Freitag, 6. April 2018

Was ich heute Till Backhaus schrieb...

Dr. rer. agr. Till Backhaus
Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern
19048 Schwerin
poststelle@lm.mv-regierung.de


Lieber Herr Backhaus!
Am letzten Wochenende war ich einer von hundert Demonstranten, die auf dem Königsstuhl sich für den Erhalt des Abstiegs einsetzten. Heute nun, greife ich (dem Rat des ehemaligen Umweltministers und Bürgerbeauftragten Frieder Jelen folgend) zur "Feder", um Ihnen (wie hoffentlich viele weitere Rüganer) einen Brief zu schreiben.

Ich tue mich allerdings etwas schwer mit diesem Schreiben, denn als ich das letzte Mal einen Brief an einen Minister persönlich richtete, handelte es sich um Ihre Parteikollegin Regine Hildebrandt. Damals (und das erklärt vielleicht einiges) kam der Brief nach dem 3. Oktober 1990 zurück mit dem Vermerk, dass er nicht mehr bearbeitet werden konnte, das Ministerium aufgelöst sei und die DDR untergegangen. Soweit zu meiner Sorge vor einem Déjà-Vu.

Nun aber zu meinem Anliegen:
Ich möchte Sie bitten, den Abstieg am Königsstuhl in Ordnung zu bringen und von einer "Schwebebrücke" am Königstuhl Abstand zu nehmen. Sicher bin ich nicht der einzige Rüganer, der Sie in diesen Tagen darum bittet und Sie sollten uns unsere Liebe zur Insel auch nicht übel nehmen, da sie uns dazu verleitet. Schließlich meinte schon unser ehemaliger Bundespräsident Richard v. Weizäcker, dass Rügen von so einer Pracht sei, dass sich in Deutschland nicht ihresgleichen finden würde. Und wenn ich ein Gleichnis bemühen müsste, so würde ich die Rüganer als BH ansehen, der die natürliche Schönheit der Insel, gleich der einer Frau, in seiner Form und vor den Fehlschüssen eines Jägers bewahren kann. Ein solcher wollte beispielsweise im letzten Jahr eine Sau erlegen, traf aber unglücklicherweise eine Frau! Der glückliche Umstand des Tragens eines BHs bewahrte die Frau damals vor Schlimmerem und Sie forderten (sicher erinnern Sie sich?) den Jäger auf, die Jagdregeln mehr zu achten. - Recht hatten Sie.

Im Falle des Königstuhls denken viele Rüganer: Sollten wir nicht dem Königsstuhl als einzigartiges Naturdenkmal und Wahrzeichen der Insel mehr Respekt entgegenbringen? Er bedarf keines 7 Millionen teueren Bauwerks aus Stahl und Beton!

Natürlich habe ich auch schon davon gehört, dass die Landesregierung in Schwerin so gut wirtschaftet, dass sie jedes Jahr Überschüsse in ihrem Haushalt erzielt, aber: Wenn die Landesregierung zuviel Geld hat, dann könnte sie es doch einfach den Städten und Gemeinden unseres Landes schenken. Dort gibt es noch keine goldenen Wasserhähne in den Schultoiletten, in den Turnhallen regnet es bisweilen durch und so würden wir Rüganer diesen Geldsegen schon als Akt der Gnade betrachten. Gerne würde wir Sie ja mal auf unsere Insel einladen. In der Stadt Sassnitz, die als Bauherrn für die Brücke am Königsstuhl auftreten möchte, liegt nun wirklich einiges im Argen. Es fehlt nicht nur zuweilen an Kindergarten- oder Hortplätzen, sondern auch unsere Gehwege eigenen sich eher zum Hindernisparcour für einen "Hacken-Porsche" (so nennen wir unsere Rollatoren). Zugegeben: Als Außenstelle Hollywoods könnten wir uns vielleicht noch einen Namen machen, wenn Spielberg in unseren Ruinen den zweiten Weltkrieg noch einmal gewinnen möchte...

Also: Wir könnten hier vieles gebrauchen, außer eine Brücke für 7 Millionen!

Am Ende meiner Zeilen überfällt mich nun jedoch ein schlechtes Gewissen: Wenn nun viele weitere Rüganer ihnen unsere Bitte vortragen, die Postzusteller einen Stau in Schwerin erzeugen und die Regierungsarbeit in unserer Landeshauptstadt ins Stocken kommt. Also schicke ich meine Zeilen lieber umweltfreundlich per e-Mail. Doch was machen Sie mit der ganzen Post?

Dann allerdings denke ich mir wieder: Vielleicht liest Papa ja seinem Sohn Richard diese Zeilen abends einmal vor? (Er muss ja nun auch schon bald ein ABC-Schütze sein und ist sicher voller Entdeckerdrang, oder?). Vielleicht fahren Vater und Sohn ja auch mal auf die Insel Rügen und wandern gemeinsam den beliebtesten deutschen Wanderweg an der Steilküste entlang. Vielleicht blicken sie dann beide (an dem steinigen Ufer des Königsstuhls) ehrfürchtig hinauf, vergleichen diesen schönen Kreidefels mit der Skizze Caspar David Friedrichs und freuen sich, dass sie einen ungetrübten Blick auf das Wahrzeichen der Insel haben. Vielleicht ist dann auch der Vater froh, dass er für seine Kinder und Kindeskinder diesen einmaligen Blick vom Strand oder von der Victoriasicht in seiner ursprünglichen Natürlichkeit bewahrt hat. Und das zum Nulltarif mit nur einer Anordnung:

"Alles bleibt so wie es ist!"

Übrigens: Mich machen die Sonnenaufgänge am Königsstuhl immer wieder demütig. Zweifellos, hier kann "man gut Kraft schöpfen, Abstand gewinnen, die Perspektive wechseln".  Unser Land wirbt sogar mit diesen Worten und einem Foto der Kreidküste um Wandertouristen - gefördert vom Europäischen Fond für Regionale Entwicklung (EFRE). Es wird gefragt: "Neugierig geworden?"

Ja, aber nicht auf Stahl und Beton in dieser faszinierenden Landschaft!

Viele liebe Grüße von der Insel Rügen
Hans Hegel

(diese e-Mail erreichte Landesminister Dr. rer. agr. Till Backhaus heute gegen Mittag)

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