Montag, 5. März 2018

Mord und Totschlag auf Rügen

Um 1598 war schon Mord ein Thema in der Kunst - hier der an Holfernes, gemalt von Caravaggio
Gustow (SAS). Mord und Totschlag auf Rügen? Das ist durchaus ein hochbrisantes Thema auf der Insel - und das seit Jahrhunderten! Getreu dem Motto "OMNES INSULARIS MALI" (was so viel bedeutet wie "alle Inselbewohner sind Bösewichte"), machten die Rüganer schon Mitte des 16. Jahrhunderts von sich reden. Der pommersche Chronist Thomas Kanzow aus Stralsund merkte dazu an, dass im ganzen Land nirgendwo so viele erschlagen würden, wie auf dieser Insel. Die Ursache sieht er dabei übrigens in der Unnachgiebigkeit. Dass diese vor allem in Wirtshäusern und Krügen anzutreffen war, mag aus heutiger Sicht beruhigen (werden es doch zunehmend weniger).

Wer sich mit den rauhen Sitten von damals auseinandersetzt, stößt dabei allerdings schon bald auf in Stein gehauene Zeitzeugen. Denn: Mordkreuze oder Mordwangen und Sühnesteine finden sich eben nicht nur auf dem pommerschen Festland, sondern vor allem auf Rügen. Das verwundert nicht, wenn man weiß, dass der Rüganer und Heimatkundler Prof. Dr. Alfred Haas (1860-1950) alleine zwischen 1312 und 1417 - also in etwa hundert Jahren - von 28 urkundlich belegten Morden spricht.

Die Kirche von Gustow
Zu den wohl bekanntesten Mordtaten zählt die von Gustow: Laut dem Bergener Prof. Dr. Haas sollen hier drei angezechte Bauern aus Stralsund .heimgekehrt und miteinander in Streit geraten sein - so stark, dass dieser wohl sogar in Tätlichkeiten mündete. Der Pastor Thomas Nörenberg, der diesen nun zu schlichten versuchte, ist dabei offensichtlich niedergestochen worden. Ob vielleicht auch die Entrichtung von Abgaben eine Rolle spielte, bleibt jedoch bis heute spekulativ.

Haas datiert den Zeitpunkt des Mordes übrigens auf Donnerstag, den 19. September des Jahres 1510. Diesen leitete er von der sogenannten Mordwange ab, die sich noch heute in Gustow vor der Kirche befindet. Er beschreibt im Jahre 1938 die Gustower Kalkstein-Stele so:  „Auf der Vorderseite ist der Gekreuzigte eingemeißelt, dessen Lendentuch von 2 Engeln gehalten wird. Links daneben kniet die Gestalt eines Geistlichen, der die Hände zum Gebet erhoben hat; in seinem Haupt steckt das todbringende Schwert. Zur Rechten ist ein Wappen mit einer Hausmarke und ein Kelch dargestellt..."

Die Gustower Mordwange
Zweifellos lebten die Männer der Kirche zu jener Zeit auf der Insel gefährlich. So wurde der Bergener Priester Laurentius Krintze beispielsweise 1554 in Gingst mit einer Kanne erschlagen. Diese Tat wurde damals dem Adligen Sambur Preetz zugeschrieben. Später wurde ein sogenanntes Mordkreuz aufgestellt, welches allerdings seit langem als verschollen gilt. Derartige Sühnesteine galten früher als üblich und finden in pommerschen Chroniken bereits seit 1290 Erwähnung. Hatte man zunächst auf Inschriften und Symbolik verzichtet, so kam es doch später zu der Anbringung von Wappen oder Hausmarken - abhängig davon, ob der Betroffene von Adel war oder nicht. 

Auch wenn heute unklar ist, wer die Aufstellung dieser Denkmäler veranlasste, so lassen sie doch ein kleines Stückchen Geschichte Teil unseres täglichen Erlebens werden - und sei es auch nur durch eine bisher achtlose Vorbeifahrt mit dem Auto. Vielleicht, vielleicht führt sie bereits das nächste Mal zu einem kleinen Halt in Gustow, um sich die Mordwange genauer anzuschauen.