Samstag, 29. September 2018

Kruso - Gestrandet vor Rügen


Liebe Rüganer,
manchmal traut man seinen Ohren kaum. Da wirft der ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet", Can Dündar, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan jüngst Angst vor der freien Presse vor. Ihm wäre jedoch wichtig, so Dündar, dass Fragen gestellt werden könnten.  Das ist einigen sogenannten "Leitmedien" derzeit sogar eigene Artikel wert. Auf der Insel Rügen dürfte es dagegen wohl nur ein Grinsen auslösen...

Schließlich stellte sich auch die in den Bundestag gewählte Direktkandidatin der Insel keinen Fragen und "flüchtete" stattdessen davor gar bis Südtirol. Die Fragen blieben auch nach dem "Reis' aus" unbeantwortet. Und das, obgleich sie zuvor sogar schriftlich eingereicht wurden, wie früher beim Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

Ein Grund, die Sache nicht weiter zu vergleichen? Vielleicht. Andernfalls könnte man sich schon selbst bald in der Rolle eines "Ed" wiederfinden, der vor Rügen "strandete" und schließlich die vermeintliche Flucht über die Ostsee suchte. Lutz Seilers Geschichte "Kruso", die von gesellschaftlichen Aussteigern zur Zeit des Zusammenbruchs der DDR (1989) erzählt, spielt auf der Insel Hiddensee, wurde mit dem Deutschen Buchpreis gewürdigt und jüngst sogar verfilmt. Nun flimmerte diese am 26. September 2018 über die Bildschirme für die der Zuschauer der ARD.

Kruso und Karola mit Schiffbrüchigen auf Klausner-Terrasse (Foto: © MDR/UFA Fiction/Lukas Salna)
Interessanterweise ist es (trotz seiner Realisierung in Litauen statt auf Hiddensee) dennoch gelungen, dass Kruso seine Freiheits-Utopie zunächst authentisch entwickeln kann. Diesem Sog vermochte sich auch "Ed", der Germanistik-Student Edgar Bendler, nicht zu entziehen. Und das, obgleich die Realität (aus einem Röhrenradio) diese Stück für Stück schleichend zerstört, ja von ihr letztlich sogar überholt wird. Aber: Wer würde nicht glauben wollen, dass eines Tages "Quantität in Qualität umschlägt" oder: "daß das Maß der Freiheit in den Herzen die Unfreiheit der Verhältnisse mit einem Maß übersteigt"?

Wie wir wissen, reicht die errungene Freiheit etwa 30 Jahre nach der "friedlichen Revolution" schon nicht mehr aus, um die Rüganer selbst über ihr eigenes Wahrzeichen abstimmen zu lassen. "Eingefädelt" haben es ausgerechnet die frei gewählten Vertreter ihrer Interessen. Sie halten sich weder an die gemeinsam ausgehandelten und in Gesetze gegossenen Kompromisse noch werden sie dafür von den sogenannten "Leitmedien" kritisiert. Die erst vor einer Generation errungene Souveränität haben sie längst an den Garderoben von Schwerin, Berlin oder Brüssel abgegeben, wo die Lobbyisten ihre Marken einlösen. 

Doch zurück zu Kruso. Die Geschichte dieser Freiheits-Utopie in der Endzeit der DDR lässt schließlich auch die vermeintliche Arche, die Gaststätte "Zum Klausner" auf dem Dornbusch von Hiddensee, zum sinkenden Schiff werden, dass von seiner Besatzung aufgegeben wird. Neben der Realität, die die Freiheits-Utopie Krusos zerstört, tun Gerüchte und der wachsende Vertrauensverlust ein Übriges. Am Ende scheiterten auch die letzten Verteidiger dieser Idee. Sie hat sich überlebt.
Feeling-B-Album "Hea Hoa Hoa Hea Hea Hoa"
Die Geschichte selbst hat auch noch heute viele greifbare Bezugspunkte. Einer von ihnen, dürfte (neben der Gaststätte "Zum Klausner") auch Alexander „Aljoscha“ Rompe von Feeling B (Für alle Jüngeren: Die Band-Mitglieder von "Feeling Berlin" später "Feeling B" - Flake Lorenz, Paul Landers und Christoph Schneider -spielen heute bei Rammstein) sein. Er soll, so jedenfalls der Autor von "Kruso" Lutz Seiler, einen Teil zur Figur des Kruso beigetragen haben. Die, die „Aljoscha“ kennen lernten, sehen in seinen umfangreichen Kontakten und seinem aufgeschlossenen-unbekümmerten Wesen die Ursache, dass er, wie Kruso, Menschen motivieren und mitreißen konnte. Seine letzte Ruhe fand "Aljoscha" übrigens auf dem Hiddenseer Inselfriedhof. Seine Erkenntnis hat ihn überlebt und dürften auch für die Freiheits-Utopie unserer Tage noch immer gelten: Geld versaut den Menschen!

Die Verfilmung "Kruso" zum gleichnamigen Buch sollte man sich in jedem Falle vormerken. Noch ist sie in der ARD-Mediathek verfügbar und könnte auch die Gegenwart leichter einordnen lassen. 

Dazu passt u.a. ein offener Brief, der jüngst in den "Potsdamer Neuesten Nachrichten" zitiert wurde. Geschrieben hatte ihn Oranienburgs Ex-Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke:  

„Als ich im Januar 1990 in die SPD eingetreten bin, habe ich mir geschworen, dass ich mir einen inneren Seismographen bewahren wollte, der mir anzeigt, wenn der Fall eintreten sollte, dass die Kluft zwischen der Politik der SPD und meinen Überzeugungen so groß geworden ist, dass eine Mitgliedschaft nur noch aus Vasallentreue oder der Befürchtung persönlicher Nachteile begründet sei...“ 

Der Fall Maaßen, so Laesicke, sei ein weiterer klarer Fall für die "Ignoranz und Selbstgefälligkeit der Parteibonzen". Und wörtlich heißt es weiter: 

„Ich fühle mich deutlich verarscht und bin nicht gewillt, in diesem miesen Trauerspiel weiter dabei zu sein. Mir reicht es!“


Hans Hegel

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