Sonntag, 1. Juli 2018

Zwischen Sund und Kap Arkona (29)

Ortseingang von Putbus kommend, hinten die Feldsteinscheune des Gutshofes
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Der Süden Muttlands ist - wie wir schon auf vielen unserer Streifzüge feststellen konnten - reich an Großsteingräbern. So ist es auch in der Ortslage von Nadelitz, einem ehemaligen Gassendorf und späteren Gutsweiler. 

Der Ort selbst ist vielen sicher aus der Durchquerung (in Richtung Putbus oder Binz / Mönchgut) bekannt. Baulich markant sind bis heute die Landarbeiterhäuser und eine Feldsteinscheune, die zum ehemaligen Gut gehörte. Der Ort Nadeltz, 1310 erstmals als "Natlitze" erwähnt, war bis ins 20. Jahrhundert im Besitz des Hauses Putbus, obgleich es immer wieder zu Verkäufen kam (wie in dem Jahre 1357 wo ein Verkauf des Henninck von Putbus an Tetzlav von der Horst belegt ist).

Gleich schräg gegenüber auf der rechten Seite der Straße ist eine der Grabanlagen
Bemerkenswert sind aber die bereits erwähnten Großsteingräber. Von den insgesamt 16 Grabanlagen der jungsteinzeitlichen Trinkbecherkultur (einst wurden 13 als Großdolmen dokumentiert) lassen sich heute allerdings nur noch acht feststellen. Eine erste und umfassende Beschreibung erfuhren sie im Jahre 1829 durch den Naturwissenschaftler Friedrich von Hagenow. Seine Forschungen wurden letztlich 1904 durch den Rüganer Rudolf Baier veröffentlicht.

Die Landarbeiterhäuser am Ortsausgang in Richtung Mönchgut
Heute befinden sich zwei der Grablagen innerorts. Schon wer von Putbus aus den Ort Nadelitz erreicht, nimmt am Ortseingang einen hohen Hügel wahr, der wohl noch einen Teil des Dolmens verdeckt. Ein anderer Teil des Hünenbettes wurde wahrscheinlich im Zuge des Straßenbaus zerstört, so dass sich u.a. Steine der Umrandung finden lassen.
Von der Straße aus rechts, aber nicht einsehbar: Der Stein, an dem Karl XII. gefrühstückt haben soll
Das zweite Grab lässt sich nur schwer finden: Dazu folgt man weiter der Straße nach Mönchgut bis sich auf der linken Seite des Ortes die beiden Landarbeiterhäuser abzeichnen. Dort wo das erste der Häuser beginnt, muss man sich rechter Hand in die Wüstung begeben. Hier liegt, umgeben von weiteren Steinen eine nicht ganz 2 mal 1 Meter flache Steinplatte. Vermutlich war sie sogar einmal als Deckstein für ein Grab genutzt worden. Interessanter ist jedoch die Geschichte, die sich mit ihr verbindet: Hier - so will es die Überlieferung - soll einst der schwedische König Karl XII. (1682-1718) getafelt ("Karlstein") haben.

Der Legende nach, hat hier der schwedische König Karl XII. getafelt
Hintergrund: Am 15. November 1715 landete in Groß Stresow - während des Pommern-Feldzuges (1715/1716) - eine Streitmacht von etwa 10.000 Mann (Preußen, Sachsen und Dänen) unter der Führung des Fürsten Leopold I. von Anhalt-Dessau (gen. "Der Alte Dessauer"). Der Schwedische König Karl XII. eilte dem Feind mit 2.000 Mann entgegen. Bei der schwedischen Attacke auf die angelandeten Truppen wurde Karl XII. verwundet und musste letztlich den Rückzug antreten. An die erfolgreiche Landung erinnert noch heute die "Preußensäule" bei Groß Stresow. In Folge der Niederlage ergab sich schließlich auch die Festungs Stralsund am 23. Dezember 1715.

Nacht der Schlacht von Poltawa (gemalt von Gustaf Cederströms) eilte er u.a. 1714 nach Schwedisch-Pommern
Und noch eine Überlieferung von Ernst Moritz Arndt sei nicht unerwähnt: In seinen "Märchen und Jugenderinnerungen" ist von einem "Riesenstein von Nadelitz" die Rede. Arndt schreibt dazu:

"Bei dem Dorfe Nadelitz auf Rügen, an dem Wege, wenn man nach Posewald fährt, liegt ein ungeheurer Stein, der Riesenstein geheißen. Der ist auf folgende Weise entstanden: Zu der Zeit, als zu Vilmnitz, eine halbe Meile von Putbus, eine christliche Kirche gebaut wurde, lebte auf Rügen ein großer Riese. Manche sagen, es sey derselbe, der die neun Berge bei Rambin aus seiner Schürze hat fallen lassen. Den, weil er ein Heide war, verdroß der Bau der Kirche; er sagte aber: Laß die Würmer nur den Ameisenhaufen bauen, ich werfe ihn doch nieder, wenn er fertig ist. Als die Kirche nun fertig wurde, und auch der Thurm aufgeführt war, so nahm er einen gewaltigen Stein, damit stellte er sich auf den Putbusser Tannenberg, und warf ihn mit großer Gewalt nach der neuen Kirche. Aber er hatte in seiner Bosheit zu erschrecklich hart geworfen, so daß der Stein wohl eine Viertelmeile weiter, über die Kirche weg flog, auf die Stelle hin, wo er noch jetzt liegt."

Landschaft des südlichen Muttland bei Stresow über der der Stein des Riesen "geflogen" ist
Wer die Gegend erkundet kann dies mit dem Besuch der Orte Vilmnitz und Groß Stresow verknüpfen. Leider gibt es noch keinen Rad- bzw. Wanderweg, der die vorgenannten Dörfer miteinander parallel zur Straße verknüpft.


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Weitere Beiträge aus der Reihe "Zwischen Sund und Kap Arkona" mit den Orten von A-Z:

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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach