Montag, 18. Juni 2018

Zwischen Sund und Kap Arkona (27)

Blick in Richtung Zirkow
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Einst gaben die "Stettiner Neuesten Nachrichten" vor fast 120 Jahren ein "Album Pommerscher Bau- und Kunstdenkmäler" heraus. Es ist ein höcht interessantes Werk, von dem es allerdings nur noch wenige Exemplar gibt. Uns hat es eigentlich erst zu unserem nächsten Streifzug veranlasst. Unser Ziel? Silvitz. 

Blick über das Feld bei Silvitz
Schon der Name dürfte einiges Stirnrunzeln auslösen. Silvitz, wo liegt das denn? Na klar, das es auf Rügen liegt, das glaubt wohl jeder gern: Vilmnitz, Lonvitz, Silvitz... Und ja, der Schluß ist nicht falsch! Wer sich von Zirkow in Richtung Karow bewegt, kommt zuvor an dem kleinen Ort vorbei. Früher lag er einmal direkt an der Straße, die von Bergen nach Mönchgut führte, heute dagegen ist er abseits gelegen. 

Am Feldrain entlang führt uns die Suche nach einem Großsteingrab
Allerdings erklärt die ursprünglich nicht unbedeutende Lage wohl auch die früheren Besitzverhältnisse: Immerhin haben gleich drei Familien - von Bonow, von Barnekow und von Platen - den Ort unter sich aufgeteilt. Später entwickelte er sich jedoch vom Weiler zu einem Einzelhof und wird erst wieder in unserer Zeit neu entdeckt. Bereits am Ortseingang laufen wir zu einem mit Bäumen bewachsenen Feldrain hinüber, der sich in Richtung Bergen befindet. Fast an seinem Ende vermuten wir ein steinzeitliches Grab, dass die letzten Jahre wohl kaum einer gesehen hat. Das Aufschrecken eines Hundes auf einem der ans Feld grenzenden Grundstücke und sein Bellen scheint dies auch akustisch belegen zu wollen.

Die Aussicht ist am Ende fantastisch: Man kann direkt einen Blick auf die Kreuzung von Karow werfen und sieht in der Ferne die Kirchtürme von Bergen auf der einen, Zirkow auf der anderen Seite. Hier soll man also in heidnischer Zeit eine imposant wirkende Grabanlage errichtet haben? Letztlich werden wir sogar fündig: Kaum wahrnehmbar in einem Teppich von Brennnesseln eingehüllt, so als wollte sie sich vor fremden Blicken schützen, finden wir ein Großsteingrab...

Unter Brennnesseln versteckte Steinblöcke
Früher nannte man sie übrigens "Riesenbetten" oder auch "Himmelbetten". Ob es sich den alten Beschreibungen zu Folge bei diesem Feldrain um die letzte Markierung handelt, wo sich einst die Verbindung zwischen Bergen und Mönchgut befand? Doch lesen wir zunächst die alte Beschreibung:

"Auf diesem Hügel, unmittelbar am Wege, überrascht den Wanderer ein gewaltiger Steinbau, die großartig angelegte Grabkammer eines steinzeitlichen Grabes. Das Grab, wie es heute noch erhalten ist, besteht aus sieben gewaltigen erratischen Blöcken, von denen je drei in einer Reihe liegen, während der siebente Block die östliche Breitseite schließt. Die in jeder Reihe sich gegenüberstehenden Steinblöcke, tragen drei gewaltige Deckplatten, von denen zwei aus demselben in der Mitte durchgeklöbten Granitsteine stammen. Wie bei den Hülfsmitteln damaliger Zeit ein Granitblock von etwa 3 Meter Länge und Dicke und ca. 1 1/2 Meter Breite sich nach Wunsch in zwei Hälften theilen ließ, ist schwer zu begreifen. Die Grabanlage, deren nach der Natur skizziertes Bild hier wiedergegeben ist, hat eine Länge von 5, eine Breite von 3 Metern. Auf der offenen Westseite ist der eine Träger abgerutscht und versunken, weshalb der westlichste von drei Dachsteinen schräg liegt. Seit Menschengedenken ist die Grabkammer offen und ihres Inhalts beraubt..."

Die historische Darstellung von damals
Wer den Text heute liest und genauer hinschaut kann hier natürlich die kommende Medienwelt schon erahnen. Begriffe wie "gewaltig" und "großartig" bewerben bereits die Dinge. Doch irritiert die Darstellung. Und eines scheint nun Gewißheit zu werden: Das hier skizzierte Grab existiert so nicht mehr. Es gibt dagegen Hinweise darauf, dass es unweit dieses Ortes gewesen sein soll.

Das gefundene Großsteingrab aus Richtung Karow gesehen
Das ist am Ende vielleicht doch etwas enttäuschend. "Unser" Großsteingrab hat auch nur eine 4 x 2,50 Meter große Kammer, die aus drei Trägerpaaren, zwei Schlußsteinen und drei Decksteinen besteht.

Das Großsteingrab mit seiner Grabkammer aus Richtung Dolgemost gesehen
Der Blick über die Felder der Insel entschädigt villeicht aber doch für die Mühen des Weges. Früher führte übrigens eine recht guter Weg von Silvitz nach Dolgemost. Wäre dieser heute noch in einem guten Zustand, so ließe sich recht praktisch erklären, warum Prora damals keineswegs weit entfernt von Putbus lag. Überhaupt eröffnet dieser Besuch auch noch einmal, wie elementar sich die Insel in den letzten hundert Jahren verändert hat. Liefen einst viele der im Süden Muttlands befestigten Wege (fast) strernförmig von Putbus aus in das Umland, so sind diese heute nur noch bis auf wenige Teilstücke vorhanden oder wurden durch neue Verkehrswege zerschnitten. Sie haben auch unseren Blick auf die Insel und unsere Wahrnehmung wesentlich geprägt und verändert.


---

Weitere Beiträge aus der Reihe "Zwischen Sund und Kap Arkona" mit den Orten von A-Z:

Altenkirchen (32) /Kap Arkona (4) / Baaber Heide (12)Bergen (9) / Boldevitz (2)  / Dumgenevitz (18)  / Garz (10) / Groß Stresow (15)  / Groß Schoritz (14) / Lancken-Granitz (22) /  Lauterbach (13) / Middelhagen (24) / Nadelitz (29) / Neukamp (21)Neu Mukran (8)Pansevitz (17) / Posewald (16) Ralow (3) / Rugard (7) / Ruschvitz (31) / Semper (5) / Silvitz (27) / Spycker (11) / Streu (20)Swantow (1) / Thiessow (25) / Üselitz (19) / Venz (6) / Vilmnitz (28) / Waase (30) / Zirkow (26)

Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach