Samstag, 4. August 2018

Die letzte Wallfahrt des pommerschen Herzogs..


Die ehemalige Wallfahrtskirche von Kenz, wo auch eine "Wunderquelle" existiert
Kenz (PA). Barnim VI. ist heute wohl den wenigsten als pommerscher Herzog noch ein Begriff und das, obgleich er ein Zeitgenosse Störtebekers gewesen ist und seine Likedeeler im Karperkrieg gegen die Hanse unterstützte. 1405 raffte auch ihn die Pest dahin - ihn, der sich bereits auf dem Weg nach Kenz bei Barth begeben haben soll.

Blick zum Altar, hier finden noch Arbeiten zur Instandhaltung statt
Wenn man einigen der Quellen glauben schenken mag, hatte der pommersche Herzog sein Ziel, wie viele andere Erkrankte, mit Bedacht gewählt. Eine "Wunderquelle" versprach damals die letzte Hoffnung auf Heilung. Heute ruhen seine sterblichen Überreste (auf seinen persönlichen Wunsch) in dem 1398 als Wallfahrtskirche St. Marien errichteten Backsteinbau dessen Mauern auf einem Feldsteinsockel errichtet wurden.

Hier ruht der pommersche Herzog Barnim VI. (1365-1405)
Sein hölzernes Grabmahl stand einst mittig über dem fürstlichen Gewölbe, welches seine menschlichen Überreste aufgenommen hatte. Die Stelle selbst wird heute durch eine Platte im Fußboden gekennzeichnet, auf der auch sein Name und das Wappen der pommerschen Greifen zu sehen ist. Das Grabmahl aber, dass an einen hölzernen Sarkophag erinnert, ist mit seltenen gotischen Holzschnitzereien reich verziert worden und steht heute (unmerklich) rechter Hand vom Eingang in der Kirche. 
Alte Darstellung des hölzernen Sarkophags in der Kenzer Kirche
Wer den Deckel einer der beiden Seiten, die gleich einem Satteldach alles verbergen, abklappt, entdeckt schon bald eine jugendliche Gestalt Barnims VI. aus Holz, welche den 1,96 Meter langen Körper in ein hermlinbesetztes Scharlachgewand hüllt. Auf dem Kopf trägt das plastische Abbild des pommerschen Herzogs ein Barret. Sein Haupt selber ist auf einem Kissen gebettet. Doch halten seine eisenbekleideten Hände noch das Schwert, wie es ein Wächter trägt. Zu seinen Füßen entdeckt man schon bald einen Hund, als treuen Wegbegleiter.  Hier, wie über seinem Haupt finden sich Schilde mit dem pommerschen Greifenwappen. gefertigt wurde das Grabmahl unmittelbar nach dem Tod des pommerschen Herzogs - zum Anfang des 15. Jahrhunderts. Es gleicht zweifellos den historischen Abbildern, die davon gefertigt wurden.

Blick in den hölzernen Sarkophag
Kenz selbst, dessen bereits erwähnte Quelle und das hölzerne Abbild von Maria Pomerana Miraculosa einst berühmt machten, wurde auch nach dem Einzug des Protestantismus in den Kirchen und dem damit verbundenen Ende der Pilgerbewegungen nicht vergessen. Zu verdanken soll dies dem Stralsunder Pastor Mathias Kienast gewesen sein, der 1690 das Brunnenwasser von Kenz untersuchen ließ. Die Ergebnisse der Proben versprachen Heilung bei Gliederschmerzen, Augen-, Bein- oder Nierenleiden. So kam es schließlich auch zum Bau eines Brunnenhauses. Man stellte sich zudem auf interessierte Gäste ein, die erneut die Linderung ihrer Leiden suchten und so Kenz zu einem Kurort werden ließen. Nur wer bei Beinleiden eine sichtbare Besserung verspürte und das Tanzbein schwingen wollte, wurde ausgebremst, denn diesem Ansinnen wiedersprach die Badeordnung. Empfohlen wurden stattdessen Betstunden in der benachbarten Kirche St. Marien.

Modell von Kenz: Links die Kirche St. Marien, rechts das achteckige Brunnenhaus
Mit dem beginnenden 19. Jahrhundert versiegte auch die Nachfrage von Trink- und Wasserkuren. Dass man sich auch nach dem Sieg über Napoleon, der Europa kräftig durchgeschüttelt hatte, nicht wieder auf Kenz besann, kann auch der Entwicklung der Seebäder zugerechnet werden, die sich zu gleicher Zeit zunehmender Beliebtheit erfreuten. So riss man schließlich auch das Brunnenhaus von Kenz ab. Nur eine Pumpe ließ noch die Entnahme aus der alten Quelle zu.

Erst 2003 wurde wieder ein Brunnenhaus in Kenz errichtet. Der Bau, der sich nur wenige Schritte von der Kirche St. Marien befindet, wurde nach den Aussagen der Anwohner nach historischem Vorbild wiedererrichtet. Und so bewahrt man auch heute das Andenken an  dieses wohl erste Kurbad auf dem pommerschen Festland diesseits der Oder. 

Das neue Brunnenhaus haust heute die eigentliche Quelle ein, links die Pumpe, rechts die Bank mit Schaukasten
Wer heute den Schwengel der Pumpe zunächst einige Male (bis zu 15 Bewegungen) auf und nieder gehen lässt, wird vor allem an diesen heißen Tagen durch ein kühles Quellwasser aus einer Quelle mit über 800 jähriger Geschichte belohnt. Die Nutzung ist in den frostfreien Monaten für jedermann zugänglich. Außerdem wird das Quellwasser amtlich geprüft und die Werte der Probe sind in einem Schaukasten ausgehängt. Wer auch zukünftigen Besuchern eine Quellwasser-Entnahme ermöglichen will, kann eine Spende hinterlassen. Übrigens wird hier alle zwei Jahre einen Brunnenfest gefeiert - das nächste Fest im Sommer 2019.

Zweifellos ist Kenz wieder einen Besuch wert, wenn man sich auf dem Weg nach Barth befindet. Hier - und das sei nur eine kleine Ergänzung - wurden übrigens auch Dreharbeiten für den Film "Die Reise nach Sundevit" (1966) mit Tim Tammer, der von dem Stralsunder Ralf Strohbach gespielt wurde, gedreht.

Erfrischend kühles Naß aus der Pumpe, sicher vor allem in diesen Tagen ein Genuß!
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Aus der Festland-Reportage-Reihe "Dies- und jenseits der Oder": 
"Die letzte Wallfahrt des Pommerschen Herzogs..." (4. August 2018) / "Besuch einer Archtekturikone: Stettiner Philharmonie" (27. Juli 2018) / "Pommersche Fachwerkkirche gerettet!" (17. Juli 2018) / "Neue Fenster für die Dicke Marie" (15. Juli 2018) / "10. Jakobimarkt in Stettin" (13. Juli 2018) / "Keine Züge und Busse nach Stettin" (07. Juli 2018) / "Eine Legende kommt nach Sassnitz" (2.Juli 2018) /  "Ein Besuch der Hydrierwerke Pölitz" (05. Juli 2018) / "Demmin - Rückblick und Gegenwart" (28. Juni 2018) /  "Radweg zwischen Pasewalk und Stettin wächst" (28. Juni 2018) / "Bergens Partnerstadt Gollnow wird 750 Jahre" (22. Juni 2018) /  "470 km Schnellstraßen & Autobahn-Kilometer" (15. Juni 2018) / "Stettiner Schloß: Wie weiter nach der Katastrophe?" (08. Juni 2018) / Seetage und Sail Stettin (01. Juni 2018) / Gute Nachrichten: Die Bahn kommt! (25. Mai 2018)