Freitag, 6. Juli 2018

Störtebeker, die Sehnsuch nach Helden bleibt

Alexander Koll bei seinem Nebelritt im neuen Stück "Ruf der Freiheit" (Foto: Chr. Niemann)
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Rügen ist nun schon seit fast 70 Jahren im Störtebeker-Fieber. Der Zulauf ist - auch Dank der Urlauber - ungebrochen! Und das, obgleich auch die Naturbühne Ralswiek oder der Stoff, aus dem der Held Störtebeker geboren wurde, zahlreiche Wandlungen - vom Bösewicht zum Volksheld - erlebte. Das ist noch heute beim Besuch der diesjährigen Störtebeker-Festspiele spürbar...

Hof Alkun - die linke Seite des Bühnenbildes 2018
Störtebeker und Rügen - es ist zweifellos eine ganz besondere Beziehung! Schon der Rüganer Prof. Dr. Alfred Haas sammelte die Sagen und Legenden ein, die sich über Störtebeker von Mund zu Mund verbreiteten. Eines war da klar: Für Rüganer war Störtebeker einer von ihnen. Geboren auf der Insel - denn so hatten es die Alten immer wieder zu erzählten gewusst. Er nahm es den Reichen und gab es den Armen. Vielleicht war es deswegen auch gar kein Wunder, dass diese Grunderzählung die ersten Bemühungen um eine massenwirksame Verarbeitung des Sagenstoffs zu einem Bühnenstück zu beflügeln wussten. Der Rüganer aus dem kleinen Ruschvitz, der sich eher unfreiwillig auf den Weg zum Piraten machte und moralisch bis in die jeweilige Gegenwart ein Vorbild sein könnte. Diese Geschichte galt es jedenfalls von 1959 bis 1961 und auch von 1980 bis 1981 zu erzählen. Dann allerdings riss diese gegenwärtige Reflektion ab und wurde erst 1993 - Dank Peter und Ruth Hick - mit der Reaktivierung durch die Störtebeker-Festspiele aufgegriffen und zu neuem Leben erweckt.

Die Hansestadt Stralsund - als rechte Seite des Bühenbildes 2018
Um das Interesse und die Nachfrage des Publikums zu gewährleisten, wurde damit begonnen das Leben des Klaus Störtebeker in verschiedenen Teilen zu erzählen, so wie es sich zugetragen haben könnte. Der Erfolg gibt den heutigen Likedeelern recht! Von der 1. Spielzeit im Jahre 1993 (3. Juli - 29. August) mit 78.060 Zuschauern konnte man den jährlichen Erfolg auf bis zu 394.766 Zuschauern (17. Spielzeit im Jahre 2009) in der Spitze ausbauen; wobei der letzte Teil eines Zyklus mit der Hinrichtung von Störtebeker immer noch etwas Besonderes ist (Vielleicht auch, weil sich entscheidet, ob es mit dem alten oder einem neuen Schauspieler als Störtebeker weitergeht.)

Teamlesitung: Viele wirken hinter den Kulissen am Erfolg der Festspiele mit
In diesem Jahr gibt es mit Alexander Koll als Klaus Störtebeker und Alexander Hanfland als Goedicke Michels ein ganz neues Piraten-Duo zu sehen, welches sich natürlich erst einmal in den Wirren der Zeit und auch auf der Bühne finden muss: Es wird das Jahr 1395 geschrieben und in der Nähe der Stadt Barth gibt es den Hof der Familie Alkun. Er stellt die linke Seite des wieder vortrefflich konzipierten Bühnenbildes, für welches seit Jahrzehnten Falk von Wangelin sich verantwortlich zeichnet. Gegenüber, auf der rechten Seite, ist die Hansestadt Stralsund als zweiter Fixpunkt gesetzt. Damit bleibt das Spannungsfeld in diesem ersten Teil "Ruf der Freiheit" begrenzt auf einer lokalen Ebene an der pommerschen Küste.

Alexander Koll vor seinem Auftritt im ersten Teil "Ruf der Freiheit"
In diese "kleine Welt" kehrt nach dem Buch des Stückes "Ruf der Freiheit" Klaus von Alkun zurück und muss feststellen, dass der Hof seiner Familie reichlich heruntergekommen ist und es eigentlich an ihm wäre, diesen wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Perspektive dafür gibt es anfangs genug, denn schließlich lebt hier auch noch seine große Liebe und eine Heirat und vielleicht auch Kinder scheinen für den Zuschauer denkbar. Doch haben längst lange zuvor gesponnene Intrigen dazu geführt, dass die Geschwister Dorothea und Rüdiger von Achenbach ihre Hand nach dem Hof und seinem fruchtbaren Land ausstrecken. Die Rolle des "Bösewichts" bleibt dabei wieder Mike Hermann Rader vorbehalten; der seinen Part des Rüdiger von Achenbach glaubwürdig spielt. Eher zufällig kommt es dagegen zur Begegnung von Klaus von Alkun und Goedicke Michels. Das dabei erfolgte Aneinandergeraten und Kräftemessen begründet sehr schnell eine Männerfreundschaft, die noch einiges auszuhalten haben wird. Das der "Sturz des Bechers" dabei erst zum Namen "Störtebeker" führt, ist wohl ebenso unverzichtbar wie Laran, der ihn gleich zu Anfang beim ersten Auftritt begleiten darf.

Keine Aufführung ohne diese Szene: Klaus "stürzt den Becher" und wird "Störtebeker" (Foto: Chr. Niemann)
Der Konflikt um den Hof Alkun endet dagegen tödlich, sowohl für den Vater von Klaus als auch seine Geliebte, die sich (wie könnte es als Stunt anders sein?) mit einem Sturz in die Tiefe das Leben nimmt. Dazwischen gibt es alles, was treue Störtebeker-Fans erwarten: Seegefechte, Kampfszenen und einen neuen Publikumsliebling. Denn mit dem "Kleenen", gespielt von Volker Zack, erobert ein Sachse in bestem Dialekt (erinnert beim Augenschließen beinahe an Eberhardt Cohrs) die Herzen der Zuschauer. Warum der "Kleene" so klein ist, wird auch gleich gesagt: Weil er auf das Beste reduziert ist. Das überzeugt! Gleiches gilt für das diesjährige Ensemble von Schauspielern und Kleindarsteller. "Lippi", der als Balladensänger und mittlerweile Urgestein der Festspiele nicht mehr wegzudenken ist, soll dabei nicht unerwähnt bleiben, wie auch die Tatsache, dass Szenenapplaus wohl das beste Zeichen dafür ist, dass bei diesem Neueanfang bei den Störtebeker-Festspielen vieles wieder richtig gemacht wurde.

Seeschlachten: Ohne den großen "Knall" geht ´s natürlich nicht! (Foto: Chr. Niemann)
Und auch das sei angemerkt: Der erste Schauspieler des Volkshelden der Störtebeker-Festspiele, Norbert Braun, ist ebenso mit von der "Partie", wie der immer noch populäre ehemalige Goedicke Michels, Dietmar Lahaine. Der eine spielt den Vater Armin von Alkun, der andere den Stralsunder Betram Wulflam. Beide wissen auch in diese Rollen ihr Publikum zu gewinnen.

Einmalig und wie immer: Der Blick zum Schloß Ralswiek über die unzähligen Zuschauermassen
Der Besuch der Störtebeker-Festspiele lässt sich in diesem Jahr wirklich jedem nur empfehlen! Einen kleinen Makel gibt es dennoch: Wenn Herzog Johann von Mecklenburg als Landesherr auftritt oder Klaus sein Herz für Mecklenburg schlägt, fragt man sich unweigerlich, warum eigentlich die zwei Rügischen Erbfolgekriege stattgefunden haben? Der erste entbrannte 1326 und der zweite Erbfolgekrieg endete 1354 im Frieden von Stralsund. Das Ergebnis war die Vereinigung des Fürstentums Rügen mit dem Herzogtum Pommern-Wolgast. Die Mecklenburger hatten also 1395 - wo das Stück spielen soll - weder in Barth noch in Stralsund etwas zu melden! Nur gut, dass man so etwas nicht in der Schule lernt. Aber irgendwas ist ja immer...

Die Preise der Karten staffeln sich in diesem Jahr bei Erwachsenen zwischen 18,- und 36,- EUR und bei Kindern (bis 15 Jahren) zwischen 12,- und 27,- EUR. Kinder bis 4 Jahre, die auf den Schoß genommen werden, haben freien Eintritt. Rollstuhlfahrer bezahlen 12,- EUR bei freier Wahl der Platzgruppe; unabhängig davon werden von den Störtebeker-Festspielen Rollstuhlstandplätze mit exzelentem Blick auf die Naturbühne angeboten.


Bis zum nächsten Mal: Die Störtebeker-Festspiele empfehlen sich zum Besuch