Freitag, 29. Juni 2018

Demmin - Rückblick und Gegenwart

Blick zur Demminer Batholomäiskirche
Demmin (PA). Wer Demmin, die alte pommersche Hansestadt, an den Flüssen Trebel, Peene und Tollense besucht, wird wohl so manches Mal innehalten. Schon von der Ferne grüßt weithin sichtbar die Batholomäiskirche. Sie ragt mit ihre Spitze hoch in den Himmel und reicht weit über die Dächer der Stadt hinaus.
Brücke vom Speicher zum Hanseviertel über die Peene
Sie ist wohl das Beständigste von Demmin. Denn entgegen der Annahme, dass erst das Jahr 1945 und deren schreckliche Ereignisse um den 1. Mai die Hansestadt hart geprüft hätten, erstreckt sich der Kampf um die Behauptung dieser Stadt über mehrere Jahrhunderte und hinterließ tiefe Spuren.

Demmin gilt heute als ein der ältesten pommerschen Siedlungen. Davon zeugten nicht nur die großen Urnenfelder und wendischen Wohnstädten, die sich in unmittelbarer Nähe zur Stadt finden ließen. Hier, auf einem Hügel, entstand eine Siedlung, weil der Fischreichtum von Peene und Tollense und sicher auch die reiche Wildnis, der einst großen Wälder im Umfeld, den hier lebenden Menschen eine entsprechende Lebensgrundlage boten.
Der Pulverturm, letzter Zeitzeuge der einstigen Befestigung
Früh hatte zudem die außerordentliche Lage den Warenaustausch begünstigt, denn Wasser- und Landstraßen hatten hier ein Etappenziel - zu Wasser mit der Verbindung nach Vineta oder Julin und zu Lande nach Magdeburg (über Malchow) und nach Hamburg (über Dargun). Als Handelsort bekannt, findet es durch Adam von Bremen Erwähnung (1073), der Demmin als große Stadt (civitas maxima) beschreibt. Und entsprechender Schutz für das Zentrum des Handels fand sich in der Burg, die Kaiser Friedrich Barbarossa denn sogar als ausgezeichnete und berühmte Feste bezeichnete.

Otto von Bamberg, der pommersche Apostel, besuchte Demmin im Jahre 1128 auf seiner zweiten Missionsreise. Allerdings nächtigte er in der erwähnten Burg und soll nie seinen Fuß in den Ort gesetzt haben. Wer weiß? Jedenfalls tagten im gleichen Jahr die Demminer Bürger auf der Burg und beschlossen die Entsendung ihrer Vertreter zum Landtage nach Usedom. Es müssen bewegte Zeiten gewesen sein, denn 1147 wird der Demmin zum Ziel der Kreuzzüge gegen die Wenden.
Die katholische Kirche trägt den Namen "Maria Rosenkranzkönigin" mit einem 45 Meter hohen Turm
Dennoch begünstigt die Lage auch die weitere Entwicklung: 1249 wird die Stadt mit lübischem Recht gegründet, 1264 wird die Burg zum Sitz des pommerschen Herzoghauses und 1283 trat Demmin der Hanse bei und blieb deren Mitglied bis 1607. Von Bedeutung ist dabei die enge Verbindung zu Stralsund, Greifswald und Anklam, die sich nicht nur im Rügenschen Erbfolgekrieg beweist. Die pommerschen Städte - nicht der Adel! - rücken den Mecklenburgern zu Leibe und entreißen so dem lose organisierten Adel die Führung der ständischen Politik. Schutz zur Verteidigung der Interessen bieten 4 Tore und 17 Türme sowie einzelne Mauern.

Das wegen des Viehtriebs "Kuhtor" genannte Tor hieß ab 1821 "Luisentor" nach der preußischen Pinzessin
Doch nach der Blüte und dem Aufstieg Demmins folgt der Niedergang: Krieg, Feuer, Verwüstung, Hunger, Pest und Seuchen suchten die Stadt heim. So liess der 30jährige Krieg und die Folgejahre u.a. die Wohnstätten von 406 Häusern auf 80 Wohnstätten (1656) und schließlich 25 Bürgerhäuser (1676) schrumpfen; Grund und Boden waren um das Zehnfache entwertet worden. Es gab noch 54 Einwohner in der Stadt. Und weil nach den Bränden von 1680 und 1648 gar keine Steuern mehr entrichtet werden konnten, halfen Greifswald, Anklam, Ueckermünde, Wolgast und Barth dem völlig verarmten Demmin. Nun galt der Spruch: "Wie liegt die Stadt so wüste, die ehemals voll Volks war."
Kanone an der einstigen Ostkaserne: Blick in Richtung Altstadt
Doch wieder regten sich die Hände. Jungbürger siedelten sich an. Sie räumten den Schutt beiseite und bauten die Stadt neu. Der Seehandel erlebte einen Auftrieb und verband sich schon bald mit den Namen von Essen, Ludendorf, Lobeck, Schimmelmann u.a. Bis 1711 waren vierzig neue Häuser entstanden. Doch wieder sollte es einen Rückschlag für die pommersche Stadt geben. Im Zuge des Nordischen Krieges fanden sich auch ungebetene Gäste ein: Polen, Sachsen und Russen. Letztere weilten sogar etwas länger. Neben Fürst Menzikoff, der Oberkommandierende der Russen und Kronprinz, kamen auch die Kaiserin Katharina I. mit dem gesamten Hofstaat in die Stadt und feierten hier fast 14 Wochen fröhliche Feste. Am Ende blieben sie sogar noch 71.000 Taler schuldig.
Aus dem 1897 errichteten Wasserturm entstand 1978 eine Astronomiestation mit Planetarium
Und auch im siebenjährigen Krieg musste Demmin wieder einiges erdulden: Damals nahmen die Schweden acht Mal die Festung ein, doch diese wurde ebenso oft von den Preußen zurückerobert. Später ließ der preußische König Friedrich der Große (der "Alte Fritz") die Festungsanlagen schleifen und es stellte sich eine glückliche Entwicklung ein.

Die "Rote Schule", 1894-1895 als Stadtknabenschule errichtet, ist noch Schule und trägt den Namen Fritz Reuters
Nur die Jahre 1806 / 1807 machten den Demminern erneut zu schaffen, denn durchmarschierende Truppen suchten erneut die Stadt heim. Erst 1808 war Demmin von der fanzösischen Fremdherrschaft befreit. Die Kriegskosten beliefen sich da bereits auf 125.507 Taler, eine Last die nun durch die Bürger, Tagelöhner, Handlungsdiener und Handwerkergesellen abgetragen werden musste. Zu diesem Zeitpunkt entstand eine schwedische Garnison. Und später sollte hier auch das 2. Pommersche Ulanen-Regiment Nr. 9 beheimatet sein, in dem auch viele Rüganer ihren Dienst versahen.

Reste des Ulanendenkmals: Errichtet in Erinnerung an das Ulanenregiment (1860-1920) in der Garnisonsstadt
Wieder nahm die Entwicklung der alten Hansestadt einen Aufschwung - begünstigt u.a. auch durch den Bau einer Eisenbahnverbindung zwischen Berlin und Stralsund, die über Demmin führte. Und wieder wurde sie vom Krieg - dieses mal vom zweiten Weltkrieg - stark getroffen. Die Stadt, die kampflos übergeben wurde, erlebte nun Übergriffe auf die Zivilbervölkerung, die u.a. zu Vergewaltigungen und Brandtsiftungen führten. In diesen Tagen um den 1. Mai 1945 kam es zu einem Massensuizid und einer fast vollständigen Zerstörung der Altstadt.
Batholomäiskirche: Gedenken an die Geschehnisse im Mai 1945
Nach dem Krieg erfolgte der Neuaufbau. Demmin blieb Kreisstadt wurde allerdings dem Bezirk Neubrandenburg zugeordnet. Nach dem politischen Umbruch wurde u.a. die Batholomäiskirche saniert und das Rathaus auf dem Marktplatz nach historischem Vorbild wiedererrichtet. 

Das wiedererrichtete Demminer Rathaus mit dem Hansebrunnen im Herzen der Altstadt
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Aus der Festland-Reportage-Reihe "Dies- und jenseits der Oder": 
"Besuch einer Archtekturikone: Stettiner Philharmonie" (27. Juli 2018) / "Pommersche Fachwerkkirche gerettet!" (17. Juli 2018) / "Neue Fenster für die Dicke Marie" (15. Juli 2018) / "10. Jakobimarkt in Stettin" (13. Juli 2018) / "Keine Züge und Busse nach Stettin" (07. Juli 2018) / "Eine Legende kommt nach Sassnitz" (2.Juli 2018) /  "Ein Besuch der Hydrierwerke Pölitz" (05. Juli 2018) / "Demmin - Rückblick und Gegenwart" (28. Juni 2018) /  "Radweg zwischen Pasewalk und Stettin wächst" (28. Juni 2018) / "Bergens Partnerstadt Gollnow wird 750 Jahre" (22. Juni 2018) /  "470 km Schnellstraßen & Autobahn-Kilometer" (15. Juni 2018) / "Stettiner Schloß: Wie weiter nach der Katastrophe?" (08. Juni 2018) / Seetage und Sail Stettin (01. Juni 2018) / Gute Nachrichten: Die Bahn kommt! (25. Mai 2018)