Mittwoch, 15. August 2018

Goldgräber-Stimmung am Strelasund


Liebe Rüganer,
so wie die Anzahl der Bürgerinitiativen stetig wächst, wächst auch die Anzahl der Bürgerentscheide. Zugegeben: Bei vielen gewählten Stadt-  und Gemeindevertretern dürfte diese gelebte Mitbestimmung der Bürger auf wenig Gegenliebe stossen - allem Geheuchel zum Trotz. Der Grund? Sie unterstellen dem Bürger mangelndes Urteilsvermögen. Niemand von ihnen käme jedoch auf die Idee, seine eigene Wahl in die Stadt- oder Gemeindevertretung in Frage zu stellen...

Viele der Bürgerentscheide waren übrigens wegweisend: So zum Beispiel die Verhinderung eines Hochhauses in Prora (2016). Und auch in diesem Jahr stehen wieder Bürgerentscheide an, die für die Zukunft unserer Insel von Bedeutung sind. Klar, dass man da zuerst an die Schwebebrücke am Königsstuhl denkt. Doch zu Unrecht vergisst man darüber, dass in Altefähr über eine Fusion mit Stralsund abgestimmt werden soll. 

Viel Platz für Wohnungsbau... (Foto: El Zorro)
Auch hier finden sich die üblichen Verdächtigen, für die eine Fusion mit Stralsund alternativlos ist. Für sie selber mag das sogar zutreffen, denn: Natürlich geht ´s auch hier um ´s Geld! Der eine denkt dabei vielleicht an mehr Fähren, der andere an das "Hochzeitsgeld", der nächste an eine Anstellung und der Stralsunder an mehr Bauland... 

Für Letzteres wurde schon mal bunte Linien um grüne Ackerflächen gezogen - die einen bezeichnen dabei "Wohnungsbau" und die anderen "Entwicklungspotential". Darüber, was dort am Ende passiert, entscheidet dann aber nicht mehr die Gemeinde Altefähr sondern die Hansestadt Stralsund, die deren Rechtsnachfolge laut §3 des "Vertrages zum Zusammenschluss der Gemeinde Seebad Altefähr und der Hansestadt Stralsund" antritt. Da aus den Bebauungsabsichten des "Bräutigams", der sein "Feld" bei der "Braut" auf der Insel Rügen "bestellen" möchte, kein Hehl gemacht wird, fragt sich allerdings, wie der "ländliche Charakter" des Fährdorfes gewahrt werden soll - wie es in §5 des gleichen Vertrages heißt.
Wie kann man solche Flächen bebauen und den "ländlichen Charakter" bewahren? (Foto: El Zorro)
Die sich dann bildende Stadtteilvertretung - wie es in §9 des Vertrages vorgesehen  ist - hat keinen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung. Zwar wird dem "Stadteilbürgermeister" ein Antrags- und Rederecht in der Stralsunder Bürgerschaft und in den Ausschüssen eingeräumt, doch letztlich hat die "Stadtteilvertretung" - wie ihr dies in §10 zugewiesen wird - nur eine beratende Funktion. Die Entscheidungen, was letztlich passiert, werden jedoch auf der anderen Seite des Sunds gefällt. Diese werden in §12 auch klar formuliert: "Die Hansstadt Stralsund beabsichtigt, den Stadtteil Altefähr unter Wahrung des dörflichen Charakters durch Entwicklung zusätzlicher Baugebiete, die vorrangig dem Dauerwohnen dienen, zu stärken..." Ein wahrlich schön formulierter Satz und eigentlich ein Widerspruch in sich. Wie groß soll Altefähr werden? Doppelt so groß? Wo sind die Grenzen?

Das Luftbild zeigt, um welche Flächen es hier gehen soll. Es darf bezweifelt werden, dass Altefähr angesichts dieser Pläne seinen dörflichen Charakter noch wahren kann. Diese Entwicklung verändert nicht nur Altefähr sondern auch die Insel Rügen nachhaltig! Die "Goldgräber-Stimmung" steigt, denn die Flucht in "Betongold" ist ungebremst. Man kann die Blase leugnen, man kann aber vor einem Crash warnen. Wehe, wenn die Zinsen steigen! 

Das die Bürger von Altefähr schon vor 90 Jahren die Idee einer Fusion mit Stralsund abgelehnt hatten, weiß heute zwar kaum noch einer - aber: ...ahnen tun sie schon, dass diese Entscheidung nicht nur ihre Zukunft und die ihrer Kinder und Enkel - sowie der ganzen Insel verändern wird. Am Samstag, den 25. August 2018, wird zu einem zweiten Bürgerforum in die Kirche eingeladen werden. Dann sollen offene Fragen zum Vertrag gestellt werden können bevor es im September zur Abstimmung kommt. Der "Rest" der Insel darf dann auch wieder mitfiebern.

Wir Rüganer können nur hoffen, dass die Bürger von Altefähr gut abwägen, was Altefähr und Rügen noch verkraften können.

Hans Hegel

Anmerkung: 
Zwischenzeitlich sind Fusion und damit auch ein Bürgerentscheid in weite Ferne gerückt. Die Gemeindevertreter haben keinen Auffassungsbeschluss zum Fusions-Vertrag gefasst. Damit dürfte das Thema für die Insel Rügen zunächst keine Bedeutung mehr haben. Fazit: So schnell können auch Goldgräber-Stimmungen verfliegen...

--- 

Lesen Sie auch:  
"Auf den Hund gekommen" (6. Oktober 2018) / "Kruso - Gestrandet vor Rügen" (29. September 2018) / "Des Sonnenkönigs neue Kleider" (22. September 2018) / "Von Goldeseln und toten Pferden" (1. September 2018) / "Wie kauft man eine Insel?" (25.08.2018) / "Goldgräber-Stimmung am Strelasund" (15.08.2018) /"Zensur: Adam und Eva auf Rügen" (04.08.2018) / "Aus Sorge um die Kanzlerin..." (22. Juli 2018) / "Wer hat den Größten?" (16. Juli 2018) / "Rote Karte für (Schein-)Demokraten?" (03. Juli 2018) / "Wenn Lügen kurze Beine haben..." (24. Juni 2018) / "Königsstuhl: Bis die "Bombe" platzt..." (19. Juni 2018) / "Der Fall Juliane und der "Maulkorberlass" (17. Juni 2018) / "Rügen als verkehrsberuhigte Zone" (09. Juni 2018) / "Landratswahl: Ulrich auf Rügen ein Sieger..." (29. Mai 2018) / "Die Qual der Wahl" (26. Mai 2018)"Kein Wort bricht das Schweigen..." (18. Mai 2018)"Wenn der Pott aber nun ein Loch hat..." (6. Mai 2018) / "Rügen wird vermüllt, laut und miefig" (28. April 2018) / "Wenn Wahlen zu Gewinnspielen werden... (22. April 2018) / "Alles tanzt nach meiner Pfeife" (14. April 2018) / "Was ich heute Till Backhaus schrieb..." (6. April 2018) / "Ein "Panda" lädt sich ein..." (30. März 2018) / "Angela Merkel - Rügens letzte Rache?" (18. März 2018) / "Rügen schafft sich ab!" (10. März 2018) / "Der König und sein Stuhlgang" (2. März 2018) / "Von Chaos, Clowns und Helden" (24. Februar 2018) / "Wir brauchen keine Lügen mehr!" (17. Februar 2018) /  Vergesst mich nicht!" (9. Februar 1918) / "Make Sassnitz great again!" (4. Februar 2018) / "Was haben Rügen + Sizilien gemeinsam?" (26. Januar 2018) / "Wer den Bock zum Gärtner macht" (15. Januar 2018) / "Vermisst! - Wo ist mein Kind?" (12. Januar 2018) / "Alle Jahre wieder..." (7. Januar 2018) /  "Oh Du Fröhliche..." (26. Dezember 2017) oder "Der Zauber von Schnee" (18. Dezember 2017)

(Die von den einzelnen Autoren veröffentlichten Texte, Leserbriefe und Beiträge geben nicht die Meinung der Redaktion wieder)