Dienstag, 11. September 2018

Zwischen Sund und Kap Arkona (32)


Alte knorrige Bäume säumen die Allee in Richtung Maltzien
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Für viele Rüganer ist es schwer zu sagen, wie oft sie auf dem Zudar waren. Der Grund dafür ist einfach, denn hier befindet sich auch eine Fährverbindung von Glewitz nach Stahlbrode, die wohl jeder schon in Anspruch genommen hat. Täglich pendelt hier ab 6.00 Uhr ein Schiff alle 20 bis 30 Minuten und bringt Fußgänger, Radfahrer oder Autos auf das pommersche Festland. Wer allerdings nicht bis zum Bollwerk fährt und zuvor den Abzweig Richtung Zicker nutzt, kommt nach Maltzien.
Zufahrt zum Gutshaus von Maltzien - die Wirtschaftsgebäude stehen rechter Hand
Maltzien soll soviel wie "klein" heißen, doch eigentlich erstreckt es sich der Ort dafür weit entlang der Straße. Und er dürfte manchem Garzer oder Putbusser vielleicht noch durch den Jugendclub bekannt sein, der damals zur Disko in das alte Gutshaus einlud. An diesem allerdings würde man heute wohl eher vorbeifahren und dieses dann auch erst im benachbarten Poppelvitz feststellen. Also gibt es gute Gründe bedächtig die Straße entlangzufahren, bis linker Hand die Zufahrt sichtbar wird.

Abhängig von der Nutzung ist auch hier der Zustand der Gebäude
Lange Zeit war Maltzien im Besitz der Familie von Kahlden - nach einigen Überlieferungen sogar seit dem 16. Jahrhundert. Ersterwähnung fand der Flecken, der sich später von einem Bauern- zum Gutsweiler entwickelte, aber bereits 1314 als "Maltzin". Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann das Gutshaus mit Elementen der Tudorgotik errichtet. Es ist bis heute ein markantes Gebäude auf dem Zudar, dass mit seinen dominanten gelben Backsteinen, verziert durch rote Zwischenschichten, eine Unverwechselbarkeit auf der Halbinsel erlangt hat.

Dieses ehemalige Wirtschaftsgebäude ist in einem deutlich besseren Zustand
Die Familie von Kahlden, welche einen Löwen im Wappen trägt, ist ein altes Rügensches Adelsgeschlecht. Schon früh teilte sie sich in zwei Linien - einen roten (ansässig in Maltzien) und einen schwarzen Stamm (ansässig in Grabow). Ihre Bedeutung für die Insel wird klar, wenn man weiß, dass sie gleich mehrermals den Landvogt von Rügen stellte. Henning von Kahlden, der im 17. Jahrhundert lebte, brachte es sogar herzoglich pommerschen Landrentmeister, der also in der Landesverwaltung tätig war. Auch brachte die Familie zahlreiche Offiziere hervor, die in verschiedenen Diensten standen. Auf Rügen verbinden sich mit dem Familiennamen von Kahlden gleich mehrere Ortsgeschichten - u.a. die von Dumsevitz, Grabow, Karnitz, Kollhof, Neklade, Poppelvitz, Renz, Groß Schoritz, Klein Schoritz, Silmitz, Tegelhof, Unrow, Gr. u. Kl. Warksow oder Zicker.
Pommersches Wappenbuch von J. T. Bagmihl, Stettin (1843)
Max Venzmer soll 1908 das Gut mit seinen weit über 300 ha vom Major Karl von Kahlden erworben haben. Er selbst wurde 1932 auf dem Tollow, einer zum Besitz gehörenden Insel (die ihren eigentümlichen Namen von Pappeln ableiten soll) in der vorgelagerten Wiek beigesetzt. Venzmers Witwe bewirtschaftete anschließend das Gut noch bis in das Jahr 1945. Dann wurde es - wie viele andere Gutshäuser Rügens - als Unterkunft und zur Unterrichtung von Schülern genutzt, später im Erdgeschoss auch - wie bereits beschrieben - als Treffpunkt und Jugendclub. Der Zustand der Wirtschaftsgebäude und des Gutshauses ist heute abhängig vom Grad der Nutzung.

Das Gutshaus von Maltzien mit seiner gelben Klinker-Fassade
Wer Maltzien mit seiner ehemaligen Gutsanlage besucht, stellt schnell fest, dass das ehemalige Gut völlig zersiedelt ist, wie so oft auf Rügen nicht zu seinem Vorteil. Auch der Tollow, die unbewohnte Insel, ist ein Stückchen "Traum von Inselbesitz" geworden. Nutzen kann man das etwa 300 Meter lange und 100 Meter breite Eiland von fast zwei Hektar allerdings nicht. Hier - im Naturschutzgebiet - darf nicht gebaut werden! Dennoch ist diese kleine Insel reich. - Vögel haben sich angesiedelt. Ob sie Schätze bewachen? Wer weiß das schon? Über 200.000 Euro soll das kleine Land in der Wiek übrigens wert sein, für die Vogelwelt ist das Eiland dagegen wohl unbezahlbar...


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Extra-Folgen: 
Die Müther-Bauten auf der Insel Rügen (in Baabe, Binz, Borchtitz, Buschvitz, Gingst, Glowe, Sassnitz und Sellin)

Weitere Artikel zu den Großsteingräbern sind unter der Kurzserie "Romantisches Rügen" erschienen:
Die Großssteingräber von Lonvitz, Lancken Granitz, Dwasieden und Lauterbach