Donnerstag, 6. September 2018

Garzer Bürger haben Redebedarf

Spalier mit unmissverständlichen Forderungen der Bürger, die Initiative ergriffen
Garz (PA). Eigentlich ist Garz eine eher ruhige Stadt. Man kennt sich und bewahrt in vielen Fällen Gelassenheit. Wenn allerdings die Bürger dieser ältesten Stadt auf Rügen und der vielen anliegenden Ortsteile derzeit in Wallung geraten, so hat das mit dem Naturcampingplatz Pritzwald auf dem Zudar zu tun.

Schon sichtlich hat sich die Stadt und das Umfeld in den letzten Wochen verändert. Am Ortsausgang zum Beispiel. Dort steht auf dem Acker ein Anhänger. Er steht dort so, als hätte man ihn vergessen. Darauf ein großes Transparent, welches unmißverständlich ist: "Keine 44 Häuser auf dem Naturcampingplatz Pritzwald, Zicker." Und man findet auch in der Stadt einige Autos, deren Scheiben mit entsprechenden Forderungen beklebt sind. Vor dem Edeka zum Beispiel.

Wer den Zudar kennt, schätzt seine Abgeschiedenheit. Keine Frage! Das hier ein Campingplatz existiert, würde man wohl kaum vermuten. Und das ist vielleicht auch die beste Umschreibung des Problems: Es gibt einen Campingplatz, der nach dem Willen der Garzer Stadtvertreter eine Zukunft haben soll. Es gab offensichtlich keine guten Erfahrungen mit den bisherigen Betreibern. Es gibt einen neuen Pächter und Investor, der u.a. den Plan zum Bau von 44 Häusern hat. Und es gibt den Wunsch vieler Bürger, die diese natürliche Oase, mit der sich auch viele Jahrzehnte der Erinnerungen verbinden und die sie vor einem Kahlschlag sowie einer massiven Bebauung bewahren wollen.

Zu der eigentlich von der Stadt Garz einberufenen Bürgerversammlung am Dienstag, den 4. September 2018, lud deshalb auch eine neue Bürgerinitiative ein. Das Ziel? Das Mitspracherecht wahrzunehmen. Der Wiederhall war deutlich. Die am Ende weit über 140 Gäste der Bürgerversammlung, die schon von einem Spalier mit Schildern empfangen wurden, fanden nicht einmal alle Platz in der Schulaula. Gestanden wurde bis nach draußen. Auch drinnen waren die Stuhlreihen schnell gefüllt. Hier wurde ebenfalls gestanden. Viele der Gäste hatten sich dazu einen Button angesteckt. Was darauf stand? "Keine 44 Häuser auf dem Naturcampingplatz Pritzwald, Zicker."

Das war wahrscheinlich für alle Fälle, falls man nicht zu Wort kommen sollte. Und in der Tat: Nach Begrüßung und Anmoderation, die noch von "Zukunftsträumen" und davon sprach, das nun auch auf dem Zudar "ein Teil einer touristischen Entwicklung" stattfinden solle, erhielt zunächst der Planer des Vorhabens vom Naturcampingplatz Pritzwald das Wort.
Über 140 Bürger folgten der Einladung und hatten Redebedarf
Er wollte noch einmal seine Vorstellungen darlegen. Diese wurden u.a. von Sätzen wie diesen begleitet: "Die Waldeigenschaft soll zurückgesetzt werden." Oder: "Die Waldeigenschaft wird entwidmet." So akrobatisch die Satzbauten auch waren, so klar war die Botschaft: Hier wird Hand an die Natur gelegt! Insofern erstaunt es immer wieder, wenn auf Rügen davon die Rede ist. Statt "Bäume zu fällen" werden sie auf Rügen "entnommen". Klingt komisch, wird aber von den Schöpfern dieser Wort-Verbindungen als versöhnlicher empfunden. "Massig" wird "filigran" und "Baugebiete" werden zu "Erholungszonen" - Investoren-Sprech. Trotzdem: Ab ist ab! Und das schienen auch viele der Bürger zu denken.

Dann, nach etwa 30 Minuten, wurde es schließlich unruhig bei den bis dahin diszipliniert zuhörenden Gästen. Unglücklicherweise endete in diesem Moment ein Satz auf "...geplant sind kleinere Ferienhäuser." Und das brachte dann wohl die Stimmung in Wallung, obgleich zu diesem noch nicht gesagt wurde, wie groß "kleinere" Häuser sind. Dann fielen aber doch noch Zahlen - 44-66 oder 120 Quadratmeter - und da brach dann das Schweigen der Bürger: „Sie wollen uns besoffen quatschen!“ warf ein Bürger ein. „Das ist nicht der ausgelegte B-Plan..“ bemerkte ein anderer Gast. Obgleich Letzteres bestritten wurde, Begleitung fanden die spontanen Einwürfe von tosendem Applaus. Es war so, als hätte man bei einem Ventil den Überdruck abblasen lassen.

Zweifellos: Wer auf die Leinwand schaute, musste den Eindruck haben, dass es sich hier um ein Wohngebiet handle. Als nach weiteren quälenden Minuten endlich der Vortrag endete, herrschte zunächst Stille. Kein Klatschen. Auch die anwesenden Stadtvetreter oder die an diesem Abend sehr ruhige Bürgermeisterin - sie klatschten nicht. Einfach Stille.

Dann sollten die Bürger ihre Fragen stellen. Doch die wollten ihre Positionen vorbringen, hatten Redebedarf. Dabei wurde u.a. angemerkt, dass der Naturschutz an letzter Stelle genannt wurde, wo die Natur auf dem Zudar doch das Wichtigste sei. Das erntete viel Applaus. Ohnehin wurde an diesem Abend ansonsten viel geklatscht. Und wer genau aufpasste, merkte schnell, dass hier die Stadtvertreter wohl viele ihrer Postionen überdenken sollten.

Es mangelte dabei nicht an klugen Worten der Bürger: So war von der Vogelwelt auf dem Zudar und dem Verlust des "Tafelsilbers der deutschen Einheit" die Rede. Natürlich wurde auch der Vergleich zur Ostküste der Insel gezogen, wenn etwa die Halbinsel im Süden von Garz als eine der letzten Flecken beschrieben wurde, der noch nicht so aussehe, wie Glowe.
Zur Veranstaltung lud auch die Bürgerinitiative ein, um das Mitspracherecht wahrzunehmen
Die anwesenden Stadtvertreter erklärten dagegen, dass es auch darum gehe, etwas für die Gemeinde herauszuholen und etwas voranzubringen. Dabei wurde aber den Bürgern oftmals mangelndes Interesse an den Sitzungen - u.a. der Ausschüsse - vorgeworfen. Dennoch äußerte einer der Stadtvertreter, dass er damit rechne, dass sich bei diesem Projekt noch Bewegung abzeichne - durch den gewachsenen Protest. Dies wird sicher notwendig sein, um auch den betroffenen Ortsteil "zu befrieden". Schließlich machte ein Bürger der Ortsteilvertretung deutlich, dass sich mittlerweise das Vorhaben stark gewandelt hätte. Anfangs, so der Bürger, sei es noch um "kleine Häuschen" gegangen. Dafür, dass etwas passieren müsse, um den Campingplatz lebensfähig zu machen, hätte es durchaus Verständnis gegeben. Doch vor Ort hatte man dabei einen Familiencampingplatz im Sinn, der naturverbunden sei, keinen Gigantismus.

Und es gab noch viele Fragen - als diese von dem Moderator der Stadt Garz eingefordert wurde. So u.a. zu der Zuordnung der überplanten Flächen, zu den Höhen der Häuser, zur Verordnung für Campingplätze insbesondere für die zeitliche Nutzung von Ferienhäusern, zum Küstenschutzstreifen von 150 Metern die keine Bebauung zuließe oder zur Freizeitgestaltung - hier in Bezug auf Kiter und Boote. Fragen gab es übrigens aber ebenso zum Hochwasserschutz in Bezug auf die geplanten Häuser. Diesen sah der Planer allerdings in der Verwantwortung des Landes.

Mehrfach wurde an diesem Abend auch von der Stadt Garz darauf hingewiesen, dass Einsprüche möglich wären, die letztlich zu einer Abwägung führen würden. Herr Starke, der Bergener Bauamtsleiter, der wie der Investor zu Wort kamen, versprach eine Überwachung des Verfahrens und eine Erklärung für Bürger, die sich direkt in Bergen zu dem Vorhaben informieren lassen wollten.

Eine ältere Dame, sprach dann zum Schluß Klartext: „Vieles ist unklar, die Bürger sind nicht mitgenommen worden und von Demokratie ganz zu schweigen." Und sie machte einen Lösungsvorschlag: "Die Stadtvertreter sollten das nun erst einmal mit den Bürgern und der Bürgerinitiative klären." Dann blickte sie sogar noch über den "Tellerrand" von Garz hinaus, um festzustellen, dass schon so viel auf der Insel zerstückelt wurde und Rügen nicht mehr schön sei und, dass es ein Wahnwitz wäre, so ein Projekt zu planen. An die Stadtvertreter gewandt, sagte sie mit deutlichen Worten, dass sie sich vor Augen führen sollten, dass sie vom Bürger gewählt wurden, um deren Interessen zu vertreten. Um dann verbindlich zu mahnen: "Liebe Stadtvertreter, denkt daran!"

Es war wie ein Schlußwort. Im Anschluß gingen einige der Oberlichter aus. Die Veranstaltung endete also eher unspektakulär. Die Worte dieses Abends werden aber wohl noch lange nachhallen, die Veranstaltung vielen im Gedächtnis bleiben - nicht nur in Garz, sondern überall, wo die Interessen der Bürger bisher kein Gehör fanden.

Weitere Informationen zur Bürgerinitiative "Keine 44 Häuser auf dem Naturcampingplatz Pritzwald"

Das Licht geht aus...