Samstag, 4. August 2018

Zensur: Adam und Eva auf Rügen

Liebe Rüganer,
eigentlich könnte man Rügen mit dem Slogan "Zurück zur Natur" bewerben. Ein Werbefilm dafür könnte die Botschaft eindrucksvoll unterstreichen. Ein mit Kreide, dem "weißen Gold" der Insel, bedeckter schöner Körper würde in die Gischt der Ostsee tauchen, sie türkis färben und die feinen Hautpigmente liebvoll umspielen, um sie in ihrer Natürlichkeit freizugeben... 

Doch so einfach ist das heute natürlich nicht mehr: Zwar haben die Mitglieder des Rügener Heilkreide e.V. mit ihrer "Kreidezeit am Strand" ein Achtungszeichen gesetzt, aber: Über 25 Jahre Freiheit haben auch auf Rügen Tribut gefordert. Und der kommt mit der "Textilfaser" daher. Die Freikörperkultur, und damit das Nacktbaden, ist auf dem Rückzug. Das ist sogar wissenschaftlich in mehreren Studien belegt worden. Hätten zu DDR-Zeiten noch 90% aller Jugendlichen FKK-Erfahrungen gemacht seien es nun nur noch die Hälfte. Damit stirbt auch ein Stück weit Unterscheidungskraft, die man dem "Osten" früher noch zuschrieb.

Und ehrlich gesagt: Wenn Adam und Eva auf Rügen das Paradies erlebt hätten, wäre spätestens mit dem iPhone der Sündenfall eingetreten. Nicht wegen dem abgebissenen Apfel, der die technischen Wunderwerke der Neuzeit ziert, sondern wegen dem Posten von nackter Haut. Ob wir uns nun bald alle für Fotos vermummen müssen? Nein, auch wegen der neuen Datenschutzverordnung. Man weiß ja nie...

Jedenfalls soll es auch schon mit dem Hochladen von Fotos des Rügener Fotografen Klaus Ender Probleme gegeben haben, als ein Artikel über sein Leben mit einem Akt gepostet wurde. Noch bevor das Upload ausgeführt war, war es auch schon wieder auf "Fazebook" verschwunden. In Flandern nennt man das übrigens "kulturelle Zensur". Nicht ohne Grund:
Zurück zur Natur: Ein Foto von Klaus Ender (Binzer Bucht)
Wie mehrere Medien zu berichten wussten, hat Facebook einige der "fleischeslustigen" Nacktbilder des Malers Peter Paul Rubens (1577-1640) gelöscht! Sie waren nur ein Teil von Postings der Tourismusregion Flandern. Jetzt prangert diese - gemeinsam mit flämischen Museen - die Löschpolitik des Netzes an, denn Facebooks Werberichtlinien verbieten die Darstellung von Nackten, auch wenn es um Kunst geht. - Facebook hat wohl nicht das erste Mal jedes Maas verloren.

Mit Zensur hatte Klaus Ender aber auch schon in DDR seine Erfahrung sammeln können. Er löste das Problem mit den "Sittenwächtern" übrigens auf eine pfiffige Art und Weise: Klaus Ender begann Silhouetten zu fotografieren. Die Umrisse von Linien, die durch das Gegenlicht gezeichnet wurden, rissen dabei nur das Feminine an, den Körper selbst traf kein Licht. Doch was sollen die Flamen tun? Rubens ist tot, eine andere Darstellung seiner Bilder nach 400 Jahren Kulturgeschichte wohl kaum möglich.


(Quelle: VISITFLANDERS)
Aber auch die Flamen lösten das Problem klug: In einem Clip führt die " Nacktheitspolizei" Besucher des Rubenshauses, eines Museums in Antwerpen, von den Malereien weg und hindert sie so daran, die Bilder zu betrachten. 

Und beim Schauen des Werbefilms hatte ich dann sogar Kopfkino. Wie wäre es mit Schildern wie "FKK-Strand - Nicht für Facebook-Nutzer"? Das würde wahrscheinlich scharenweise die "Nackedeis" aus den sozialen Netzwerken anlocken. Warum? Weil es laut Facebook "total verboten" und "illegal" ist. Die Freikörperkultur wäre gerettet und das wäre dann der erste Schritt "Zurück zur Natur". Oder: Zu Adam und Eva.

Liebe Grüße vom Strand!

Hans Hegel

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