Samstag, 21. April 2018

Zwischen Sund und Kap Arkona (22)


Ein Beitrag von Torsten Seegert

Wer sich heute auf seinen Streifzügen über die Insel in Richtung Mönchgut begibt, streift auf seinem Weg über die alte Landstraße auch den Ort Lancken-Granitz. Diese Straße verband schon zur Zeit der französischen Fremdherrschaft unter Napoleon Mönchgut mit der Festung Stralsund. Und dies war wohl auch der Grund, weshalb Lord William Cathcart (1755-1843) - der 1. Earl Cathcart - hier mit einer britischen Legion 1807 sein Lager aufschlug. 
William Schaw Cathcart (1755-1843)
An den alten "Haudegen", der 1812 sogar zum General ernannt wurde, an der Seite des russischen Zaren an den Befreiungskriegen teilnahm und als Diplomat sowohl auf dem Kongress von Châtillon als auch auf dem Wiener Kongress weilte, erinnert sogar noch heute eine Tafel im Ort. Überhaupt: Lancken-Granitz ist immer einen Abstecher wert. Natürlich hat dieser kleine Ort, der in den letzten Jahren seinen Charakter durch zusätzliche Bebauung maßgeblich verändert hat, vor seiner "Haustür" die fünf neusteinzeitlichen Großdolmen zu bieten. Im Ort aber lädt auch die alte Kirche zu einem Besuch ein.

Blick zum Chor mit dem Altar
Wir erinnern uns: Auf Rügen ist die Christianisierung eng mit dem Fall von Arkona und der anschließenden Eroberung durch die Dänen im Jahre 1168 verbunden. In deren Folge wurde eine Vielzahl von Gotteshäusern errichtet. So war es auch in Lancken-Granitz, wo die Kirchengründung noch in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts fiel. Die erste urkundliche Erwähnung ist dabei auf das Jahr 1249 datiert. Allerdings ist der heute noch erhaltene Bau wahrscheinlich erst zum Anfang des 15. Jahrhunderts errichtet worden. Aus dieser Zeit sollen auch der Chor und das später angefügte Schiff stammen. Während der Turm wohl erst seit 1500 die Kirche ergänzt.

Wer das Gotteshaus betritt, erkennt schon im Schiff deutlich die drei Gewölbejoche. Der Chor ist dagegen zweijochig ausgeführt. Das weitgespannte Kreuzgewölbe prägt auch durch den farblichen Absatz der Rippen den schlicht gehaltenen Raum nachhaltig und betont dessen Spannweite.. 

Der Taufengel am Deckengewölbe
Sicher ist der Taufengel bei der Betrachtung des Besuchers eine besondere Erwähnung wert. Er wurde aus Lindenholz gefertigt In einem "flatternden" Gewand hält er die ausgestreckten Hände zur Aufnahme der Taufschale. Heute geht man davon aus, dass er aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts stammt. Soweit bekannt, erhielt er 1902 einen Ölfarbenanstrich und wurde 2001 bis 2002 restauriert. 

Bedingt durch die schlichte Ausstattung kommen weitere Details, wie die Kanzel, die Patronatsloge oder das Chorgestühl sowie die Orgel eine stärkere Wirkung. Die Kanzel trägt dabei u.a. Namensinitialien und entsprechende Hausmarken, Wappen und und dazugehörige Monogramme von Mitgliedern der Familie zu Putbus. Sie geben bereits Hinweise auf das Patronat, dass durch die Familie zu Putbus ausgeübt wurde (das Familienwappen der Patronatsloge befindet sich gegenwärtig als Leihgabe zur Ausstellung im benachbarten Jagdschloß Granitz). Sie übernahm u.a. die Kosten für die Neuanfertigung des Kircheninventars - so beispielsweise Gestühl und Altar - nachdem das Haus unter schwedischer Besatzung sogar als Heerlager und Magazin genutzt wurde.

Blick auf die Orgel aus der bekannten Stettiner Orgelbauwerkstatt Barnim Grünberg
Nicht unerwähnt sollte auch die Gewölbermalerei bleiben: Sie wurde 1973 entdeckt und geht wohl in ihrer Entstehung auf den Anfang des 15. Jahrhunderts zurück. Nach der Freilegung offenbarte sich so in der östlichsten Gewölbekappe eine Szene, die in einer örtlich erhältlichen Broschüre so beschrieben wird:

"Flankiert von zwei schwebenden Engeln präsentiert Veronika das Schweißtuch, in dem sich, der Legende nach, ein Abdruck des Anlitzes Christi erhalten hat..."

Abschließend sei bei der Ausstattung auch die Orgel noch erwähnt. Sie wurde von dem bekannten Stettiner Orgelbaubetrieb Barnim Grünberg gefertigt. Unter Verwendung von Teilen ihres Vorgängers entstand das Musikinstrument und konnte 2001 sogar grundlegend saniert werden.

Beim Gang ins Freie schauen wir uns noch einmal um. Die Spitze des Turms ziert dabei - wie auch in Binz oder Zirkow - ein vergoldeter Turmhahn. Sicher lohnt es sich nun noch einen Augenblick zu verweilen. Vor genau 850 Jahren begann also auf der Insel Rügen die Christianisierung und dies ist einer der vielen alten Backsteinkirchen und ganz besonderen Zeitzeugen.

Letzter Blick auf die Kirche in Lancken-Granitz
Wer nun die kleine Treppe hinabsteigt, stößt unweigerlich auf weitere Inselgeschichte(n). Denn mindestens genauso lange wie die Kirche hatte auch die Gastwirtschaft an dieser Stelle von Lancken-Granitz Tradition. Der Dorfkrug, so verrät es ein weiterer Hinweis, fand am 27. Januar 1366 erstmals Erwähnung. Und hier, wo einst der Dorfkrug zu Füßen der Kirche war, wurde auch im Oktober des Jahres 1743 Friederike Wilhelmine Schumacher (1747–1804) geboren. Sie heiratete 1769 Ludwig Arndt. Und ihr Sohn, Ernst Moritz Arndt, bestimmt als wohl bekanntester Rüganer bis heute die Schlagzeilen...

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