Freitag, 17. August 2018

Geschichtsverfälschung auf Rügen

Eine von drei Postkarten, die zur Zeit der Museumsmeile auch die DDR-Zeit thematisierte

Presseerklärung von Dr. Stefan Wolter, i.A. von Denk-MAL-Prora

Der Entwicklung des „Erholungsortes  Prora“ wünscht die Initiative Denk-MAL-Prora alles Gute! Mögen nicht fortgesetzt Waldrodungen und Versiegelungen den Weg zum künftigen Seebad ebnen. Zudem bleibt zu hoffen, dass Politik, Medien und Gesellschaft sich auch zu jener Geschichte am historischen Ort bekennen, die fünf sanierungsfähige Blöcke hinterlassen hat. Die Ruinen in Prora - Nord und der zuletzt (2015) notwendig gewordene Abriss der beiden sog. Liegehallen von Block I verdeutlichen den Zustand der Großbauten von Prora, wären sie nicht um 1950, in stalinistischer Ära, zur Großkaserne (1) ausgebaut worden.

Die  bauliche Schließung der Liegehallen von Block I (genutzt für das Ferienheim der NVA „Walter  Ulbricht“) folgte rund 15 Jahre später als in den übrigen Blöcken. Dementsprechend waren sie maroder als in den Kasernen, wo Stabs-, Lehr- und Soldatenstuben jene Abschnitte baulich verändert hatten. Diese Geschichte im Kalten Krieg ist es, die das jetzt entstehende Seebad hinter den Begriffen „Nazi-Hinterlassenschaft“ und „ehemaliges  KdF-Bad“ versinken lässt:

Zwar haben die Nationalsozialisten den Grundstein und 4,5  km Rohbauten erstellt, doch blieben die Gebäude unvollendet und wurden nach dem Krieg zurückgebaut  und  demoliert, bis schließlich 2,5 km Bausubstanz unter dem Einsatz von rund 19.000 Arbeitskräften für militärische Zwecke um- und ausgebaut wurden. Abgesehen von den  Angestelltenwohnhäusern existierte die Infrastruktur, die das eigentliche Seebad ausmachen sollte, lediglich in Planungsunterlagen  –  ähnlich der Relation Planung/Ausführung der Welthauptstadt Germania.

Heute in Prora agierende sog. „Dokumentationszentren“ werden nicht müde, diese Planung modellhaft vor Augen zu führen, was den tatsächlichen Werdegang der Anlage im  Ost/West-Konflikt vergessen macht. Auch ein Teil der Medien aus dem Norden sowie die  Gemeindeverwaltung Binz steuern die einseitige Wahrnehmung des Ortes, indem aus dem „ehemaligen KdF-Bad“ berichtet wird, als habe es die Nachkriegsentwicklung nicht gegeben. Das ist so, als würde die Stadt Wolfsburg noch heute den Titel „ehemalige Stadt  des  KdF-Wagens“  führen.  

Auf Rügen schämt man sich offensichtlich seiner DDR-Vergangenheit, untergräbt die Geschichte zweier Generationen früherer DDR-Bürger und betreibt eine beschämende Geschichtsklitterung. So belügt sich die Gemeinde Binz auf ihrer Homepage selbst:  

„Im Jahr 1976 ist die Bronze-Plastik „Sportler“ von Jürgen Raue (Berlin) auf der VIII. Kunstausstellung der DDR gezeigt und dann in Prora auf der Aussichtsplattform in Höhe der  heutigen Jugendherberge eingeweiht worden. Sie wird umgeben von einer einmaligen Kulisse aus Ostsee, feinstem Sandstrand, Blick z    ur Kreideküste und der wohl längsten Jugendherberge in einem ganz besonderen Gebäude."  (2)  

Die Wahrheit: Rund zehn Jahre nach der politischen Wende wurde die Skulptur von Block I zu Block V umgesetzt. Damals begannen Kommune, Landkreis Rügen und Land MV damit, das düstere Militärgelände um Block V - zuletzt Unterbringungsort der Waffenverweigerer, sog. Bausoldaten - zu bereinigen und zu verschönern. Dass auch schon  in  jenen  Jahren  ein  „KdF-Express“ das „Bad“ ansteuerte,  gehört zu den Absurditäten einer zur Reflexion geschichtlicher  Zusammenhänge  nicht fähigen Gesellschaft. Das von Prora aus medial bis ins Ausland projizierte Bild vom  sanierten „Hitler-Bad“ fügt indessen auch der eigentlich auf die Opfer der NS-Zeit ausgerichteten Erinnerungskultur Schaden zu. Die Überhöhung der erste n Bauphase, nicht zuletzt zu Zwecken des Marketings, führt zu Verdrossenheit –  auch  hinsichtlich  der  Medienberichterstattung. 

Eine Glorifizierung des geplanten Seebades bietet indessen auch die Homepage der Gemeindeverwaltung Binz. Leugnung  und Tilgung der Geschichte des zweiten deutschen  Staates  sind ein Unrecht, das viele Gesichter hat. Wissenschaftliche  Ergebnisse und  die  dar um redlich  bemühte    n Personen  werden unterdrückt. Einer Privatinitiative blieb es überlassen, ein DDR-Kunstwerk als authentisches Zeugnis der  historischen Nutzung Proras vor der Entsorgung zu retten. Für dessen Verbleib interessieren sich die Verantwortlichen ebenso wenig wie für die vielen einschlägigen Arbeiten  zur  Aufarbeitung  der Geschichte. Das Bildungszentrum in Block V soll ohne die Initiative Denk-MAL-Prora zustande kommen, obgleich diese den Weg dorthin  seit  zehn  Jahren maßgeblich erkämpft hat. Wenigstens haben erste Investoren  Einsicht  gezeigt. Das illegal entsorgte Wachgebäude vor Block IV wird zumindest äußerlich wieder aufgebaut.  Bleibt zu hoffen, dass das entstehende Seebad daran gemessen wird, wie es mit Natur und Geschichte umgeht – und ob es zu einem die Geschichte implizierenden bunten Ort wird, der ohne den geschichtsverfälschenden  Zusatz  „ehemaliges  KdF-Bad“ auskommt.

1) Auferstanden aus KdF-Ruinen. Der stalinistische Kasernengroßbau und seine heutige Rezeption,      in: Landesamt für Kultur und Denkmalpflege (Hg..), Alles Platte?, Chr. Links, 2018: Quelle   
2) Internetseite des Ostseebades Binz
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(Die von den einzelnen Autoren veröffentlichten Texte, Leserbriefe und Beiträge geben nicht die Meinung der Redaktion wieder)   

Anmerkung:
Heute, am Freitag, den 17. August 2018, übergab Harry Glawe (CDU), Minister für Wirtschaft, Arbeit und Entwicklung, an Karsten Schneider, den Bürgermeister von Binz, um 11 Uhr zwischen Block I und II (Dünenübergang 71) die Anerkennungsurkunde für Prora als staatlich anerkannter Erholungsort. Wie in verschiedenen Medien berichtet wurde, soll die Satzung, die eine Erhebung einer Kurtaxe ermöglicht, vorraussichtlich mit Wirkung ab dem 1. Januar 2019 in Kraft treten.