Sonntag, 24. Juni 2018

Wenn Lügen kurze Beine haben...


Liebe Rüganer,
man kann sich darüber streiten, was brutaler ist: Die Wahrheit oder die Lüge? Wenigstens scheinen die Sassnitzer Stadtvertreter den Weckruf ("Königstuhl: Wenn die Bombe platzt...") gehört / gelesen zu haben. Die Reaktion von Stefan Grunau (CDU) darauf war jedoch billig. Schon Berthold Brecht hatte sich darüber Gedanken gemacht, was von Leuten zu halten ist, die die Wahrheit kennen und sie eine Lüge nennen. Die schönste Kommentierung von Stefan Grunaus Beitrag in der Stadtvertretersitzung zur Ablehnung des Bürgerentscheids hörte ich allerdings dieser Tage auf dem Rathausflur. Dort meinte jemand: "Wenn Lügen kurze Beine haben, müsste Grunau Hackenschuhe tragen." 

Worüber sich schon Berthold Brecht Gedanken machte...
Ehrlich gesagt würde ich mir wünschen, viele Dinge, die an einen herangetragen werden, wären unwahr. Leider ist das Gegenteil oft der Fall. So ist es auch bei einer alten Dame, die im Rügener Ring wohnt. Jeder kennt die präkäre Situation: Die Einkaufsmöglichkeiten sind seit dem Schließen des Netto-Discountmarktes, für viele ältere Sassnitzer in weite Ferne gerückt, für einige von ihnen sind sie sogar unerreichbar. Und wenn sie sich nicht gegenseitig unterstützen würden, trotz ihrer Einschränkungen, dann würde es wohl gar nicht möglich sein, ein lebenswertes Leben zu gestalten. Der soziale Kontakt ist beschränkt, ebenso wie die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. 

Wie zynisch muss es sein, wenn beispielsweise eine Stadt wie Sassnitz, für seine Bürger einen Stadtanzeiger mit amtlichen Informationen herausgibt, der einen großen Teil der Sassnitzer einfach nicht mehr erreichen kann. Und das, obgleich bekannt ist, dass nicht jeder Rentner über Internet verfügt und die Auslage im Rathaus für viele so unerreichbar erscheint, wie das andere Ende der Welt. Vielleicht wäre dies sogar eine Intervention der Sassnitzer Gleichstellungsbeauftragten wert, denn hier wird ein Teil der Bürger von Dingen ausgeschlossen, die die Stadt bewegen.

Vielleicht bringt das Alter auch uns eines Tages Einschränkungen. Der Blick darauf von denen, die bereits heute Betroffene sind, schmerzt. Also sprechen wir ihn doch einmal an: Den Pflegenotstand! Wir können uns mit Hochglanzprospekten und Versprechen betäuben, wir können wegschauen, aber was, wenn wir durch Eltern oder selbst betroffen sind. Und: Natürlich, Pflege ist harte Arbeit! Das wissen alle, die selbst Angehörige pflegen und dafür ihr eigenes Leben zurückstellen. Doch was, wenn man selbst auf fremde Hilfe angewiesen ist?

 In unserem konkreten Fall geht es dabei nicht um die Arbeit der Pflegekräfte (Was wären wir ohne sie?) sondern um die Abrechnungen und die Auszahlungen der unverbrauchten Pflegesachleistung. Diese erfolgt von der Pflegekasse an die Pflegebedürftigen. Doch hier gibt es zum Teil Verzögerungen von 3 bis 4 Monaten. Nach der Zustellung des Abrechnungsbescheides an die Pflegebedürftigen vergehen dann z.T. weitere 3-4 Wochen, bis das Geld den Pflegebedürftigen erreicht.  Schuld sind daran nicht in erster Linie die Pflegekassen. Hapern kann es auch an der örtlichen Sozialstation. 

Häusliche Pflege: Für alle eine Herausforderung...
Vorwürfe dieser Art werden nun u.a. gegen die DRK Sozialstation Sassnitz laut, die ihre Abrechnungen aufgrund von Personalmangel (Warum eigentlich? Warum fehlt es eigentlich an einem politischen Willen, das zu ändern?) nicht zeitgemäß abarbeiten soll. Natürlich ginge dies immer in erster Linie  zu Lasten der Pflegebedürftigen. Sie sind das schwächste Glied in der Kette und das obgleich sie als Generation mit ihrer Lebensleistung uns unseren Weg geebnet hat. Auch ihre Zeiten, als sie berufstätig waren, waren nicht leicht. Oftmals vom Mangel gezeichnet, ging es immer darum, trotzdem eine Lösung zu schaffen. Wenn sie nun heute selbst zum Telefon greifen, verstehen sie es natürlich nicht, wenn ihnen dann auch noch pampig gekommen wird und sie zu Bittstellern degradiert werden. Zustände, die wohl keiner gerne erleben möchte. Wer darüber spricht, geht ein hohes Risiko ein, denn natürlich benötigt man ja als Betroffener einen Pflegedienst. 

Natürlich sei auch nicht unerwähnt, dass die Pflegedienste genauso Probleme mit der Abrechnung ihrer Leistung bei den Pflege- und Krankenkassen haben. Bisweilen kann das sogar existenzbedrohend sein. Deshalb sollte hier (bei Sozialstation und Betroffenen) ein gegenseitiges Verständnis herrschen. 

In dem angesprochenen Fall kann man nur eine schnelle Lösung wünschen!

Hans Hegel

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