Freitag, 27. Juli 2018

DER oder DIE Ostsee?

Sassnitz: Hier begann der Törn mit der "Santa Barbara Anna"
Ein Gastbeitrat von serwu zu einem Törn mit der "Santa-Barbara-Anna"vom 7. Juli 2018

Es ist 9:00 Uhr in Sassnitz. Immer noch still. Ein Hauch von Idylle verbreitet sich. Ist das die Ruhe vor dem Abenteuer? Ein Tag des alljährlichen Sassnitzer Hafenfestes. Der Lärm verlagert sich auf die Abendstunden. Man sieht bereits den einen oder anderen Menschen. Proportional zur vergehenden Zeit wächst der Lärm. Der erwartete Ansturm will vorbereitet sein. Die dienstbaren Geister sind am Vorbereiten.

Die Santa-Barbara-Anna liegt fest vertäut am Pier. 10:00 Uhr heißt es Leinen los. Eine Charter-Fahrt mit Gästen, die sich jedes Jahr treffen, um die Freuden der altehrwürdigen Seefahrt zu genießen. Das Schiff ist ein Traditionssegler, der an der Mittelküste Englands als Fangschiff gebaut wurde und 1951 das Licht der Seefahrt erblickt.
Der Dieseltrawler wurde zwischen 1984 und 1986 umgebaut. Aus der Vanessa Ann wurde ein seegelgeigneter Drei-Mast-Schoner. Der Idee verschrieben, die Glut der Tradition der Seefahrt an die Jugend weiter zu geben.

1993 wurde es von Joey Kelly erworben und nach der über alles verehrten Kelly-Mutter in Santa Barbara Anna umbenannt. Durch das immer stärker werdende Engagement der berühmten, musizierenden Familie konnte das Schiff wenig genutzt werden.

Am Anfang des neuen Jahrtausends sorgt der Odin e.V. für die Segeltauglichkeit der Santa Barbara Anna, seit 2014 hat der „Bramschot e.V.“ das Ruder in der Hand.

1993 wurde das Schiff von Joey Kelly erworben und erhielt den Namen seiner Mutter
Die angemeldete Gruppe kommt. Bunt gewürfelt. Enthusiasten, die einen Tag auf See verbringen werden. Wer keine Probleme hat, macht sich welche.
Heißt es DER Ost-See oder DIE Ost-SEE?

Die kursierenden Geschichten über das Sein auf dem Wasser sind andere als die eigene Erfahrung.  

Wenig Wind. Es gelingt das Ablegemanöver problemlos. Nicht ohne, dass der Kaptiän eine Einweisung gibt ... Jeder soll wissen, wie er sich zu verhalten hat, wenn es Gefahr für Leib und Leben gibt.
Der richtige Umgang mit einer Sicherheitsweste hat manchem Seemann das Leben gerettet. Die Gäste lassen es über sich ergehen. Wann geht´s los?

Gemach. Entschleunigung nennt man das. Der vorherige Tag ist in den Gedanken der Mannschaft wach. Abgesagt der Nachmittagstörn. Zuviel Wind. Der Kaptiän entschied, im behüteten Hafen zu bleiben. Ohne Bugstrahlruder ist jedes An- und Ablegemanöver eine Herausforderung an das Können der Mannschaft.

Das war gestern. Heute ist es anders.

Aus dem Hafen, aus dem Sinn. Das Gute an der Vergangenheit ist, dass sie vorbei ist. Der Trubel der Hafentage hat lange nicht sein höchstes Niveau erreicht.

Schnell weg. Die Reise beginnt.

Im Wald ist es spannend zu beobachten, wie ein Ameisenhaufen scheinbar chaotisch funktioniert. Der Sinn des Handelns der Crew erschließt sich für den Beobachter, wenn die Segel gesetzt sind. Die Fahrt geht voraus.

Mit zunehmender Entfernung vom Hafen wird die Brise steifer. Welch Wonne, welch Glück, dafür sind wir an Bord. Wir fahren über die Prorer Wiek in Richtung Granitz. Wie war das damals ? Sind die Menschen zum Vergnügen an Bord gegangen, um Freude am Dahingleiten zu haben? ...
Die Seeleute wohl nicht. Für sie war es damals körperlich, harte Arbeit und ist es bis heute geblieben.

Mitmachen ist Ehrensache. Die Mannschaft ist freundlich und gibt auf die dümmsten Fragen beeindruckende Antworten.
Wohin geht die Fahrt? Wohin uns der Wind trägt?
Was gibt es zu essen? Was die Kombüse hergibt.
Wann kommt mehr Wind? Wenn er da ist.
Wann kommt weniger? Wenn er weg ist.

Manch Mitsegler merkt nicht, dass es um das JETZT des Augenblicks geht. Sonne, Meer und Wind spüren. Ohne Fragen. Danke.

Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Es gibt Erbseneintopf mit Bockwurst. Seeluft macht hungrig. Dank gilt dem Smutje.

Wissower Klinken, Tipper Ort oder Königsstuhl? - Das ist sie, die berühmte Kreideküste.
Ein Teil der Gäste genießt die Fahrt des Schiffes, die Natur, das Auf und Ab der Wellen. Ein anderer Teil sitzt in der Mitte des Schiffes am Tisch. Man erzählt von gelebten Abenteuern auf See, zu Hause, von früheren Törns, vom Autokauf und dem Wechsel von Bremsbelägen. Der Rest sucht sich ein Sonnenplätzchen und schaut den Ameisen zu. Segel setzen, einholen, wenden ... Alltagt der Crew. Wieso Crew und nicht Mannschaft? Eine unbeantwortete Frage.

Da ist sie, die berühmte Kreideküste. Stille.

Es ist nicht einmal ein Klicken der Fotoapparate zu hören. Heutzutage benutzt man das Handy. Es lebe der Fortschritt.

Es sieht aus, als wäre es die letzte Möglichkeit diese Naturschönheit festzuhalten. In den vergangenen Jahren sind auf Rügen mehrere tausend Kubikmeter Fels-, Stein- und Kreide-Abbrüche geschehen. Wie geht das weiter? Wann gibt es keine Kreideküste mehr? Wann ist der Königsstuhl verschwunden? Die Natur hat eigene Gesetze. Das Leben ist Veränderung. Ständig.
Ist der Klimawandel an allem schuld? Ich nicht. Immer die anderen.
Wird die Treppe vom Königsstuhl zum Strand wieder gebaut? Setzt sich die Politik durch? Wen interessiert das? Was würde Caspar David Friedrisch sagen, wenn er hier an Bord wäre?
Aus sicherer Entfernung sieht die Kreideküste beruhigend romantisch aus.
Johann Jacob Grümbke (Begründer der rügenschen Heimatforschung, Geograph und Historiker.) beschreibt 1805 den Königsstuhl:

„Auf diesem Scheitel [des Königstuhls] fühlt man sich in einem ersten Augenblick von einer stummen Bestürzung ergriffen, eine gewisse Furcht beengt die Brust, und der Blick, unvermögend, das Ganze zu fassen, schweift unstet auf dem erweiterten Gesichtskreis umher, bald von den Prospekten der großen Schlucht und der kleinen Stubbenkammer angezogen, bald furchtsam zur Tiefe des Strandes niedertauchend, bald über des blauen Meeres unendlichen Halbkreis hinfliegend, und umsonst nach einer dämmernden Küste des gegenüberliegenden Schwedens spähend, entdeckt er zuletzt Arkona zur Linken, das sich vor dieser Größe demütig erniedrigt.“

Es gibt Menschen, die solchen Gedanken nachgehen.

Kein Klicken der Fotoapparate... Heutzutage benutzt man das Handy.
Nach Stunden gemeinsamen Segelns hat sich anfängliche Aufgeregtheit gelegt, nicht aber der Wind. Die Brise ist inzwischen keine schwache mehr, sondern mindestens eine Fünf, wie der Seemann sagt. Eine frische Brise, kurz bevor es Starkwind ist. Das hat Suchtpotenzial.

Als aktives Mannschaftsmitglied ist ein Kriminal-Buch-Autor mit dabei. Man muss sich ja von Morden, Untaten, dem Bösen erholen.
Er ist ein Humor verbreitender guter Geist, der immer wieder ein Späßchen auf Lager hat und die eine oder andere Frage beantwortet. Mitglied der ersten Stunde. Er hat Kennung. Wenn man sieht, wie er mit den Tauen umgeht ... Respekt.

Auf dem Hinterdeck geschäftiges Treiben der Schiffsführung. Es dreht sich alles um Wind, Wetter, Anlegen, Wenden... was sonst.

Vorn am Bug plappernde Gäste mit dem Ausguck.

An der Stelle, wo Neptun von seinem Recht Gebrauch macht, die Anwesenden zu nässen, findet man Ruhe. Alles hat einen Preis.

An Sassnitz vorbei, um eine Wende zu vollziehen, damit der Motor aus bleiben kann. Wir passieren den Hafen dieser sympathischen Stadt.
Da ist er wieder: Der Lärm der Hafentage. Fast vergessen. Man hört ihn am Leuchtturm der Mole. Nach wie vor die längste Außen-Mole Europas von ca. 1,5 km. Erbaut von 1889 bis 1912.

Das Anlegemanöver gelingt problemlos. Ein CREW-Mitglied übernimmt an Land das Festmachen. Die Wurfleine hätte knapp ein Teil des Schriftzuges eines gegenüberliegenden Schiffes mitgenommen. Kein Wunder. Bei Publikum fliegt die Affenfaust ein bisschen zu weit.
Affenfaust?
Man muss nicht sofort alles wissen. Bei 14 Segeln, gefühlten 1000 Leinen, Tampen und Seilen ist das beim ersten Mitfahren nicht machbar.

Ein Törn voller unaufgeregter Ereignisse geht zu Ende. Zufrieden kann man diesen Tag im Schatzkistchen der Erinnerungen speichern.
Danke Santa-Barbara-Anna, dass wir mit dir ein paar Stunden sein durften. Dank der Mannschaft, die uns sicher durch den Wind gefahren hat.
Dank dem Autor für sein unterhaltsames Tun und Dank dem Klabautermann, dass er heute gnädig war und sich nicht sehen lassen hat, denn dann wäre es stürmisch geworden.

Eine Frage bleibt: Heißt es DER Ostsee oder DIE Ostsee?

serwu

PS: Ein Rattenblech entdecke ich beim Von-Bord-Gehen nicht. Was es damit auf sich hat erforschen wir beim nächsten Törn.