Dienstag, 8. Mai 2018

Sassnitzer Heilkreide (6)

Die Bewerbung als erstes Kreideheilbad der Welt war bereits Programm
Von Kathrin Stein

Viele würden uns beneiden, wenn sie denn über annähernde Bedingungen verfügen würden: Ein natürlicher Rohstoff mit günstiger Heilwirkung, eine direkte Lage am Meer und eine Vorgeschichte als einziges Kreideheilbad der Welt. Dazu ein Exportschlager die Sassnitzer Kreideheil- oder auch Kreideschlammbäder. Ein Schatz den uns die Insel Rügen geschenkt hat. Gute Gründe um an einer Fortsetzung der Erfolgsgeschichte zu arbeiten. 

Die Kreideheilbad-Gesellschaft
Bereits im letzten Teil wurde auf die Rügensche Kreideheilbad G.m.b.H aufmerksam gemacht. Dabei handelte es sich um eine Unternehmung, die am 12. April 1935 gegründet wurde. Sie sollte dem Zweck dienen, die Errichtung und den Betrieb eines Kreideheilbades voranzutreiben. Außerdem war sie auch für den Vertrieb und die Verwertung der Sassnitzer Heilkreide verantwortlich. Das dazu einzuzahlende Stammkapital war vertraglich mit 20.000 RM festgesetzt worden, welches einerseits durch die Gemeinde Sassnitz (mit 11.000 RM) und andererseits durch den Kaufmann Heinrich Stülpnagel aus Berlin-Lichterfelde, Steglitzerstrasse 34 (mit 9.000 RM) eingebracht werden sollte.

Stülpnagel selbst, der vor allem ein Interesse am Vertrieb der Kreide hatte, zahlte daraufhin die ersten 5.000 RM ein, während die Gemeinde Sassnitz dem Unternehmen von Anfang an abwartend gegenüber stand. Da jedoch bereits mit der Gründung der Gesellschaft und deren Betrieb erste Kosten aufliefen, waren die Einlagen bereits nach kurzer Zeit "restlos verwirtschaftet" worden und Stülpnagel trat im Frühjahr 1936 von seinem Posten als Geschäftsführer zurück und als Gesellschafter aus. 
Mitteilung zum Austritt des Gesellschafters Stülpnagel
Da es in der Folge zu einer rechtlichen Auseinandersetzung zwischen Stülpnagel und der Gemeinde Sassnitz kam, sind uns heute Unterlagen erhalten geblieben, die nährere Aufschlüsse zu den Hintergründen geben. Nach den persönlichen Ausführungen Stülpnagels, hat demnach ein Herr Simon (unter Bezugnahme auf seine persönlichen Beziehungen zum Sassnitzer Bürgermeister Malsfey) ein Konkurrenzfabrikat in den Handel gebracht. Allerdings war dies bereits zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses zwischen Stülpnagel und dem Sassnitzer Bürgermeister Malsfey ausgeschlossen worden. Ja, dies war sogar ein massgeblicher Grund für Stülpnagels Investitionen gewesen, da er selbst als Generalvertreter für den Vertrieb der Sassnitzer Heilkreide auftreten wollte. Nun führte er aus, sei das Vertrauen durch die Konkurrenz erschüttert worden, zumal diese auch noch billiger zu liefern verstand als Stülpnagel selbst. Das führte - nach Aussage Stülpnagels - zu einem Umsatzeinbrauch von etwa 50%, so dass ein Ausstieg zwangsläufig war.

Parallel dazu hatte die Gemeinde Sassnitz begonnen, mit einem (für Stülpnagel unberechtigten)  Verfahren wegen Betrugs gegen den Gesellschafter der Rügenschen Kreideheilbad g. G.m.b.H. vorzugehen.

Da in diesem Zusammenhang auch der Amtsvorsteher von Sassnitz Stellung bezog, lohnt es sich seine Sicht auf die Dinge wiederzugeben: Er bestätigte in der Sache die alleinige Generalvertretung und erklärte, dass sich ein Herr Simon um deren Übernahme bemühte. Auch von ihm wird das Verhalten Simons verurteilt. Allerdings wird auch erklärt, dass es keine Möglichkeit gebe, den Vertrieb der Sassnitzer Heilkreide zu unterbinden. 

Die Kurdirektion hatte sich bereits in der Vergangenheit vergeblich bemüht ein Patent, ein Gebrauchsmusterschutz oder Vergleichbares zu erlangen - letztlich ohne Erfolg! Sie, die Kurverwaltung, war aber auch die alleinige Stelle, welche die unstreitbar große Heilwirkung der Kreide bisher nutzbar gemacht hätte. Hierzu waren über Jahre hinweg tiefgründige und kostspielige Untersuchungen unternommen worden. Da die Kreide im Bereich der Rheuma-Behandlung als umwälzend wirken konnte, und diese auch in sozialer Hinsicht (bedingt durch den günstigen Preis und die überall mögliche Anwendung) von Bedeutung wäre, müsse man unlautere Elemente fernhalten. 
Teil der Vereinbarung war u.a. die Übernahme von Kreidedosen, Packungen und Prospekten
Letztlich trennte sich die Gesellschaft von Stülpnagel durch eine Vereinbarung, die am 23. November 1936 zwischen ihm und der Gemeinde Sassnitz geschlossen wurde. Neben der Auflösung des bestehenden Vertrags wurde die Übernahme von Packungen, Dosen und Prospekten für 1.453,65 RM festgelegt. Außerdem wurde u.a. die Übernahme von 5.000 Heilkreidewürfeln zum Lieferpreis von 0,45 RM und bestehende Druckstöcke und Reklameentwürfe vereinbart. Dabei war das Ziel der Gemeinde Sassnitz nun darauf ausgerichtet, die Situation zu heilen und eine Deckung der weiteren - im Zuge des Betriebs der Gesellschaft entstandenen - Verbindlichkeiten (mit der Kreide-Dampf-Schlemmerei Magnus Küster) zu erreichen.
Parallel dazu verstand sich Sassnitz auch in der Außendarstellung als Kreideheilbad
Seither war die Firma übrigens in ihren Aktivitäten zum Stillstand gekommen und "ruhte". Die Gemeinde Sassnitz war zudem nie ihren finanziellen Verpflichtungen aus dem Gesellschaftsvertrag nachgekommen. Um die Rügensche Kreideheilbad G.m.b.H im Bestand zu sichern, wäre zu diesem zeitpunkt eine Einzahlung von 20.000 RM notwendig gewesen, da die Gemeinde zum alleinigen Gesellschafter geworden war und das tatsächliche Vermögen gleich "0" betrug. Auch die Bilanzierung war - in Folge der Untätigkeit - wie die Gewinn- und Verlustrechnung mit "0" angegeben worden. Der Geschäftsführer - der eheamlige Bürgermeister Hans Malsfey von Sassnitz war zwischenzeitlich zum Stadtkommissar von Zakopane berufen worden - und der Apotheker Johannes Hohorst, der nach der Abberufung von Stülpnagel ab dem 7. Februar 1937 zum neuen Geschäftsführer bestellt worden war, hatten nur noch die Abwicklung der Gesellschaft angestrebt, da sich die Rahmenbedingungen in der Kriegszeit vollständig gewandelt hatten.  Rügensche Kreideheilbad G.m.b.H  wurde schließlich gemäß Paragraph 2 des Gesetzes über die Auflösung und Löschung von Gesellschaften und Genossenschaften (vom 9. Okt. 1934 / RGBl. I. S. 914) am 4. September 1941 gelöscht. 

Für diesen Teil unterstützte mich Torsten Seegert bei der Recherche im Stadtarchiv Sassnitz. Bei ihm und dem Stadtarchiv Sassnitz - das auch die Unterlagen zur Einsicht und Abbildung bereitstellte - möchte ich mich dafür bedanken, dass nun die Reihe chronologisch fortgeführt werden kann.

(Fortsetzung folgt)

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Weiterführende Links zu "Sassnitzer Heilkreide":
1) Friedrich v. Hagenow und die Sassnitzer Kreide 2) Die Sassnitzer Heilkreide und ihre Zusammensetzung 3) Anwendungsmöglichkeiten der Sassnitzer Heilkreide 4) Aus alten Prospekten / 5. Der Plan zur Errichtung eines Kreideheilbades in Sassnitz 6.) Die Kreideheilbad-Gesellschaft

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