Sonntag, 30. September 2018

Schon gelesen? (38) Die neue Zeitschrift "Pommern"

Willy Stöwers Zeichnung "Am Wolgast-See" ziert die neue Ausgabe der Zeitschrift "Pommern"
Zu den wohl größten Überraschungen dieser Tage zählt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Pommern". Hier ist es nun erneut gelungen Themen zu setzen, die auch in der Gegenwart einige Nachdenklichkeit und Interesse erzeugen könnten...

Schon der erste Beitrag zu den religiösen Aufbrüchen im Kreis Rummelsburg von Dirk Klinger hat es dabei in sich. Beschrieben wird das Aufkommen der christlichen Erweckungsbewegung, die auch in Kirchenkreisen für einige Unruhe sorgte. Kein Wunder, denn alleine die Tatsache, dass Bibeln und Andachtsbücher in Gottesdiensten verteilt wurden und an den Erweckungsversammlungen bis zu 1.000 Personen (!) teilnahmen, würde wohl auch heute bei den "Kirchenfürsten" unserer Tage für reichlich Mißtrauen sorgen. Zudem fürchtete man nicht zu Unrecht diese Bewegungen, denn der soziale Stand der erweckten Christen spielte bei diesen Treffen bereits keine Rolle mehr. Das erklärt auch das Mißtrauen der Ordnungsmacht. Inhaltlich wendeten sich die erweckten Christen dem Leben zu: Herzlichkeit, tatfreudiges Christentum, stille Treue und schlichter Glaube rückten in den Mittelpunkt des Alltags - Kartenspiel, Alkohol und Tabak wurden verpönt. Dabei dürfte auch interessant sein, dass die christliche Erweckungsbewegung zahlreiche Anhänger und Unterstützer beim pommerschen Adel fand. Und das obgleich, dies keineswegs ungefährlich war: So gab es nicht nur Verfolgung sondern auch Geldstrafen. Letztere konnten verhängt werden, wenn Adlige in ihren Häusern Gottesdienste zuließen. Das Gottesdienste und Abendmahl, Taufen und Konfirmationen trotzdem gefeiert wurden, zeigt allerdings auch, wie zwecklos der Versuch der Unterbindung war und blieb - außerdem: wie auch hier Institutionen an Deutungshoheit verloren. Ein spezieller Abschnitt ist dabei den Baptisten zugedacht worden, die neben weiteren Bewegungen - wie u.a. den Methodisten, stetigen Zulauf erhielten. Zudem wandte sich Dirk Klinger den katholischen-apostolischen Gemeinden zu, die unter dem Einfluss der charismatischen Erweckungsbewegung in Schottland entstanden.
Die christliche Erweckungsbewegung hatte auch bei pommerschen Christen zahlrieche Anhänger gefunden
In einem weiteren Artikel rückt ebenfalls Hinterpommern in die nähere Betrachtung: Robert Kupinski berichtet ab Seite 14 über Investitionen in das Museum der Stadt Stolp. Wer das Museum kennt, weiß um die begrenzten Möglichkeiten. Abhilfe könnte nun, wie berichtet wird, die Übernahme von zwei historischen denkmalgeschützten Speichern, die auch zusätzliche Möglichkeiten für Dauer- und Wechselausstellungen ermöglichen, schaffen. Platz wird sich daneben, wenn die Umsetzung der Planung gelingt, auch für die Museumsbibliothek mit Leseraum, eine konservatorische Werkstatt und Depots ergeben. Daneben sind auch weitere Projekte in Stolp vorgestellt, die Stolp für Einheimische lebenswerter und Gäste attraktiver machen sollen.

Die Architektin Sabine Bock schlägt inhaltlich einen Bogen auf die andere Seite der Oder: Neu aufgefundene Pläne der Kirche zu Nehringen in Vorpommern haben ihre dedektivische Leidenschaft geweckt. Angestoßen wurde diese ursprünglich durch die Suche nach einem Plan des pommerschen Baumeisters Nicodemus Tessin d. Ä. (1615-1681) in den Beständen des schwedischen Nationalmuseums. So stieß man jedoch in Stockholm unverhofft auf einen Plan mit der Bezeichnung "Plan and wall elevation of the interior of a church". Auch wenn dieser dem Stralsunder zugeschrieben wird: Sicher ist man sich nicht! Und das löste eine spannende Recherche aus, die hier beschrieben wird und seine Ergänzung in einem weiteren Artikel zur Erbauung der Barockorgel von Nehringen findet. Diesen verfasste Reinhard Jaehn, der dem Text auch wertvolle Vergleiche bildlich zur Seite stellte.
Unverhoffter Fund: Eine Zeichnung, die einer Kirche in Vorpommern zugeordnet werden kann
Zu den bekanntesten pommerschen Marinemalern zählt sicher der Wolgaster Willy Stöwer. Seine Ansichten von Stralsund oder Stettin sind auch noch heute bei Liebhabern populär. Weitesgehend unbekannt sind dagegen wohl die nun von Gottfried Loeck vorgestellten Postkarten-Motive und ihre Entstehung...
Willy Stöwers Ansichten sind bei Liebhabern immer noch populär: Hier - der Königsstuhl!
Bildlich geht es dann auch mit einem Beitrag über den Maler Otto Graff (1915-1997) aus Fiddechow weiter. Nur etwa 25 Kilometer südlich von Stettin wurde er geboren, wie er selbst bekannte. Und er erklärte zu Lebzeiten auch gleich wie der Name dieses Städchens am Ostufer der Oder zu Stande kam, denn: Fiddichow heißt soviel wie "schöne Aussicht". Das nun, über 20 Jahre nach seinem Tode noch einmal an den Künstler erinnert wird, der zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle, Ölbilder und weit über 1.000 Holzschnitte schuf, ist übrigens Edda Gutsche zu verdanken. Sie zeichnet Otto Graffs Lebensweg, der ihn, wie viele seiner Landsleute in die Fremde verschlug, nach. Diejenigen, die sein Andenken trotzdem bewahrt haben, beabsichtigen in Königsberg (Neumark), wo er bereits einen festen Platz der Erinnerung hat, eine Ausstellung im Rathaus "in Gang" bringen. So jedenfalls wird Everhard Maria Jungboldt, Mitglied eines Vereins, der sich um das Andenken des pommerschen Künstlers bemüht, zitiert.

Einer von zwei Stettiner Physiologen: Albrecht Bethe (1872-1955)
Abschließend ollen noch weitere Artikel über die Marienkirche von Stargard von Fritz Wochnik, über zwei Stettiner Physiologen - Rudolf Höbner (1873-1953) und Albrecht Bethe (1872-1955) - von Hermann Manzke sowie ein Beitrag von Peter Jahnke zum Seminar für Pommersche Familien- und Ortsforschung vom Pommerschen Greif erwähnt. Auch sie wecken sicher das Interesse des Lesers der aktuellen Ausgabe. Außerdem gibt es auch im druckfrischen Heft der Zeitschrift "Pommern" wieder - wie gewohnt - zahlreiche Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zu besprechen: Darunter zu pommerschen Giftpflanzen, zum Kupferstecher Karl Kolbe (1777-1842), zum Diplomaten und Minister Caspar Wilhelm von Borcke (1704-1747) und zur Stralsunder Kunst des 19. Jahrhunderts.

Die Zeitschrift "POMMERN" wird, seit dem Frühjahr diesen Jahres vom Pommerschen Greif e.V. - dem Verein für pommersche Familien- und Ortsgeschichte herausgegeben. Sie ist unter der ISSN 0032 4167 registriert. Die Redaktion liegt bei Dr. Jana Olschewski aus Katzow und Dipl.-Nordist Heiko Wartenberg aus Greifswald. Wir können die Zeitschrift, die vier Mal im Jahr erscheint, für alle an der pommerschen Kultur und Geschichte Interessierten empfehlen. 

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Das Titelfoto für dieses ungewöhnliche Thema steuerte Ingo Gudusch bei