untergang des Helden", der einem Drama eigen ist, wurde dabei wahrscheinlich mit dem Untergang der Mitbestimmung gleichgesetzt.

Das Fazit meines Freundes war: Wenn dies eine gewollte Inszenierung eines "versteckten Theaters" war, dann sei sie mehr als gelungen gewesen! Dafür Eintritt zu nehmen, sei gerechtfertigt, denn selten habe er so ein spannungsgeladenes Spektakel im öffentlichen Raum erlebt; zumal die Stadt damit schon bald ausreichend Geld einspielen könne, um ihre finanziellen Sorgen zu lösen. Er fand sogar einen, für seine Begriffe passenden Titel: "Chaos, Clowns und Helden..." Wobei er zu den Helden die Frauen und die Abgeordneten zählte, die sich für die Vertretung der Bürger und ihrer Interessen aussprachen.

Irgendwie bedaure ich nun, nicht bei dieser Aktionskunst anwesend gewesen zu sein. Was jedoch, wenn es sich dabei um kein "verstecktes Theater" gehandelt hätte? 

Dann wäre die Prüfung der Ereignisse durch die untere Rechtsaufsichtsbehörde nicht überflüssig. Denn strittig könnte sein, ob der Bürgermeister den Wunsch einer Fraktion (unabhängig vom Abstimmungsergebnis) zu einer Erklärung seines Handelns und den damit verbundenen Folgen überhaupt versagen durfte. 

Man darf also gespannt bleiben, wie es in Sassnitz weiter geht. Werden noch weitere Dramen in den öffentlichen Raum getragen?  Mein Freund meinte, dass man sich nach seiner Ansicht auf die "Technik des Dramas" und den Aufbau der Handlung in Sassnitz zu verstehen scheint. 

Bravo! - Das jedenfalls klingt nach weiteren Schlagzeilen...

Hans Hegel

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