Samstag, 10. März 2018

Ausstellung über pommersche Tattoo-Legende

Herbert Hoffmann, Matrosen vom kanadischen Flugzeugträger ”BUENA VENTURA” (Flottenbesuch in Hamburg), 1965 Courtesy: Galerie Gebr. Lehmann, Dresden
St. Gallen (SAS). Die Kunsthalle St. Gallen zeigt noch bis zum Sonntag, den 25. März 2018, eine monographische Fotoschau über die Arbeiten der pommerschen Tattoo-Legende Herbert Hoffmann (1919-2010). Das darüber in unserer regionalen Presse kaum oder gar nicht zu lesen ist, während man überregional und international die Leistungen pommerscher Persönlichkeiten durchaus zu würdigen versteht, ist nicht ungewöhnlich. Bestes Beispiel war kürzlich der Todestag der Friedensaktivistin Hedwig Lachmann (wir berichteten). Und so wird es wohl weiterhin heißen: "Der Prophet gilt nichts im eigenen Land..." Doch zurück zu Herbert Hoffmann...

Herbert Hoffmann, Ausstellungsansicht «Es juckt schon wieder unter dem Fell», 2018  
    Courtesy: Galerie Gebr. Lehmann, Dresden
    Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Gunnar Meier
Der legendäre Tätowierer Herbert Hoffmann hinterließ weltweit Spuren und galt schon zu Lebzeiten als wahre Kultfigur in der Tattoo-Szene. Das er auch als Fotokünstler aktiv war, ist dagegen nur wenigen bekannt. Heute ermöglichen die zahlreichen Portraits von Menschen, die er kennengelernt und tätowiert hat eine einmalige und die bisher wohl umfassenste museale Ausstellung zum Werk von Herbert Hoffmann. Dabei werden auch Kenner seiner Bücher "Motivtafeln - Hamburger Tätowierungen von 1950 bis 1965" oder "Bilderbuchmenschen. Tätowierte Passionen 1878-1952" überrascht sein, denn: Hier werden auch noch nie gezeigte Dokumente und Arbeiten ausgestellt. 

Herbert Hoffmann, Franz Kockartz, 1957; Dr. med. H.-Joachim Ludwig, 1965
    Courtesy: Galerie Gebr. Lehmann, Dresden
    Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Gunnar Meier
Das dürfte bei vielen Rüganern oder Bewohnern des pommerschen Festlandes die Frage aufwerfen, wer eigentlich Herbert Hoffmann war? Und: Warum er überhaupt nicht unserem Blickfeld war? Geboren wurde er etwa 60 Kilometer östlich von Stettin, in Freienwalde. Hier führte sein Vater eine Fleischerei und Wurstfabrik. Da jedoch die Mutter nach seiner Geburt verstarb, wuchs Herbert Hoffmann bei Onkel und Tante in Berlin auf, wo er auch die Schule besuchte. Seine Lehre zum Einzelhandelskaufmann forderte nicht nur seine Geschäftstüchtigkeit heraus, sondern brachte ihn auch in die vorpommersche Hafenstadt Stettin zurück, für die er schon lange Zeit schwärmte. Denn hier kam er in den Kontakt mit Seeleuten und Hafenarbeitern, für deren Tätowierungen er sich bereits früh zu interessieren begann. Nach dem sich anschließenden Arbeitsdienst in Pölitz (nördlich von Stettin) sollte er eigentlich nach Stargard zur Infanterie eingezogen werden, doch dann "landete" er erst einmal bei einer Nachrichteneinheit in Stettin. Von hier ging es kriegsbedingt nach Opotschka (Опочка) und dann nach Pleskau (Псков) in Livland. Mit dem Kriegsende kam er am 8. Mai 1945 in Kriegsgefangenschaft, zunächst in ein Lazarett und anschließend in ein Lager. Nun kam es erneut zu einer Berührung mit seiner späteren Leidenschaft, als Herbert Hoffmann in Riga einen Deutschbalten durch Zufall kennen lernte, der ihm nicht nur aus seinem Leben sondern auch vom Tätowieren berichtete. Die Tätowierung dieses Freundes merkte er sich gut...

Herbert Hoffmann, Dr. Umhauer (Dold), ca. 1968   
Courtesy: Galerie Gebr. Lehmann, Dresden
Sie sollte nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft die erste Tätowierung auf seinem Körper (auf seinem linken Arm) werden. Doch die eigentliche Umsetzung des lange gehegten Interesses am Tätowieren bekam erst durch den Kontakt zu Heiner Baumgartner weitere Bestärkung. Ab 1951 begann er zunächst kostenlos anderen seine Entwürfe in die Haut zu stechen. Professionell wurde es jedoch erst gute 10 Jahre später, als er nach Hamburg (St. Pauli) ging und hier - unterstützt von Christian Warlich, dem "Urvater der deutschen Tätowierer" - mit seiner Tätigeit begann. Wer sich ein Bild zu den Anfängen von Herbert Hoffmanns Arbeiten machen möchte, dem empfiehlt sich dazu sein Buch "Traditionelle Tattoo-Motive". Sicher hat sich seit dieser Zeit viel verändert. Herbert Hoffmann selbst siedelte 1980 in die Schweiz über, wo er gemeinsam mit seinem Partner Jakob Acker bis zu seinem Tod (2010) lebte.

Vielleicht böte sich eine Ausstellung im Pommerschen Landesmuseum an, zumal Tattoos längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Zu verdanken ist dies sicher auch dem Wirken von Herbert Hoffmann, der sich als pommersche Tattoo-Ikone auf zahlreichen internationalen Conventions für eine breitere Akzeptanz in der Gesellschaft eingesetzt hat - getreu seinem Motto "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Das er dies ernst nahm, davon zeugen heute etwa 3.000 Fotos. Übrigens: Der älteste darauf Abgebildete wurde 1878 geboren. Auch diese Tatsache dürfte die Wahrnehmung von Tätowierern und Tätowierungen weitreichend verändern, auch wenn man die Liebe dazu auf der eigenen Haut nicht teilt.

Weitere Informationen zu Herbert Hoffmann und zur Kunsthalle St. Gallen