Mittwoch, 21. Februar 2018

Was eine Mutter denkt...



Erwartung

Eine Mutter denkt:
Kind in meinem Schoss!
Wie mein Blut dich tränkt,
So wächst dir ein Los.

Eine Mutter denkt:
Kind aus meinem Schoss!
Nun du mir geschenkt,
Wächst in dir mein Los.

Eine Mutter denkt:
Kind in meinem Schoss ...

Hedwig Lachmann (29.08.1865-21.02.1918)

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Stolp (SAS). Heute, am 21. Februar 1918, starb die pommersche Dichterin, Übersetzerin und Friedensaktivistin Hedwig Lachmann. Das sie heute nur noch wenigen bekannt ist, zeugt auch davon, dass wir sehr wenig über unser Land, unsere Menschen und unsere Geschichte wissen. Grund genug, den Versuch einer Annäherung zu wagen...
Wer kennt sie nicht? Die Filme "Wer hat Angst vor Virginia Wolf?" mit Elisabeth Taylor und Richard Burton. Oder: "Die Reifeprüfung" mit Dustin Hoffmann. In beiden dieser Filmklassiker führte Mike Nichols Regie und er erhielt für den zweitgenannten Film sogar den Oscar für die beste Regie. Seine Großmutter war Hedwig Lachmann.

Sie wurde am 29. August 1865 im pommerschen Stolp als ältestes Kind von sechs Geschwistern einer jüdischen Gelehrtenfamilie geboren. Hier, am "Land am Meer", verbrachte sie auch die ersten Jahre ihrer Kindheit. Dann folgte der Umzug nach Schwaben. Und obgleich ein weiterführender Bildungsweg, Abitur oder Studium nicht vorgesehen waren, konnte sie - bedingt durch das Beherrschen verschiedener Fremdsprachen - bereits mit 15 Jahren das Examen als Sprachlehrerin ablegen.

Die sich nun anschließende Tätigkeit als Erzieherin führte sie u.a. nach England und Ungarn. Als sie sich dann 1889 nach Berlin aufmachte, hatte sie bereits erste eigene Schreibversuche und Übersetzungen in ihrem Gepäck. Letztere - "Ungarische Gedichte" und "Ausgewählte Gedichte von Edgar Alan Poe" - kamen sogar zur Veröffentlichung. Außerdem fand sie Anschluß im Friedrichshagener und Pakower Dichterkreis.

Viele Bekanntschaften ergaben sich in der Folge. Wobei hier Richard Dehmel und dessen Frau Paula sowie Gustav Landauer einer besonderen Erwähnung bedürfen, weil sie auch in eine engere Beziehung mündeten. Dehmel förderte die Begabung Hedwig Lachmanns. Als er jedoch den Wunsch nach einer "Ehe zu dritt" hatte, lehnte sie ab und wandte sich stattdessen Landauer zu. Doch auch dies war nicht unproblematisch: Landauer war verheiratet und seine Frau dachte nicht daran, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. (Seine Scheidung und ihre Ehe mit Hedwig Lachmann erfolgte dann erst im Jahre 1903)

So gingen Hedwig Lachmann und Richard Dehmel im September 1901 nach England, um hier gemeinsam als Übersetzer zu arbeiten. In diesem Jahr folgte ebenfalls die Herausgabe von Oscar Wildes Schauspiel "Salome". Diese Übersetzung Lachmanns sollte wiederum Richard Strauss für seine gleichnamige Oper Salome Opus. 54 dienen. 1905 folgte dann die Herausgabe einer Oscar-Wilde-Monographie.

1914: Der erste Weltkrieg wurde für das Ehepaar zu einem einschneidenden Ereignis. Öffentlich bekannten sich beide zum Frieden und brachen deshalb auch mit engsten Freunden wie Richard Dehmel, der - wie viele andere - von einer Kriegsbegeisterung erfasst war. Aber welche Mutter (Hedwig Dehmel hatte zwie Töchter) möchte schon ihre Kinder verlieren und welche Frau ihren Mann...

Am 21. Februar 1918 starb die pommersche Dichterin und Friedensaktivistin an den Folgen einer Erkrankung durch die spanischen Grippe. Grund genug sich auch im "Land am Meer", wo sie geboren wurde, wieder ihrer zu erinnern. Ihre gesammelten Gedichte - wie "Erwartung" zu den Gedanken einer Mutter (siehe oben) - erschienen ein Jahr nach ihrem Tod im Verlag Gustav Kiepenheuer.