Sonntag, 20. Mai 2018

Offener Brief zum Königsstuhl

Der Königsstuhl - Erbe und Verpflichtung als Naturdenkmal (Foto: Klaus Ender)

Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt
Mecklenburg-Vorpommern
19048 Schwerin

Sehr geehrter Herr H.J. Schreiber!

Ich erhielt dankend Ihren Brief v. 3.5.2018. Leider bedarf er einer umfassenden Antwort, was mir als Parkinson-Patient - und entsprechend fehlender Feinmotorik - sehr schwer fällt. Lassen Sie mich zunächst betreffs meiner Person etwas sagen, damit meine Kritik ernst genommen wird. Ich bin im 8o. Lebensjahr und seit 52 Jahren freiberuflich als Art Photograph tätig. Genau so lange fotografiere ich auch im Nationalpark Jasmund und darf mich wohl als Insider bezeichnen.

Als Buchautor (u.a. mehrerer Rügen-Bücher) ist mir die Materie nicht fremd. Das kann man leider nicht von allen Mitarbeitern Ihres Hauses sagen, so dass es nicht verwundert, dass die Beschreibung des "Königsstuhl-Problems" einseitig und fehlerhaft ist - und trotzdem als Grundlage für einen Gigantismus-Millionenbau dient.

a) Sicherheit
Die Situation der Kreideküste ist kein Neuland! Sie wird seit vielen Jahrzehnten von Geologen und Naturschützern beobachtet - und in unzähligen Berichten, Büchern und Prospekten darüber berichtet. Was sich aber wirklich veränderte, ist die zunehmende Zahl und Stärke der Regenfälle, der Stürme und der Orkane. Hier hätte der Mensch mit einfachsten Erkenntnissen und Mitteln behutsam eingreifen müssen! Statt sinnloser Baumfällung hätte man die Bäume und ihr Umfeld pflegen müssen! Die nun fehlenden Bäume hätten mit ihren Wurzeln Erde festhalten können, - den Grundwasser-Pegel stabiler halten können - und Ausschwemmungen verhindern können. Die zahlreichen  - von Waldarbeitern geschaffenen Rinnsale - hätten frei gehalten werden müssen, um ein kontrolliertes Ablaufen des Oberflächen-Wassers zu gewährleisten. Der Nationalpark Jasmund hat vor allem durch menschliches Fehlverhalten gelitten. Und nun, wo die Schäden nicht mehr in den Griff zu kriegen sind, wird den Touristen - die europaweit als Gäste umworben werden - eine gewisse Mitschuld bescheinigt!
Die Zahl der Besucher, die die Treppe nutzen möchten, ist durch Wege-Schließung und Ablenkung durch das Nationalpark Zentrum eindeutig geschrumpft. Man "leitet" die Besucher dezent an allem - was Natur ist vorbei - und suggeriert der Öffentlichkeit, die Besucher mit Pappmache' und Werbebildern die "Liebe zur Natur" vermittelt zu haben.

b) Die Kosten
Die Summe von 2 Millionen Euro für die Reparatur einer ca. 50 Meter langen Holztreppe anzusetzen, ist absurd. Sie ist für ein paar Tausend Euros und einer Woche Eigenleistung einiger Ranger zu verwirklichen! Hier schießt die MV-Regierung und der verbündete Nationalpark Jasmund mit Mottenkugeln auf einen einen Bock!

c) Fehlende Gewährleistung
Wieso werden nur "Unternehmen" als Partner der Kreideküste in Erwägung gezogen? Die Natur bietet alles kostenlos - warum müssen sich Menschen (Unternehmungen) ständig an ihr bereichern? Jede Paddler-Gemeinschaft, Kleingärtner u.v.a. fassen mit an, wenn ihr Objekt in Gefahr ist, warum ist hier Selbsthilfe nicht machbar? Früher nannte man es Subbotnik, was allen zugute kam.
Die Kreideküste, die mit den 116 Meter-Hügeln die Höhepunkte der Insel sind, werden hundert mal kritischer bewertet, als jeder 2 - oder 3.000er in den Alpen! 
Auf Rügen wollen ein paar Ängste-Schürer die Kreide zu Gold machen, das "natürlich"  ihre Taschen
füllt. Es ist das Einzige, was sie an der Natur interessiert! Und das 7 Millionen-Großmanns-Projekt wird "natürlich" von anderen bezahlt. "Fördergelder" sind ja sowieso das Leichteste, was es zu finden gilt.
Dass es Steuergelder sind, die dem eigenen Land  - und vielen befreundeten Ländern entzogen wird, das übersieht man "natürlich". Und alle Unternehmen, die zur "Rettung" der Kreideküste heran gezogen werden könnten, legen ihrer Bewerbung gleich ein " unparteisches Gutachten" bei. Das ist dann so formuliert, dass dem Touristen die Lust vergeht, den "Angst-Berg Königsstuhl" mit eigenen Füßen per Treppe zu ersteigen.
Die faulen Ausreden, warum eine Treppe zu teuer und nicht machbar ist, werden mit dem Brief - den ich hiermit beantworte - gleich mitgegeben. "Sollen doch die Touristen von der See her auf die Kreide schauen" das ist doch auch recht schön!" Dass das aber (viel) Geld kostet, ein Schiffskarte zu buchen oder vom "SUPER - Pylon" zu schauen, das übersieht man geflissentlich. Eine Familie, die z.B.mit zwei Kindern Urlaub macht, und sich Rügen gerade noch leisten kann, vergisst die Summe so schnell nicht, die sie beim Eintritt bezahlen muss. Wieder ein Beispiel mehr, wie man ein einst kostenloses Naturschauspiel von der Bevölkerung fern halten kann.

Errichtung der Aussichts-PLATTFORM
Der MV-Mitarbeiter, dem ich hier antworte, liefert (zutiefst blauäugig) die Vorteile des Riesen-Pylons auf einer A-4-Seite gleicht mit. Der 40-Meter Pylon ist nahezu unsichtbar, so integriert erscheint er in der Höhe über den Baumkronen. Er "verschwindet" sozusagen, für den, der sich "wohlwollend" die Rosa-Brille der MV-Regierung  aufsetzt...
Hat Herr Schreiber eigentlich mal beigewohnt, wenn 20 riesige Buchen, von denen jede Einzelne 80 Quadratmeter Schatten wirft, von Menschenhand gefällt wird?  Eine Buche, die kostenlos den Sauerstoff für eine vierköpfige Familie liefert, die sehnsuchtsvoll von Feinstaub-geplagten Schwaben empfangen würde - wird hier am Königsstuhl einer "Spass-Industrie" geopfert.
Aber das wäre nur der Anfang, denn 20 Bäume - und mehr - werden hier für den Pylon mit seinem Ausschwenkarm fallen müssen. Das ist eine Katastrophe, die anscheinend keiner der Amtsinhaber ahnt - oder wahrnehmen will. 
Dieser Pylon benötigt ein enormes Fundament, dessen Verankerung ca.4o Meter in die Tiefe gehen. Diese tage-oder wochenlangen Einrammungen werden die poröse Kreide bis ins Innere erschüttern - und neue, gefährliche Risse bilden. Vielleicht gibt es nach Fertigstellung des Gigantismus-Baues den Königsstuhl nicht mehr, weil er dort versinkt, wo er einst geboren wurde.
Das gesamte Projekt ist ein - dem Gigantismus verfallendes Objekt - das stillschweigend "durchgezogen" werden sollte. Ich habe nur wenig Hoffnung, das der Verstand - oder die Vernunft siegen werden, dazu sind die Verflechtungen zwischen Politikern und Konzernen zu massiv. Die Fremdkörper, die in den Behörden und Amtsstuben den Naturschutz verwalten, haben oft jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren - sonst könnte man so nicht mit Bäumen umgehen.
Dieses Monstrum am Königsstuhl als filigran zu bezeichnen ist unerträglich. Seitdem die Motorsägen in allen Wäldern brüllen und seitdem der Wald nur noch "nachwachsender Rohstoff" ist, verroht auch die Gesellschaft. Alle, die nach Spassbädern, Events und Abenteuern schreien, sollten wissen,  dass jeder Mensch auch eine Selbstverantwortung hat - und dass 23 erfolgte Rettungs-Einsätze im Jahr (!) an der Kreideküste ein NICHTS sind, gegen hunderte Beinbrüche in der Woche - allein in den Alpen!
Allein die Zahl 300.000 Besucher mit 23 Einsätzen - zeigt, dass 299.799 Touristen unfallfrei die Treppe am Königsstuhl benutzten. Nach dem Bau der "Schwebe-Terasse" wird die Zahl der leichtfertigen, verunfallten Kletterer wahrscheinlich ansteigen, weil sie den Eintritt nicht bezahlen wollen oder können. 

Klaus Ender

Hintergrund:
Am 4. April 2018 hatte Klaus Ender einen Brief "Naturfrevel auf Rügen" (Neue Königsstuhlplattform auf Rügen und Abstiege) an das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt gesendet. Das Antwortschreiben aus dem Schweriner Ministerium vom 3.05.2018 an Klaus Ender enthielt die Aussage, dass die Sperrung des Abstiegs sowie der Verzicht auf Sanierung bzw. Neubau des Abstiegs alternaivlos sei. Begründet wurde dies durch Herrn Hans-Joachim Schreiber u.a. durch a) Sicherheit, b) die Kosten und c) die fehlende Gewährleistung. Auch die Errichtung einer Aussichtsplattform wurde hier noch einmal thematisiert. 

(Die von den einzelnen Autoren veröffentlichten Texte, Leserbriefe und Beiträge geben nicht die Meinung der Redaktion wieder)