Donnerstag, 14. Juni 2018

Zu Besuch bei Dr. Stefan Kerth in Barth

Dr. Stefan Kerth wirft einen Blick zurück: Hier war einst das Landratsamt des Kreises Franzburg-Barth
Wir besuchten am Dienstag, den 12. Juni 2018, Dr. Stefan Kerth im ehemaligen Landratsamt des Kreises Franzburg-Barth (heute Sitz des Amtes Barth). Hier sprachen wir mit ihm über seine Wahl zum neuen Landrat von Vorpommern-Rügen, die Region Vorpommern, die Bewahrung der Identität von Rügen, das Verhältnis von Bürgern und Politik und sparten dabei auch nicht die aktuellen Themen der Insel und des Landkreises aus.

"Erstmals SPD-Landrat in Vorpommern-Rügen" oder "Nordost-SPD wittert Morgenluft" - so nur zwei der Schlagzeilen der letzten Stunden. Können Sie sich erklären, warum die Medien und Parteien eine Landratswahl, die ja eine Personenwahl ist, sofort in politische Landkarten einordnen?
Dr. Stefan Kerth: Also, ich wollte immer ein Landrat für alle sein. Und ich meine auch, dass bei solchen Positionen wie Verwaltungsleiter, Repräsentant, Bürgermeister oder Landrat es eher auf die Person ankommt. Das ist meine Überzeugung. Deshalb ordne ich das Ergebnis auch anders ein. Ich denke, bei diesem Wahlkampf hat die Person und der Gestaltungswille eine große Rolle gespielt und nur sekundär die Partei. Das Parteien dies aber auch als ein Bekenntnis interpretieren, ist normal, weil die Partei ja auch sichtbar für jeden Wähler auf dem Wahlschein stand.

Im Wahlkampf war Ihre Botschaft "Stafan Kerth - Zeit für Veränderungen". Nach Ihrer Wahl zum Landrat: Was wird sich persönlich für Sie ändern? Und was werden Sie in den ersten hundert Tagen ändern?
Dr. Stefan Kerth: Ich werde dann nicht mehr in diesem Landratsbüro (das vom ehemaligen Kreis Franzburg-Barth - Anm. d. Red.) sondern in einem anderen Landratsbüro sitzen (lacht)... Also ich werde in Stralsund meinen Dienstsitz haben, aber: Im Privaten wird sich nichts ändern. Ich bleibe Stefan Kerth, Vater von drei Kindern und wir leben hier in Barth. Ändern wird sich aber, dass ich vermutlich wahnsinnig viel unterwegs sein werde. Vermutlich deshalb, weil: Ich will das! Ich denke, dass es wichtig ist, dass man auch vor Ort greifbar ist. Es ist aber auch vielleicht die schwierigste Aufgabe für mich, weil der Landkreis unglaublich groß ist. Und wenn man dann einmal in Dettmansdorf-Kölzow gefragt ist und am gleichen Tag noch in Dranske, dann müsste man eigentlich über das Fliegen nachdenken... (lacht) Aber insofern wird sich mein Leben ändern...

Und was wollen Sie in den ersten hundert Tagen angehen bzw. ändern?
Dr. Stefan Kerth: Also vor den ersten hundert Tagen wird schon was geschehen, weil: Die ersten hundert Tage beginnen am 10. Oktober 2018. Aber ich bin jetzt schon im Gespräch mit Akteuren und lote Sachen aus, die offensichtlich die Menschen bewegen. Wir müssen sehen, wie wir dort Lösungen hinbekommen. Ein konkretes Beispiel ist das Thema Schülerbeförderung. Das ist also ein ganz konkreter Punkt. Da möchte ich zwar nicht an hundert Stunden oder Tagen gemessen werden, aber ich habe längst damit begonnen. Ich werde dazu auch mit den Fraktionsvorsitzenden des Kreistages telefonieren, obgleich der Landrat, Herr Ralf Drescher, noch im Amt ist. Denn ich möchte, dass die Schülerbeförderung für alle Schüler frei ist und dies auch für den Haushalt 2019 festzurren. Allgemein glaube ich aber auch, dass wir in anderen Themenbereichen neu denken müssen. Wir haben den akuten Arbeitskräftebedarf auf der einen Seite und zu wenige ausbildungsfähige junge Leute, die wir aus den Schulen erhalten. Die Ursachen sind vielschichtig. Wir brauchen eine Art neuen sozialen Dialog bzw. eine Bündnis zwischen Schulen, Arbeitgebern und dem Sozialsektor. Auch dazu werde ich Gespräche führen.

Nun gibt es einen weiteren pommerschen Landrat, der als Neuer die Geschicke des Landkreises Vorpommern-Greifswald lenken wird - den Loitzer Bürgermeister, Herrn Michael Sack (CDU). Kennen Sie ihn bereits und was könnten Sie sich aus Ihrer Sicht vorstellen, gemeinsam für den Landesteil voranzubringen?
Dr. Stefan Kerth: Ich kenne Michael Sack. Wir sitzen gemeinsam im Vorstand des Regionalen Planungsverbandes. Wir sind auch etwa in einem Alter, wir sind beide Bürgermeister. Also, ich denke, wir finden dort für die Zukunft schnelle und kurze Ansprache, um gemeinsam etwas abzustimmen und auf den Weg zu bringen, übrigens auch Demmin darf dabei nicht vergessen werden...

Nun hat beim ersten Wahlgang der parteiunabhängige Rüganer Steffen Ulrich vorn gelegen. Er kam zwar nicht in die Stichwahl, aber: Stichwort - Sie sagten auch "Insel-Lagen erfordern Insel-Lösungen". Wird es auch mit ihm ein Gespräch geben? Er hat sich ja auch Gedanken gemacht, gerade auch aus der Inselsicht heraus... 
Dr. Stefan Kerth: Ick bün all hier... (lacht) Ich hab´ längst mit ihm gesprochen. Und sogar zweimal. Ich habe den Kontakt zu ihm gesucht und fand auch seine Gedanken interessant. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich seine Formulierung "Kleine Landratsämter" als knackige Formulierung dafür ansehe, worüber wir nachdenken sollten. Darüber hinaus möchte ich den Amtsverwaltungen anbieten, Kompetenzen zu übernehmen. Wenn die Amtsverwaltung in Samtens plötzlich etwas darf, was eigentlich in Grimmen oder Stralsund entschieden wird, finden die Bürger das mit Sicherheit gut und sagen, hier verbessert sich tatsächlich einmal etwas für uns. In seinem guten Wahlergebnis sehe auch einen Ruf der Rüganer "Wir sind unzufrieden!". Und deshalb ist es auch meine Pflicht, mit ihm zu sprechen.
Historische Ansicht des Barther Landratsamtes. Von hier aus geht es nun ins Stralsunder Landratsamt
Im letzten Jahr entstanden zahlreiche Bürgerinitiativen auf der Insel Rügen, die sie auch zu einer Vorstellung als Landratskandidat einluden. Wie soll das offensichtlich gestörte Verhältnis zwischen Bürger und politisch Verantwortlichen wieder ins Lot kommen?
Dr. Stefan Kerth: Demokratie braucht immer gewisse Strukturen. So wie man etwas in der Familie organisiert, muss man sich auch in der Politik organisieren. Trotzdem finde ich es richtig, dass, wenn sich Bürgerinitiativen im Gespräch mit den Kommunalpolitikern nicht durchsetzen können, diese ihre Unzufriedenheit dann verstetigen. Dann bringt Eure Unzufriedenheit in eine Struktur. Tretet bei der nächsten Kommunalwahl an! Und bis dahin arbeitet Ihr außerparlamentarisch!
Ich würde niemals jemanden davon abbringen, ganz im Gegenteil! Ich würde ausdrücklich dazu auffordern. Denn so bekommen die Menschen auch das Gefühl, dass es etwas bringt, sich zu engagieren. Mit unter sag` ich dann auch, wartet doch nicht so lange. Ich hab`da ne viel bessere Idee. Steuert doch einfach mal Kommunalpolitik indem Ihr vielleicht auch darüber nachdenkt, in eine Partei einzutreten und dort die Ziele voranzutreiben und macht da richtig Druck. Und ich denke, die aus den Parteien freuen sich sogar darüber, weil es ja auch in allen Parteien eine gewisse Verzweiflung gibt. Weil: Da kommt ja gar keiner! Also, geht dort hin und haut da auf den Tisch, kandidiert doch auch für den nächsten Vorstand!
Ich weiß aber auch, dass heute - so mein Eindruck - es eher "ein Makel" (Silvio Witt) ist - Parteizugehörigkeit irgendwo rauszustellen. Trotzdem: Beide Wege sind möglich, um sich einzubringen!

Neben gigantischen Windkraftanlagen, Bauen im Außenbereich oder einem Seglerhafen in Prora, wurden die letzten Wochen auf Rügen durch die Debatte um den Königstuhl, sprich die Schwebebrücke oder den Abgang, bestimmt. Jetzt wird es wohl sogar zu einem Bürgerentscheid in Sassnitz kommen. Wo sehen Sie Ihre Möglichkeiten als Landrat in diesen Steitpunkten zwischen Bürger und Politik zu vermitteln?
Dr. Stefan Kerth: Also zur Sache erst einmal: Ich werde mich - so wie ich es auch vor der Wahl gesagt habe - dafür einsetzen, dass es einen Abstieg geben wird. Das vorab. Wir haben dort eine seltsame Situation: Die Stadt Sassnitz hält sich da eher zurück. So wie ich gehört habe, ist der Bürgermeister gar nicht gegen den Abstieg, sondern er möchte dieses größere Projekt (die Schwebebbrücke - Anm. d. Red.) oben nicht gefährden. Die Gemeinde Lohme möchte gerne einen Abstieg haben. Außerdem muß man auch das Thema der Höhenrettung dabei mit bedenken. Ich seh´mich in der Rolle des Vermittlers, weil ich auch für mich kein gutes Argument gefunden habe, was man dagegen haben könnte. Es ist ein touristisches Highlight, das man dort am Königsstuhl hinabsteigt und dafür sollte man kämpfen. Ich würde dabei auch ggf. das Heft in die Hand nehmen, um hier eine Lösung herbeizuführen.

Nun ist es nicht das erste Mal, dass Bürger den Eindruck haben, dass über ihre Köpfe hinweg - also ohne Einbeziehung der Bürger - vieles entschieden und der Bürger anschließend vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Wie kann man diesem Eindruck entgegenwirken und wie können Sie dichter an den Bürger "heranrücken"?
Dr. Stefan Kerth: Der erste Punkt ist, dass man Bürgersprechstunden anbietet und auch ansprechbar ist, durch Präsenz vor Ort. Der nächste Punkt ist, dass man auch viel im Landkreis unterwegs ist, um angesprochen zu werden. Ich möchte dazu viel auf Achse sein. Und dann habe ich noch etwas ganz Konkretes: Ich sehe, wie oben schon erwähnt, ein paar Verwaltungszuständigkeiten, die man auch an die nächste Verwaltungsebene abgeben kann, damit diese Dinge dann vor Ort entschieden werden. So dass die Bürger auch sagen: Die Zuständigkeit ist ja jetzt auch mal dichter gekommen! Es gibt die rechtlichen Möglichkeiten, die Zuständigkeiten zwischen dem Landkreis und den Städten und Gemeinden zu ordnen und dann muss man eben sehen, dass man auch etwas abgibt.

Viele Rüganer sehen ihre Identität gefährdet und machen es u.a. an Dingen wie der Ablegung des Namens des Rüganers Ernst Moritz Arndt durch die Universität Greifswald, die massiven Eingriffe am Königstuhl oder die inselweiten Fällungen von Bäumen fest. Wie kann man hier mehr für unser kulturelles Erbe, aber auch unsere Natur mit ihrer einmaligen Pflanzen- und Tierwelt tun?
Dr. Stefan Kerth: Ich möchte die Identitäten innerhalb des Landkreises Vorpommern-Rügen nicht einnivelieren. Ich finde es wichtig, dass wir - bewusst sogar - uns in Erinnerung rufen, dass wir auch einen mecklenburgischen Teil im Landkreis haben, dass wir auch Stralsund oder Rügen und Nordvorpommern haben - und dies auch immer wieder mit den Eigenheiten, die sich damit verbinden, betonen. Also: Zusammenwachsen als Kreis? Ja! Aber wir sollten auch nicht die Profile und Besonderheiten unserer regionalen Einheiten abschleifen. Ganz im Gegenteil! Man sollte die Unterscheidungsmerkmale ausdrücklich betonen und ihre Entwicklung befördern, aber auch sorgsam mit ihnen umgehen. Warum nicht mal Regionaltage machen? Der Fantasie sind doch keine Grenzen gesetzt...

Nun haben Sie sich als Barther Bürgermeister auch für die Darß-Bahn eingesetzt. Was ist dort der Stand? Und wie geht es jetzt da weiter?
Dr. Stefan Kerth: Die Verhandlungen dazu gehen weiter. Das Planfeststellungsverfahren wird durch die Usedomer Bäderbahn (UBB) weiter betrieben. Und vom Bund ist nun auch das Bekenntnis da. Darum: Ich war immer zuversichtlich, dass die Darß-Bahn kommt. Bei der UBB bin ich sowieso zuversichtlich. Die Verfahren laufen. Wir wissen, dass es nicht nur Fans gibt, aber ich bin Befürworter und überzeugt, dass die Bahn eben kommt, auch weil es dazu als stauunabhängiges Verkehrsmittel bislang keine Alternativen gibt.

Wann wird ihr erster Amtstag sein? Und wie wird dieser ablaufen? Haben Sie da schon einen Plan?
Dr. Stefan Kerth: Also erster Amtstag ist der 10. Oktober 2018 und der wird so ablaufen, dass ich einfach anfangen werde zu arbeiten.

Dann wünschen wir Ihnen alles Gute für Ihre Amtszeit und eine glückliche Hand bei Ihren Entscheidungen.

Dr. Stefan Kerth: Vielen Dank!