Donnerstag, 24. Mai 2018

Bürgerforum Königsstuhl: Mehr Fragen als Antworten

Bisweilen stumm und ratlos: Prof. Dr. H. D. Knapp, Knut Schäfer und Olaf Dieckmann
Sassnitz (SAS). Am Mittwoch, den 23. Mai 2018, luden der Verein Insula Rugia e.V., der Tourismusverein Rügen, das Nationalparkzentrum Königsstuhl Sassnitz gGmbH und der Verein der Freunde und Förder des Nationalparks Jasmund e.V. zu einem Bürgerforum in das Sassnitzer E-Werk ein.

Dieses war von den Veranstaltern unter den Titel "Erlebbarkeit der Kreideküste und Küstenerosion - ein Widerspruch?" gestellt worden und wurde von Prof. Dr. Hans Dieter Knapp (Insula Rugia) eröffnet. Nachdem das Wort an Dieter Holtz, den Sassnitzer Bürgermeister a. D. und Moderator des "informellen Treffens", welches nach Wunsch Knapps Raum zur Diskussion geben sollte, übergeben wurde, bat dieser die drei eingeladenen Redner - Olaf Dieckmann (Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt), Knut Schäfer (Tourismusverein Rügen) und Carsten Schwarzloe (BIG Städtebau) um kurze und auf zehn Minuten begrenzte Beiträge als Einstieg.

Dieckmann begann darauf mit seinen Ausführungen (18.11 Uhr) indem er über seine Zuständigkeit für den Nationalpark Jasmund sprach und anschließend über die Motivation und die Investition des Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt in selbigen ausführte. Die bis dahin flüssigen Aussagen gerieten erst beim Thema Abstieg am Königsstuhl ins Stocken, wobei sein bisweilen fragender Blick immer wieder zu Dr. Ingolf Stodian (Leiter des Dezernates 4 Gebietsbetreuung Nationalpark Jasmund) schweifte. Er machte dabei darauf aufmerksam, dass es an Personal für eine Erneuerung fehle und zudem das Ministerium nicht bereit wäre, die Haftung für den Abstieg zu übernehmen. Zur schwebenden Plattform meinte er, dass die starke Erosion am Zugang zum Königstuhl einer Steuerung der Besucherströme bedürfe. Abschließend wandte er sich an die Befürworter des Abstiegs und Kritiker der Schwebebrücke indem er vor einer "negativen Dikussion" warnte, die ein Bild erzeugen würde, welches so nicht existieren würde. (Sein Beitrag endete um 18.30 Uhr)

Nun ergriff Carsten Schwarzloe (BIG Städtebau) das Wort (18.31 Uhr) und ging auf das Bebauungsverbot in diesem sesnsiblen Landschaftsbereich ein. Zudem betonte er, dass sich das Nationalparkzentrum rechnen müsse. Auch kam er auf das Königsgrab zu sprechen, welches derzeit beim Zugang überwunden werden müsse. Dieses sah er als Schwachstelle an. Und: Auch er stellte beim Königsstuhl - wie beim gesperrten Abstieg am Königsstuhl - auf die Haftungsfrage ab, da es sich dabei um einen öffentlichen Weg und ein Bauwerk handelte. In der schwebenden Plattform sehe er dagegen einen "zurückhaltenden Eingriff" in die Natur. Die tragfähige Konstruktion würde ohne Auflager auskommen, wobei die Kräfte letztlich aber über den Pylon mit seinem Fundament und die Widerlager abgeleitet werden müssen. Dies wiederum bedeute, dass 18 Bäume beschnitten bzw. gefällt werden müssten, um für die Baufreiheit zu sorgen. (Als Carsten Schwarzloe endete war es bereits 18.47 Uhr geworden)

Während nun Knut Schäfer (Tourismusverein Rügen) das Wort ergriff, packte Olaf Dieckmann (Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt) seine Sachen und verließ das E-Werk, da er noch den Zug um 19.00 Uhr (gemeint war der  RE 13016 in Richtung Rostock Hbf) schaffen müsse. Schäfer beschrieb derweil den Königsstuhl als Wahrzeichen für Rügen und das Land. Zwar sei der Nationalpark weitläufig, aber: Jeder zweite Rügen-Urlauber komme hier her. Nach den ihm bekannten Umfragen stehe die Erlebbarkeit der Natur nicht im Mittelpunkt. Zur geplanten Schwebebrücke am Königsstuhl betonte er, dass der Tourismus der einzige Wirtschaftsfaktor auf der Insel sei und jede andere Region gerne die 7 Millionen Euro an Förderung nehmen würde. Mit einer Ablehnung der Schwebebrücke würde man ein "negatives Signal" nach außen senden.

Nun kamen auch die Gäste zu Wort, mit denen man bei der Veranstaltung ja in den sachlichen Austausch treten wollte. Dabei wurde deutlich, dass mit den Abläufen und den getroffenen Entscheidungen einige Gäste ein Problem hatten. Auch wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Bildungsauftrag beim Land und nicht beim World Wide Fund For Nature (WWF), einer umstrittenen Schweizer Stiftung, liege. Als die von ihr und der Stadt Sassnitz gebildete GmbH finanzielle Probleme gehabt hätte, wäre der Königsstuhl mit seinen Einnahmen einbezogen worden. Verwunderung und Fragen löste zudem aus, dass ein Abt. Leiter im Schweriner Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt (Herr Hans-Joachim Schreiber) sich im Vorfeld gegen eine Separierung des Königsstuhls und des Nationalparkzentrums, das von der GmbH mit mehrheitlichem Anteil der umstrittenen WWF-Stiftung gehalten würde, aussprach. Hier würde, so der Abt.-Leiter nach Aussagen eines Gastes "alles Spitz auf Knopf stehen". Das brachte den Gast der Veranstaltung jedoch zu der Frage, warum ein Beamter im Interesse der umstrittenen Stiftung sprechen würde.

Die in diesem Zusammenhang aufgeworfenen Fragen fanden jedoch keine Beantwortung, da der Vertreter des Ministeriums zu diesem Zeitpunkt längst wieder auf dem Weg nach Schwerin war. So kam es nur zu wenig Fragen, die auch befriedigend beantwortet werden konnten. Zudem glitt die Diskussion zwischenzeitlich in Zwiegespräche ab, die sich dann nur schwer wieder durch den Moderator zurückführen ließen. Zwischenzeitlich wuchs allerdings die Erkenntnis - bedingt durch die Ausführungen der Podiumsredner - dass man das Problem der Haftungsfrage beim Abstieg am Königsstuhl selbst geschaffen hatte. Der Trampelpfad selbst hätte gar keine Haftungsfragen verursacht, erst das darüber gebaute Bauwerk hat die Frage, wer dafür die Verantwortung zu übernehmen habe, aufgeworfen. 

Keine Seeseitenanimation und angezweifelhafter Realbezug: Der Vorwurf der Manipulation liegt in der Luft
Ferner wurde noch ein anderer Aspekt deutlich: Die BIG Städtebau, die das Bauvorhaben der Schwebebrücke für 7 Millionen Euro begleiten wollte, war auf Nachfrage nicht in der Lage eine einzige Animation zu zeigen, die das Verhältnis des 40 Meter hohen Pylons auf dem etwa 120 Meter hohen Königsstuhl von der Seeseite hätte darstellen können. Stattdessen begnügte man sich mit den allseits bekannten "Vogelperspektiven" die hier zweifellos zu einer optischen Täuschung bei den Höhenverhältnissen des Pylons führen müssen. Schlimmer noch: selbst eine seitliche Darstellung wurde vom Publikum angeweifelt, da der Pylon in diesem Bereich der geplanten Schwebebrücke trotz Baumhöhen zwischen 20 und 30 Metern nicht mit seinen 40 Metern darüber hinausragte. Hier lag dadurch der unausgesprochene Vorwurf der Manipulation in der Luft.

Die Veranstaltung war sicher für alle Seiten - die Befürworter eines Abstiegs und deren Gegner, die Gegner einer Schwebebrücke und deren Befürworter - ein wichtiges Aufeinandertreffen. Das Thema "Königsstuhl" wird dabei der Stadt Sassnitz auch in dieser Woche noch erhalten bleiben:

Viele leere Plätze: Die da waren, haben es erst spät erfahren, dass ein Bürgerforum stattfindet
Am Samstag, den 26. Mai 2018 wird zu einer Kundgebung am Molenfuß im Sassnitzer Hafen aufgerufen. Um 14.00 Uhr werden dort u.a. Lohmer und Sassnitzer Bürger zu Wort kommen. Dabei wird es nicht nur um den Abstieg am Königsstuhl gehen, denn die Sassnitzer streben u.a. ein Bürgerbegehren zum Bürgerentscheid an, das die Entscheidung über eine Schwebebrücke in die Hände und die Verantwortung der Sassnitzer legt. Die Aussichten dafür stehen sehr gut; weit über 700 Unterschriften wurden bereits zusammengetragen.

Rügen-Urlauber dürften sich also schon bald die Augen reiben und die Frage stellen, was denn hier auf der Insel gerade schief läuft? Das wird sich allerdings nicht in drei Sätzen umreissen lassen. Der Unmut ist inselweit spürbar. Er lässt sich auch messen: Nie war die Anzahl gebildeter Bürgerinitiativen so hoch, wie in den letzten Monaten. Einer der Gäste brachte aber auch noch eine andere Sicht auf die Dinge in die Diskussion nach der Veranstaltung ein: Dass nun erst Vereine - wie Insula Rugia oder der Tourismusverein Rügen - reagieren würden, wo die Diskussion längst in den eigenen Reihen angekommen ist, zeigt, daß auch hier Veränderungen Raum greifen. Rügen befindet sich also zweifellos in einer spannenden Zeit, die noch für einige Überraschungen sorgen könnte.