Samstag, 10. März 2018

Rügen schafft sich ab!


Liebe Rüganer,
der Verlust ist schleichend und für jeden spürbar: Rügen schafft sich ab! Aber warum lassen wir es zu, dass einige Wenige das "über Bord" werfen, ...was unsere Insel ausmacht, ...worauf wir zu Recht stolz sind, ...was uns über Jahrhunderte zu einem Sehnsuchtsziel werden liess? Und wie lange wollen wir eigentlich noch warten, wie weit diese Wenigen ihre Gier und Profilierungssucht noch treibt?

Die Insel hat im Laufe der letzten hundert Jahre viele schwere Wunden erhalten. Zwei sollen an dieser Stelle stellvertretend für den rücksichtslosen Umgang mit ihr genannt werden: Der Bau eines KdF-Seebades "Rügen" in Prora und eines Fährhafens in Mukran. Beide Großvorhaben entspringen einer Zeit, in der es den Rüganern nicht möglich war, darauf einen entscheidenden Einfluß zu nehmen. Sie waren verordnet. Dies ist heute nicht mehr so. Die Möglichkeiten, die sich uns zur Mitbestimmung bieten, gilt es zu nutzen: Sei es bei der Verhinderung von Windgroßanlagen im Westen der Insel oder dem Bauen im Außenbereich. Ermutigend ist dabei, dass, einhergehend mit dem Bedeutungsverlust der Parteien, auf der Insel Bürgerinitiativen in das entstandene Vakuum vorstoßen. Es ist richtig, dass sie dabei wieder die  Interessen der Bürger selbst vertreten. Und dies ist durchaus erfolgreich, wie die Verhinderung eines Hochhausbaus in Prora (die Wenigen nannten es auch "Bücherturm") zeigt.

Wer nun bei der Brücke ins Nichts, die nach dem Willen der Stadt Sassnitz über dem Königsstuhl schweben soll, auf "die Grünen" hofft, der sei gewarnt! Bei dieser neuen "Sau", die vom Sassnitzer Bürgermeister durchs Dorf getrieben wird, müssen die Rüganer schon selbst aktiv werden, damit dieses Wahrzeichen der Insel nicht von einem fragwürdigen "Fallus" bekrönt werden soll. Denn der Naturschutzbund hat, wie mir ein Freund berichtete, erst in dieser Woche(!) von dem Vorhaben gehört. Gleiches soll für Baltic Pipe (!) gelten; jene polnische Erdgastrasse, die vor der Küste Rügens versenkt werden soll. Und das, obgleich man gegen Nordstream 2 (wie der WWF, der gemeinsam mit der Stadt Sassnitz das Nationalparkzentrum betreibt) zu Felde zieht. Das macht schon nachdenklich.

Einst einreihiges Gehwegband duch den Ort, heute doppelreihig "saniert" und planerisch zerschnitten
Doch seien wir ehrlich: Die Abschaffung beginnt ja schon seit Jahren schleichend. Viele Rüganer erkennen ihre Heimat dabei kaum noch wieder. In Putbus (städtebaulicher Sanierungsträger ist die BIG Städtebau, die auch den Brückenneubau am Königstuhl begleiten soll) wurde beispielsweise das historische Grantiplattenband, welches sich einst durch den Ort zog, aufgenommen und in Doppelreihen neu verlegt. Die heutige August-Bebel-Straße ging dadurch bei der Sanierung leer aus und muss nun mit einem Pflaster auskommen, welches dort nie zuvor gelegen hat. Und nicht nur das: Auf der Insel wurden denkmalgeschützte Häuser (wie das "Strandhotel" 1995 in Binz) abgerissen. Andererseits durfte alte Bausubstanz nach deren Sanierung nicht den ursprünglichen Anstrich erhalten (wie beispielsweise ein Haus in der Rosa-Luxemburg-Straße in Sassnitz), weil dem eine Verordnung entgegenstand. Jeder Rüganer kennt seinen eigenen Ort am besten und weiß, wo Besonderes und Unverwechselbares plötzlich verschwand oder wegsaniert wurde. Jedes Mal verschwindet dabei auch ein Teil unserer Identität.


Parallel dazu hat der Baumeinschalg in den letzten Jahren erstaunliche Ausmaße angenommen. Es ist dankenswert, wenn sich einige diesem Thema annehmen und versuchen dazu eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, aber ändern tut das noch nichts. Ob bei Garz, Putbus, Zirkow, Prora oder zwischen Bergen und Samtens... Egal wo man hinfährt, die Bäume wurden schon nieder gestreckt (Wieviel tausend Bäume mögen es wohl gewesen sein?). Die Stubnitz dürfte dabei wohl zu den größten Sorgenkindern der Insel zählen. Denn um das Waldgebiet, dessen sensibelste Teile als UNESCO-Weltkulturerbe (mit dessen Titel auch gerne Briefbögen geschmückt werden) gilt, scheint es mehr als schlecht bestellt zu sein. Einige Fragen, die sich in den letzten Wochen dazu bei den Rüganern stellten, möchte ich hier auch öffentlich wiedergeben, da sie einen Anspruch auf Beantwortung haben: In welchem Zustand befindet sich der Buchenwald der Stubnitz wirklich? Müssen weitere fußballfeldgroße Abholzungsgebiete ausgewiesen werden? Was ist die Ursache für die massive Schädigung umfangreicher Baumbestände? In welchem Zusammenhang stehen sie mit der Arbeit der Nationalparkverwaltung? Was  hat die Nationalparkverwaltung gegen die weitere Schädigung unternommen? Und: Welche Konsequenzen müssen daraus gezogen werden?

"Urlaub ist unsere Natur" - dieses Foto sollte man den Gästen auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) zeigen
Übrigens: Es ist für viele Rüganer bei alledem erstaunlich, wie sprachlos ausgerechnet jene sind, die sich finanziell aus den Umlagen im Tourismus speisen. Mit dem Slogan "Urlaub ist unsere Natur" wirbt man dieser Tage gerne auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin und freut sich über Preise und Aufmerksamkeiten. Nur der Preis, den wir im Tourismus dafür bisher auf Rügen zahlen mussten, scheint noch niemand berechnet zu haben. Immer noch gilt die Aufmerksamkeit den Übernachtungszahlen; zweifellos ein Fall für die Pathologie.

Es gibt keinen Grund zur Klage, sondern nur einen Grund endlich selbst das Heft des Handelns zu übernehmen. Oder seid Ihr nicht mündig? Wer seine Schicksal in fremde Hände legt, hat nur Angst vor der Übernahme von Verantwortung. Diese Angst sollten Rüganer nicht haben. Vielleicht gäbe es sogar Schlüsselerlebnisse in Bezug auf einige Politiker, die an "Des Kaisers neue Kleider" erinnern. Am Ende trug er bekanntlich gar keine Kleider, sondern war nackt...

Hans Hegel

AlleFotos wurden heute gemacht...

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